EU-Beitritt Erdogan-Besuch entfacht neuen Streit

Ministerpräsident Erdogan besucht Deutschland und provoziert damit neue Diskussionen über den Beitritt der Türkei zur EU. Die Debatte dreht sich um volle Religionsfreiheit und Minderheitenrechte - Erdogan fordert derweil einen "Doppelpass-Light" für seine Landsleute.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan: Neuer Streit zum EU-Beitritt
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Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan: Neuer Streit zum EU-Beitritt


Berlin - Vor dem Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Deutschland und bei der Europäischen Union ist der Streit über den Beitritt des muslimischen Landes zur EU neu entfacht. Unionsfraktionschef Volker Kauder forderte am Wochenende, die EU müsse die Beitrittsverhandlungen stoppen, solange die Türkei nicht die volle Religionsfreiheit gewährleiste.

SPD-Fraktionsvize Gernot Erler warf Kauder einen Verstoß gegen den Koalitionsvertrag vor. Der CDU-Politiker müsse aufpassen, dass er "nicht allzu sehr in die Fußstapfen der Kreuzfahrer" trete, sagte der frühere Staatsminister im Außenamt dem "Tagesspiegel am Sonntag".

Auch vom Unions-Koalitionspartner FDP kam Kritik an Kauder. Erdogan, der am Montag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und am Dienstag in Brüssel mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso zusammenkommt, beklagte Diskriminierung bei den Beitrittsverhandlungen. Er forderte Merkel zu einem Kurswechsel und zu größerer deutscher Unterstützung auf.

Debatte um volle Religionsfreiheit und Minderheitenrechte

Kauder sagte der "Rheinischen Post" vom Samstag: "Ich verlange von der EU, dass in den Gesprächen mit der Türkei keine neuen Verhandlungskapitel eröffnet werden, solange die Türkei nicht die volle Religionsfreiheit gewährleistet." Hier müsse sich die Türkei nicht mehr nur an Worten, sondern auch an Taten messen lassen, sagte der CDU-Politiker. Er verwies auf die Enteignung von Grundstücken des christlichen Klosters Mor Gabriel in der Türkei. Dies sei ein kritischer Punkt.

Erler sagte, der Schutz von Minderheitenrechten und bürgerlichen Freiheiten sei mindestens genauso wichtig wie die volle Religionsfreiheit. Um diese zu erreichen, gebe es kein besseres Mittel als die Fortsetzung der Verhandlungen. Auch angesichts des wachsenden Einflusses der Türkei im Nahen Osten sei es absolut unklug, einen solchen Partner derart vor den Kopf zu stoßen.

Der europapolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Michael Link, kritisierte, wer "jetzt zur Unzeit" aus den Verhandlungen aussteigen wolle, verkenne die enorme beidseitige Bedeutung einer dauerhaft fest mit der EU verbundenen Türkei. Die bevorzugte Form dieser Bindung sei die Mitgliedschaft. Ob es dazu komme, habe die Türkei selbst in der Hand.

Die Türkei verhandelt seit 2005 mit der EU über einen Beitritt. Von den 35 Verhandlungskapiteln ist bislang erst eines abgeschlossen, über zwölf laufen die Gespräche. 18 Kapitel liegen unter anderem wegen des Streits um Zypern auf Eis. Über die restlichen Bereiche haben die Gespräche noch nicht begonnen.

Verhandlungen angeblich aus politischen Gründen verlangsamt

Erdogan kritisierte, die Verhandlungen würden ausschließlich aus politischen Gründen verlangsamt. Der Verhandlungsverlauf erwecke den Eindruck der Diskriminierung. "Nie zuvor wurden einem Beitrittsland solche politischen Hindernisse in den Weg gelegt", sagte er der "Rheinischen Post". "Die Erwartung der türkischen Bevölkerung ist, dass Deutschland wie schon unter früheren CDU-Regierungen innerhalb der EU eine Vorreiterrolle bei den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei einnimmt."

Die von Merkel und der Union geforderte privilegierte Partnerschaft anstelle eines EU-Beitritts verstehe er als eine Formulierung, die allein für den innenpolitischen Gebrauch gedacht sei, sagte Erdogan. Auch der französische Präsident Nicolas Sarkozy hatte am Freitag bei einem Besuch in Ankara seine Position wiederholt, die Türkei passe nicht in die EU und sollte eine andere Form der Partnerschaft erwägen, um nicht in einer Sackgasse stecken zu bleiben.

Erdogan appellierte zugleich an Deutschland, in der Integrationspolitik enger mit den türkischen Stellen zusammenzuarbeiten. Die deutschen Behörden dürften nicht weiter einseitig handeln, sondern müssten für eine erfolgreiche Integration seiner in Deutschland lebenden Landsleute die Kooperation mit den Migranten und den türkischen Stellen anstreben.

Erneut wandte er sich gegen eine Assimilation türkischer Zuwanderer. Eine Integrationspolitik, die darauf abziele, den Migranten ihre Sprache und Kultur abzuerkennen, sei ein Verstoß gegen internationales Recht, sagte Erdogan, der am Sonntagabend in Düsseldorf vor Tausenden Türken sprechen will.

"Doppelpass-Light" soll Türken helfen

Offenbar will Erdogan den Wünschen türkischstämmiger Menschen in Deutschland mit dem Angebot eines "Doppelpass-Light" entgegenkommen. Wie das Online-Magazin "Migazin" am Sonntag berichtete, wolle Erdogan das Konzept in seiner abendlichen Ansprache vorstellen. Damit sollen seine in Deutschland lebenden Landsleute ermutigt werden, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, ohne damit ihre türkische Identität aufgeben zu müssen.

Ansatzpunkt Erdogans soll dem Bericht zufolge eine Änderung des türkischen Rechts sein. Vorgesehen sei, die bereits existierende "Blaue Karte" (Mavi Kart), mit der ehemaligen türkischen Staatsbürgern unter anderem aufenthaltsrechtliche oder erbrechtliche Privilegien gewährt wurden, erheblich aufzuwerten.

Mit Ausnahme des Wahlrechts würden Inhaber der Karte damit weitgehend türkischen Staatsbürgern gleichgestellt, einschließlich der Möglichkeit, Jobs im türkischen Staatsdienst zu erhalten.

Derzeit verlangt das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht von Deutsch-Türken, die sich in Deutschland einbürgern lassen, zugleich ihren türkischen Pass aufzugeben. Lediglich für Kinder und Jugendliche gilt eine zeitlich begrenzte Sonderregelung. Viele Deutsch-Türken zögern daher mit dem Antrag auf den deutschen Pass, weil sie durch den Verlust der türkischen Staatsbürgerschaft finanzielle oder sonstige Nachteile in der Türkei befürchten.

rtr/AFP/bac

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