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EU-Milliardenhilfen: Die Kanzlerin verzockt sich im Griechenland-Poker

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Europas Rettungsplan für die Griechen steht: Mehr als acht Milliarden Euro müsste Deutschland notfalls an den Pleitestaat zahlen. Von einem Einknicken will die Bundesregierung dennoch nichts wissen. Doch Angela Merkels harter Poker als "Madame Non" geht wohl nicht auf.

Kanzlerin Merkel, Griechenlands Premier Papandreou: "Feuerlöscher an der Wand" Zur Großansicht
REUTERS

Kanzlerin Merkel, Griechenlands Premier Papandreou: "Feuerlöscher an der Wand"

Berlin - Der Sprecher der Kanzlerin versuchte es mit Offensiv-Verteidigung. Die europäische Beschlusslage zur Griechenland-Hilfe sei "unverändert", erklärte Christoph Steegmans in der Berliner Bundespressekonferenz, ohne dass bis dahin schon jemand das Gegenteil behauptet hätte. Beim 30-Milliarden-Paket für das krisengeplagte Euroland (siehe Kasten in der linken Spalte) gehe es allein um die "Konkretisierung technischer Details", der Zeitpunkt der "Ultima Ratio" sei noch nicht gekommen. "Dass jetzt der Feuerlöscher an der Wand hängt, sagt überhaupt nichts über die Wahrscheinlichkeit aus, mit der er eingesetzt wird."

Kein Grund zur Aufregung also, es ist nichts passiert, es gibt nichts zu sehen, gehen Sie bitte weiter. Das war die Botschaft.

Doch gerade wegen der eiligen und ungefragten Rechtfertigung drängte sich ein anderer Eindruck auf: War da nicht doch etwas passiert? Hatte Angela Merkel sich nicht noch vor wenigen Wochen im Kreise der europäischen Staats- und Regierungschefs als harte Verhandlerin den Beinamen "Madame Non" verdient, weil sie sich gegen schnelle Finanzspritzen für die klammen Hellenen sperrte? Und ist nicht plötzlich von sehr konkreten Milliardensummen die Rede, mit denen die Bundesrepublik Athen aushelfen könnte?

Für den Steuerzahlerbund ist die Sache jedenfalls klar: "Eingeknickt" sei die Bundesregierung, wetterte Verbandspräsident Karl Heinz Däke gegenüber dem "Handelsblatt". Den deutschen Steuerzahlern drohe jetzt, "dass sie den Großteil der Griechenland-Hilfen tragen müssen".

Tatsächlich übernähme Deutschland im Notfall den Löwenanteil am EU-Rettungspaket für Griechenland. Bis zu 8,4 Milliarden Euro würde die staatliche Förderbank KfW als Kredit nach Athen überweisen, der Bund dafür die Garantie übernehmen. Das zumindest ist gemäß dem deutschen Anteil an der Europäischen Zentralbank die Obergrenze, wenn sich alle Euro-Staaten an der Hilfe beteiligen. Wenn. Denn die Entscheidung, ob sie wirklich mitmachen, trifft jedes Land für sich.

Die saftige Milliardenzahlung würde nicht zur harten Linie der Kanzlerin passen, die ihre Amtskollegen in Europa in den vergangen Wochen überraschend undiplomatisch spüren ließ, dass sie Deutschland nicht weiter in der Rolle des Zahlmeisters sehen will. Also bemüht man sich in Berlin nun darum, die Bedeutung der Beschlüsse vom Wochenende als ohnehin geplante Konkretisierung der Gipfelerklärung vom 25. März herunterzuspielen, bei dem Merkel noch die Bedingungen diktierte.

"Kein Automatismus"

Auch jetzt, wo das Paket aus bilateralen Krediten und IWF-Unterstützung Formen angenommen hat, gebe es "keinen Automatismus" und "keine Aktivierung" der Hilfe, betonte der Sprecher von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Auch habe die griechische Regierung noch immer nicht um Hilfe gebeten. Täte sie dies, weil sie sich am Kapitalmarkt nicht mehr ausreichend mit Geld versorgen kann, bleibe es dabei: Ein neuer EU-Rat der Staats- und Regierungschefs müsste sein einstimmiges Okay geben.

Gegen den Eindruck reiner Routine spricht allerdings die Hektik, mit der die Finanzminister der Euro-Zone sich am Sonntag in einer Krisen-Videokonferenz über das weitere Vorgehen abstimmten. Offenbar sah die Euro-Gruppe dringenden Handlungsbedarf, nachdem die Risikoaufschläge auf griechische Staatsanleihen dramatisch gestiegen waren. Einen Zinssatz von 7,4 Prozent, mehr als doppelt so viel wie Deutschland, musste Griechenland zuletzt für sein gepumptes Geld bezahlen.

