Erstes Maueropfer Günter Litfin "Tod durch fremde Hand"

Die Mauer war elf Tage alt, als Günter Litfin versuchte, durch den Berliner Humboldthafen in die Freiheit zu schwimmen. Er wurde von Grenzern entdeckt - und erschossen. Vom Tod des ersten Maueropfers erfuhr sein Bruder einen Tag später aus dem Fernsehen. Eine deutsche Familiengeschichte.

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Berlin - Am 24. August 1961 trug Günter Litfin eine braune Jacke und eine schwarze Hose. Der 24-Jährige lief über das Gelände der Charité unter einer S-Bahn-Brücke hinunter zum Humboldthafen. Rund 40 Meter ist der Kanal an dieser Stelle breit, rund 40 Meter trennten Günter Litfin von der Freiheit. Er war das Gebiet in den Tagen zuvor immer wieder abgelaufen. Seiner Mutter, seinem Bruder und seiner Schwägerin, die mit ihm in der Wohnung in Weißensee wohnten, hatte er nichts gesagt. Kein einziges Wort.

Gewusst hatten sie es trotzdem: dass sie Günters Wohnung in der Suarezstraße in Westberlin nicht umsonst hergerichtet hatten, dass er frustriert war, weil er nach Beginn des Mauerbaus seinen Job im Westen nicht mehr ausüben konnte - dass er irgendwann gehen würde. Als die Mauer gerade elf Tage alt war - mehr ein Provisorium denn ein antifaschistischer Schutzwall - wurde Günter tot aus der Spree gezogen.

Günter Litfin war das erste Opfer der Mauer. Erschossen durch einen Transportpolizisten, um 16.15 Uhr an jenem Sonntag. Nachdem die Wachposten auf ihn aufmerksam geworden waren, gelangte Günter über eine Steintreppe in die Spree und versuchte, ans Westberliner Ufer zu schwimmen. Als ihn die Salve in den Kopf traf, trennten ihn rund 20 Meter von der Freiheit. Die Diagnose der Rechtsmedizin: Hals- und Mundboden-Durchschuss, verbunden mit Ertrinken. Die Ursache laut Totenschein: "Tod durch fremde Hand".

"Det is Schicksal"

Jürgen Litfin steht im zweiten Stock seines Wachtturms und raucht. Es riecht nach altem, kalten Gemäuer und Feuchtigkeit, die schon lange in der Luft hängt. Der 67-Jährige hat eines der Fenster im Turm geöffnet, die noch aus DDR-Zeiten stammen, und lehnt an der Wand. "Wir sind ja hier nicht in einer Kneipe. Hier gibt es kein Rauchverbot", sagt er und lacht mit der krächzenden, fast tonlosen Lache eines starken Rauchers. Seine erste Zigarette hat er vor 53 Jahren geraucht, seither waren es unzählige.

Jürgen Litfin hat schon geraucht, als er in seiner Jugend mit seinem Bruder durch das Berliner Umland geradelt ist, als er mit ansah, wie ein Panzer der Roten Armee am 17. Juni 1953 einen etwa achtjährigen Jungen in seinen Ketten zerquetschte, als er den Sarg seines Bruders mit einer Brechstange aufhebelte, um zu sehen, ob sie ihn durchlöchert hatten, als er wegen Beihilfe zur Republikflucht ein Jahr im Knast saß, als die BRD ihn freikaufte, als er feststellte, dass sein Schwager für die Stasi gearbeitet hatte und als die Mauer schließlich fiel und mit ihr die DDR. "Det is Schicksal", sagt er zu alldem.

Nach langem bürokratischen Hin und Her hat Jürgen Litfin 2002 die Genehmigung erhalten, den früheren NVA-Wachturm in der Kieler Straße umzubauen. Vor genau vier Jahren wurde er eröffnet. Als Gedenkstätte für seinen Bruder. Der Turm steht inmitten eines schicken Neubauviertels in Berlin-Mitte. Die Häuser sind rosa getüncht, haben gläserne Fronten und Balkone zum Kanal, ihre Mieter arbeiten im Bundestag. Im Umfeld der hohen, sauberen Neubauten wirkt das fad braun-graue Gemäuer mickrig und wenig furchteinflößend. "Mein Türmchen", wie Litfin die Gedenkstätte nennt, ist ein Relikt aus einer vergangenen Zeit.

Immer wieder aufs Neue den Hass abbauen

An seine frühere Bedeutung erinnern nur noch die Bilder, die Litfin zusammengetragen hat. Sie zeigen die Mauer und belegen, mit welch martialischen Methoden das SED-Regime versucht hat, die Bürger mit aller Gewalt im Land zu halten - und wie es ihren Tod in Kauf genommen hat. Hundertfach. "Von Günter Litfin bis Chris Gueffroy" heißt die kleine Ausstellung, die der Rentner zusammengetragen hat. Jeden Tag ist er im Turm, berichtet Touristen und Schulklassen vom Leben in der DDR. "Und das war kein Arbeiter- und Bauernparadies", sagt er mit Nachdruck. Sein Engagement im Wachturm und seine Bereitschaft, mitunter mehrmals am Tag von der Erschießung seines Bruders zu berichten, seien seine Art, "immer wieder den Hass abzubauen".

Wie groß der auch 18 Jahre nach dem Mauerfall noch ist, merkt man, wenn Litfin erzählt. Von den "Dreckskerlen", wie Egon Krenz, die noch heute den Schießbefehl leugnen. Von den "Eierköppen" im Politbüro, die die Erschießung des eigenen Volkes veranlassten. Von der "widerlichen Verlogenheit" eines Staates, der seine eigenen Leute einsperrte. Während er all das sagt, pocht er immer wieder mit seinem Zeigefinger auf laminierte Zeitungsausschnitte, die belegen, was Litfin erzählt. Gerade so, als verliehen sie der Geschichte noch mehr Glaubwürdigkeit. Gerade so, als würden seine Erfahrungen nicht ausreichen. Wenn Litfin erzählt, redet er sich in Rage, es ist ihm eine Herzensangelegenheit, jedem einzelnen Besucher einzubläuen, wie "schlecht und verbrecherisch" die DDR war.



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