Intrigen in der AfD Kleinkrieg der Euro-Gegner

Die AfD will bei den Wahlen im Mai ins EU-Parlament einziehen. Doch statt mit Wahlkampf beschäftigen sich die Euro-Gegner derzeit lieber mit sich selbst: In Hessen operiert ein Notvorstand, und Teile der Basis stellen radikale Forderungen.

AfD-Parteichef Lucke: Die Euphorie ist verblasst
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AfD-Parteichef Lucke: Die Euphorie ist verblasst

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Berlin - Immerhin eines kann die Mitglieder der "Alternative für Deutschland" derzeit erfreuen: der Blick auf die Umfragen. Mit vier Prozent liegt die Partei seit Wochen stabil vor der FDP, die bei drei Prozent dümpelt.

Die Aussichten, bei den kommenden Europawahlen im Mai ein erkleckliches Ergebnis einzufahren und die Drei-Prozent-Hürde für den Einzug ins Brüsseler Parlament zu überspringen, sind theoretisch gut. Das, so sagte jüngst Parteichef Bernd Lucke, "schaffen wir locker".

Es gibt nur ein Problem: der Kleinkrieg in einzelnen Landesverbänden. Seit Wochen beharken sich Mitglieder, werden E-Mails versendet, in denen es vor gegenseitigen Anschuldigungen nur so strotzt. In Hessen endete kürzlich ein Parteitag im Chaos, der Landesverband steht seitdem ohne Führung da und wird von einem "Notvorstand" geleitet. Nun soll am 14. Dezember eine reguläre Spitze gewählt werden.

Anderswo kam es ebenfalls zu Turbulenzen: In Nordrhein-Westfalen wählten die Delegierten nach heftiger Debatte eine neue Führung, in Rheinland-Pfalz trat der Vorstand zurück und wurde durch eine neue Mannschaft ersetzt.

In Sachsen, wo die "Alternative für Deutschland" (AfD) sich auf die kommenden Landtagswahlen vorbereitet und zu einer ernsthaften Konkurrenz für die mit der CDU regierende FDP werden könnte, scheint die Lage stabil zu sein. Auf dem Landesparteitag wurde die 38-jährige Unternehmerin Frauke Petry jüngst mit 80 Prozent als Vorsitzende wiedergewählt.

Lucke hofft auf Konsens in Hessen

Doch die Euphorie vom 22. September, als die erst in diesem Jahr gegründete AfD auf 4,7 Prozent kam und nur knapp den Einzug in den Bundestag verpasste, ist in Teilen der Partei vergangen. Die Vorgänge in Hessen veranlassten Lucke kürzlich zu einem Brandschreiben an die Parteifreunde vor Ort. Durch "den beschämenden Verlauf des hessischen Parteitags hat die AfD einen erheblichen Ansehensverlust erlitten, der sich nicht nur auf den hessischen Landesverband beschränkt", schrieb er in einer E-Mail.

Lucke sagt gegenüber SPIEGEL ONLINE, die Gesamtlage der Partei sei "weniger dramatisch". Fast alle Landesverbände seien ruhig. Nur in Hessen hätten sich "ein paar läppische Konflikte hochgeschaukelt", bei einer neuen Wahl eines Vorstandes werde die große Mehrheit Kandidaten stützen, "die konsensorientiert und ausgleichend arbeiten können".

Reizwort Islam

Wie manche Gruppierung, die sich einst abseits von CDU/CSU und FDP im bürgerlichen Spektrum gründete, zieht die rund 17.000 Mitglieder starke AfD auch einen Personenkreis an, der sich vor allem mit Lust der Intrige hingibt. Ein Sprecher eines hessischen Kreisverbands stellte jüngst in einer E-Mail an den AfD-Vorsitzenden Lucke fest: "Diese Auseinandersetzungen werden manchmal mit einer unvorstellbaren Härte, Unnachgiebigkeit und Unverzeihlichkeit, auch Unversöhnlichkeit geführt, so dass man sich fragt, warum ein sich dabei offenbarender Mangel an Sozialkompetenz ausgerechnet in der AfD (sind die Menschen anderer Parteien sensibler?) so deutlich einstellt."

Es kracht nicht nur menschlich, sondern auch inhaltlich in der AfD, die sich Mitte Januar auf ihrem Bundesparteitag eigentlich fit machen will für die Europawahl. Weil das Thema Islam die Gemüter besonders erregt, versandte Lucke vor kurzem ein Rundschreiben mit zehn Thesen, die er zur Debatte stellte. Der Wirtschaftsprofessor aus Hamburg, ein gerngesehener Gast in Talkshows, bemühte sich darin um Versachlichung der internen Debatte. "Zu Deutschland gehören Gastfreundschaft und Toleranz. Dies gilt auch gegenüber Andersgläubigen. Religiöse Gefühle sollen geachtet werden und Provokationen unterbleiben", mahnte er in der E-Mail an.