Die vagen Hilfszusagen des Brüsseler EU-Gipfels waren also wirkungslos geblieben. Die Rechnung, die Märkte würden sich rasch wieder beruhigen - von Angela Merkel aufgemacht gegen den Widerstand halb Europas -, ging nicht auf.

Der Spott der Opposition ist ihr nun sicher. "Einmal mehr muss die Bundesregierung klein beigeben und kann die Hilfeleistung noch nicht einmal - wie geplant - hinter die NRW-Wahl schieben", sagte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles SPIEGEL ONLINE. Die Regierung müsse nun eingestehen, "dass ihr ursprünglicher Vorschlag unzureichend war". Auch die Grünen sprachen von einer "herben Niederlage" für die Bundesregierung. Schwarz-Gelb habe sich mit Blick auf die Wahl in NRW erfolglos gegen konkrete Hilfen für Griechenland gesperrt, erklärte Finanzexperte Gerhard Schick.

Kritik kam auch aus der Koalition. FDP-Finanzexperte Frank Schäffler sieht die Stabilitätskultur des Euro dauerhaft geschwächt. Die Verabredung der Euro-Finanzminister widerspreche den Ergebnissen des EU-Gipfels von Ende März. "Diese Vereinbarung ist nach wenigen Tagen nichts mehr auf dem Papier wert."

Schäffler stört, dass Merkel eigentlich darauf gedrängt hatte, dass mögliche Kredite keine Subventionselemente enthalten dürften. Die am Sonntag festgelegte Berechnung läuft nun aber auf einen Zinssatz von etwas über fünf Prozent hinaus - also deutlich unter den zuletzt schwindelerregenden mehr als sieben Prozent. "Klar ein Subventionselement", kritisiert auch SPD-Politikerin Nahles.

Diesen Vorwurf aber will Schäubles Sprecher nicht gelten lassen. Der Zins habe "Marktnähe" und liege "klar höher" als die Finanzierungskosten aller finanzierenden Euroländer und würde auch deutlich höher sein als der Zins eines IWF-Darlehens. In den vergangenen Tagen sei der Zins dagegen "zu weit nach oben geraten".

Unsicherheit an den Märkten bleibt

Das soll sich nun ändern. Am Montag reagierten die Märkte tatsächlich zunächst positiv. Der Euro-Kurs und die Aktienmärkte gingen auf Höhenflug, die Risikoaufschläge für griechische Staatsanleihen zurück. Später gab der Euro einen Teil der Gewinne aber wieder ab, der Dax schloss fast unverändert im Vergleich zum Freitag.

Die Unsicherheit ist weiterhin groß, und auch die Bundesregierung scheint längst nicht mehr auszuschließen, dass der Feuerlöscher an der Wand nicht doch bald zum Einsatz kommt. Es seien die Effekte eingetreten, die man sich erhofft habe, sagte Schäubles Sprecher, die Märkte hätten sich beruhigt.

Dann schob er vielsagend hinterher: "Heute Morgen jedenfalls."

