Eskalation auf Dorffest: Rasender Mob jagt Inder - Mügeln unter Schock

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Brutales Ende eines Dorffestes: Unter Nazi-Parolen soll ein rasender Mob am Wochenende acht Inder durch das sächsische Mügeln gehetzt haben - ein gezielter Überfall von Rechtsradikalen? Klar ist bisher nur: Eine Rempelei auf der Tanzfläche artete zu einer Gewaltorgie aus.

Mügeln - Ein paar Buden in den Gassen der Altstadt, ein kleiner Rummel mit Kettenkarussell für die Kinder, die Geschäfte geöffnet bis in den späten Abend, im Festzelt auf dem Markt spielen Partybands Hits der fünfziger und sechziger Jahre - die kleine Altstadtparty im sächsischen Mügeln war ein Stadtfest, wie es an jedem Wochenende in irgendeiner deutschen Kleinstadt gefeiert wird. Und wie in jeder deutschen Kleinstadt gab es auch beim Stadtfest in Mügeln schon mal eine kleine Schlägerei - so wie es eben ist, wenn der Alkohol in Strömen fließt.

Doch das, was sich am Wochenende in der 5000-Seelen-Gemeinde im Landkreis Torgau-Oschatz zwischen Leipzig und Dresden ereignet hat, entsetzt am Tag danach die ganze Republik.

Denn die zwölfte Auflage des Mügelner Altstadtfestes endete in einer Gewaltorgie, wie sie sich derzeit noch niemand im Ort so richtig erklären kann. Nach einer eigentlich harmlosen Rempelei auf der Tanzfläche des Festzeltes soll ein rasender Mob von mehreren Dutzend Besuchern am frühen Sonntagmorgen acht Inder über den Marktplatz des kleinen Ortes gehetzt haben. Zeugen berichten, dabei seien Neonazi-Parolen geschrien worden: "Ausländer raus" und "Hier regiert der nationale Widerstand". Die Inder retteten sich in eine nahe gelegene Pizzeria eines Bekannten.

Johlend versammelte sich die wütende Meute vor dem Lokal, drohte mit dem Sturm des Restaurants, Scheiben gingen zu Bruch, Eingangs- und Hintertür wurden eingetreten, das Auto des Pizzeria-Besitzers stark beschädigt. Zahlreiche Schaulustige beobachteten das brutale Treiben. Das Großaufgebot von rund 70 Polizisten wurde mit Steinen, Flaschen und Gläsern beworfen, konnte die Menge aber schließlich abdrängen.

Vorläufige Bilanz der blutigen Nacht: Alle acht Inder, Händler aus der Gegend, wurden verletzt, sie sind inzwischen ebenso aus dem Krankenhaus entlassen wie vier verletzte Angreifer und zwei Beamte.

Warnung vor Überfall auf Jugendclub

Eine Sonderkommission der Polizeidirektion Westsachsen versucht nun, Ordnung in das Chaos der Gewaltnacht zu bringen. Nachdem bekannt wurde, dass es offenbar schon vor Wochen eine Warnung gab, Rechtsextremisten könnten dem Dorffest in Mügeln einen Besuch abstatten, ist die Frage: Haben Neonazis aus der Region die Veranstaltung gezielt angegriffen?

Bei der Warnung soll es um eine E-Mail gehen, die der Mügelner Jugendclub vor einigen Wochen von einem Informanten aus der rechtsextremen Szene erhalten haben will und die auch an die Stadtverwaltung weitergeleitet wurde. Darin wird der Jugendtreff angeblich vor einem Angriff von Neonazis während des Altstadtfestes gewarnt. "Wir haben diese E-Mail allerdings nie gesehen", sagte eine Polizeisprecherin heute. Man ermittle "in alle Richtungen", ein ausländerfeindlicher Hintergrund werde nicht ausgeschlossen. Dass einige der Täter entsprechende Parolen gerufen haben sollen, sei nicht unbedingt ein Anhaltspunkt für ein rassistisches Motiv.

Auch Bürgermeister Gotthard Deuse (FDP) wusste von den Gerüchten über einen möglichen Angriff. "Es wurde angedeutet, dass es irgendwelche Probleme geben könnte. Ich habe das auch der Polizei rechtzeitig mitgeteilt", sagte Deuse dem Sender N24. Im MDR ergänzte er: "Mügeln hat sich einen guten Ruf aufgebaut, hier gibt es keine Rechtsextremen." Wenn es Rechtsextreme gewesen seien, "dann kamen die Täter nicht aus Mügeln".

"Das ist von außen in die Stadt reingetragen worden", hieß es auch an anderer Stelle aus dem Rathaus. Und immer wieder fielen Sätze wie: "Wir sind doch nur eine kleine Stadt." Erschrocken äußerte sich ein Stadtrat, der am Sonntag kurz nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub von Bekannten von der Massenschlägerei erfuhr: "Ich dachte, die machen Witze", sagte er SPIEGEL ONLINE.

"Wie ein kleiner Volksaufstand"

Ein Zeuge schilderte SPIEGEL ONLINE Beobachtungen aus der Nacht, die tatsächlich auf eine gezielte Provokation mit dem Ziel einer Schlägerei hindeuten könnten. "Zu der Zeit, wo die ganze Sache passiert sein muss, zog an unserem Fenster eine geschlossene Gruppe, so etwa 30 bis 40 Leute vorbei. Die gingen in Richtung Marktplatz", sagte der Mügelner. Dem äußeren Erscheinungsbild nach seien die Personen der rechtsradikalen Szene zuzuordnen gewesen. Auch der Zeuge tippt auf auswärtige Täter. "Das waren Krawalltouristen", sagte er.

Möglicherweise wurde die Schlägerei also tatsächlich bewusst von Neonazis angezettelt, die anschließend bereitstehende Verstärkung riefen. Möglicherweise entwickelte die Auseinandersetzung unabhängig von ihrem Auslöser anschließend jedoch auch eine gewalttätige Eigendynamik.

Denn ausgerechnet aus dem Jugendzentrum, das die Überfallwarnung an die Stadt weiterleitete, kamen heute auch Stimmen, die für die brutale Nacht nicht allein Rechtsradikale verantwortlich machen wollen. "So etwas habe ich noch nicht erlebt", erzählte ein junger Mann vom Mügelner Jugendtreff SPIEGEL ONLINE. "Da waren am Ende alle dabei, von jung bis alt, vom Punk bis zum Skinhead." Von einem reinen Neonazi-Überfall könne keine Rede sein.

Wie der Konflikt im Festzelt überhaupt entstanden ist, darüber konnte der Mann vom Jugendtreff allerdings keine Angaben machen. Letztlich sei die gesamte Menschenmenge aus dem Zelt ins Freie gedrängt. "Als die Polizei kam, ist das ganze eskaliert." Beamte hätten gegen völlig Unbeteiligte Reizgas eingesetzt und auf am Boden liegende Personen eingeprügelt. 150 bis 200 Menschen hätten schließlich vor der Pizzeria gestanden, indem die Inder sich eingeschlossen hatten. "Das war wie ein kleiner Volksaufstand."

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