Mitarbeit: Veit Medick

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 93 Beiträge
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1. Klar doch, aber schrittweise
senfa, 12.04.2010
Also, mir war es sofort klar, SPON hat es nun heute kapiert, es bleibt nur noch die Merkel...
2. Es wird gezahlt, so oder so
tomcatXXX 12.04.2010
Was wäre denn die alternative zum zahlen gewesen? Den Griechen den Stuhl vor die EU Tür stellen? Sie Bankrott gehen lassen, und dann die hohen Abschreibungen von Commerzbank und HRE übernehmen, um die dann vorm Bankrott bewahren. Natürlich müssen wir uns jetzt als Zahlmeister der EU darauf einstellen, dass der "Dominoeffect" nicht lange auf sich warten lassen wird. Andere werden jetzt denselben Weg gehen. Interessant und bis heute wenig besprochen sind die Folgen, wenn ein Mitgliedsland wirklich gezwungen wird die Währungsunion zu verlassen, was passiert dann?
3. Kommt ...
sam clemens, 12.04.2010
... letzten Endes darauf an, ob Griechenland ohne diese Hilfen zurechtkommt, ob man Griechenland versteckt hilft oder ob man tatsächlich das Scheckbuch zückt - oder eigentlich die Notenpresse anwirft. Denn darum geht's am Ende doch - auch diese Phase der Finanzkrise wird mit zusätzlichen Geldmengen bewältigt. Aber stehen wir schließlich nicht doch vor der Inflation? Und zwar vor einer globalen Geldentwertung - vielleicht einer Währungsreform?
4. Casus knacktus
nung 12.04.2010
Zitat von sysopEuropas Rettungsplan für die Griechen steht: Mehr als acht Milliarden Euro müsste Deutschland notfalls an den Pleitestaat zahlen. Von einem Einknicken will die Bundesregierung dennoch nichts wissen. Doch Angela Merkels harter Poker als "Madame Non" geht wohl nicht auf. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,688483,00.html
Wieso 'müsste'?! Das ist doch nur der Anfang, die grossen Summen werden erst fällig, wenn das Wahlvolk an die kleineren Zahlen gewöhnt ist.
5. Nicht eingeknickt, umgefallen ist die Mutti in Brüssel.
IGIT 12.04.2010
Merkel ist nicht eingeknickt, die kinderlose Mutti ist komplett umgefallen. Diese Umfallernummer wird bei den Wahlen in NRW noch negative Auswirkungen für Merkel haben, da bin ich mir sicher. Merkel bezeichnete Deutsche Zahlungen zur Rettung Griechenlands, als ihre ultima ratio. Ich bezeichne es einfach als Dummheit. Obendrein verstößt die Rettung Griechenlands noch gegen die Verträge von Maastricht. Ob diese Sache das BVG passiert, steht auch noch in den Sternen. Der entschiedene Gegner des Euro, Prof. Hankel, hat doch schon angekündigt, Verfassungsklage gegen die Rettungspläne Merkels einzureichen.
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Die Konditionen im Detail
Volumen
Im Rahmen eines Dreijahresprogrammes werden alle Euro-Länder im ersten Jahr bilaterale Hilfen über insgesamt bis zu 30 Milliarden Euro bereitstellen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) würde zusätzliche Mittel bereitstellen und von dem gesamten Programm etwa ein Drittel übernehmen, also weitere 15 Milliarden Euro.
Zinshöhe
Die Zinsen für Kredite der Euro-Länder liegen etwas über jenen der IWF-Darlehen, die Berechnungsweise folgt den Regeln des Fonds jedoch weitgehend. Für einen dreijährigen Kredit müsste Griechenland rund fünf Prozent Zinsen zahlen. Anleihen mit variablen Zinsen hätten als Basissatz den Dreimonats-Euribor. Für festverzinsliche längerlaufende Anleihen würde der Euribor auf die entsprechende Laufzeit hochgerechnet. Zusätzlich wird ein Aufschlag von 300 Basispunkten erhoben sowie weitere 50 Basispunkte zur Deckung von Verwaltungskosten. Kredite mit Laufzeiten über drei Jahre würden zusätzliche 100 Basispunkte kosten. Auf diese Weise soll der Zins kein Subventionselement enthalten, und die Euro-Länder würden nicht gegen das Verbot der gegenseitigen Schuldenübernahme im EU-Vertrag verstoßen.
Hilfsanfrage
Die griechische Regierung hat Ende April Hilfe von den EU-Partnern angefordert. Der Grund: Griechenland kann sich nicht mehr ausreichend am Kapitalmarkt finanzieren. Die EU-Kommission und die Europäische Zentralbank haben sich für das Sicherheitsnetz ausgesprochen. Die letzte Entscheidung liegt nun bei den Finanzministern der Euro-Zone, die einstimmig die Auszahlung der Hilfe beschließen müssten.
Auflagen
Griechenland müsste bei Zuweisung der Hilfen noch strengere Auflagen erfüllen als jetzt schon mit seinem drastischen Spar- und Reformprogramm. Welche Bedingungen das wären, ist offen.

Staatsanleihen
Wie die Märkte die Renditen bestimmen
DER SPIEGEL
1. Die Ausgabe der Anleihen
Ein Staat legt eine Anleihe zum Stückpreis von 1000 Euro auf – mit einem festen Zinssatz von 5 Prozent auf den Ausgabepreis. Ein Anleger erhält also jedes Jahr 50 Euro Zinsen.
2. Die Zinsen steigen
Das Vertrauen, dass der Staat seine Schulden zurückzahlt, schwindet. Anleger verkaufen die Anleihe, der Preis sinkt – beispielsweise auf 900 Euro. Ein Käufer erhält dennoch 50 Euro Zinsen – was aber, bezogen auf den Kaufpreis, einer laufenden Rendite von nun 5,6 Prozent entspricht. Dazu erhält der Anleger am Ende der Laufzeit ja 1000 Euro zurück, was die Rendite, nach einer komplizierten Formel, sogar noch weiter erhöht – bei einer Restlaufzeit von 3 Jahren beispielsweise auf 9 Prozent.
3. Der Staat muss mehr zahlen
Der Staat muss nun, wenn er neue Schulden macht, mindestens 9 Prozent bieten. Sonst würde es sich für Investoren lohnen, die alten (oder umlaufenden) Anleihen zu kaufen.
Steckbrief: Griechenland

Schuldenquote: 112,6 Prozent des nationalen BIP

Haushaltsdefizit: 12,7 Prozent des nationalen BIP (2009)

BIP-Wachstum: -1,1 Prozent (Prognose 2009)

Anteil am BIP der Euro-Zone: 2,6 Prozent (2008)

Quelle: EU-Kommission


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