Die EU im Visier

An manchen Stellen gärt es an der Basis. In Hessen kursiert das Papier einer AfD-Arbeitsgruppe aus Frankfurt am Main, in der Luckes Kurs, wonach jedes Land aus der Eurozone austreten können soll, schon als zu gemäßigt gilt. "Grundsätzlich muss nicht nur das Scheitern des Euro, sondern auch der EU in Betracht gezogen werden, ohne dass die Welt untergeht", heißt es dort. Die EU als ganzes wird ins Visier genommen. "Unsere Forderungen in Bezug auf die EU können gar nicht extrem genug sein, mag auch die Presse uns mit Häme und Hass überschütten. Die Wähler werden uns belohnen", so das Positionspapier der Basisaktivisten.

Die AfD, deren Führung empört reagiert, wenn sie als rechtspopulistische Partei bezeichnet wird, wandert auf schmalem Grat. Um nicht als Rechtsaußen-Verband abgestempelt zu werden, hat Lucke klargestellt, dass die AfD einem künftigen Block aus europäischen Rechtsparteien im EU-Parlament nicht angehören wird. Zur "Front National" in Frankreich und anderen Parteien wie der des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders soll die AfD Distanz halten. "Auf keinen Fall', so Lucke, werde man mit diesen Parteien im EU-Parlament zusammengehen.

Der Vorsitzende setzt auf ein baldiges Ende der internen Querelen. "Im neuen Jahr", sagt er, "wird die AfD sehr geschlossen und mit großer Schlagkraft in die Europawahl gehen."

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spotmakesmyday 05.12.2013
1. Déja Vu?
"Seit Wochen beharken sich Mitglieder, werden E-Mails versendet, in denen es vor gegenseitigen Anschuldigungen nur so strotzt." - Erinnert das noch wen an die Piratenpartei? Anscheinend zerfleischt sich die AfD selbst (bin jetzt nicht traurig...), wie die Piraten.
cato. 05.12.2013
2. ...
Zitat von sysopDPADie AfD will bei den Wahlen im Mai ins EU-Parlament einziehen. Doch statt mit Wahlkampf beschäftigen sich die Euro-Gegner derzeit lieber mit sich selbst: In Hessen operiert ein Notvorstand, und Teile der Basis stellen radikale Forderungen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/euro-gegner-in-der-afd-bekriegen-sich-a-937039.html
Da man sich erst sehr kurz vor der letzten Wahl formiert hat konnte man halt nicht über die komplette Ausrichtung offen und lange diskutieren, sondern musste sich ersteinmal auf die gemeinsamen Nenner konzentrieren, dass jetzt diese Diskussionen nachgeholt werden müssen ist eigentlich leicht einzusehen. Und das auch in der Sache hart gestritten wird ist gesund und vermisst man leider bei vielen Parteien, insbesondere die Neuausrichtung der Union unter Merkel wurde schließlich vollständig ohne die Basis vollzogen.
ongduc 05.12.2013
3. Ist das einen Artikel wert?
Viel steht ja nicht drin, meine Damen und Herren Redakteure. Was mich mal interessieren würde: Was verstehen Sie eigentlich unter 'populistisch'? Den Gipfel des Populismus finde ich es z.B., wenn ein ganzer Staat wegen anstehender Landtagswahlen seine Energiepolitik Hals über Kopf komplett umstellen muss.
serene 05.12.2013
4.
Zitat von spotmakesmyday"Seit Wochen beharken sich Mitglieder, werden E-Mails versendet, in denen es vor gegenseitigen Anschuldigungen nur so strotzt." - Erinnert das noch wen an die Piratenpartei? Anscheinend zerfleischt sich die AfD selbst (bin jetzt nicht traurig...), wie die Piraten.
Bei der AfD scheint es wohl eher ein Konflikt zwischen der "intellektuellen" Führung und der Basis zu sein, die aus vielen verschiedenen Richtungen besteht. Vom reinen, wohlmeinenden "Protestler" deutscher Wirtschafts- und Europolitik bis hin zum wirklich neofaschistischen Randvolk. Aber dass sowas eine Zerreisprobe sein wird, ist sicher richtig.
baka13 05.12.2013
5. Spiegel
Jetzt hört doch mal auf mit dem kleinreden und schlechtreden, andauernd meckert der Spiegel gegen den Euro, aber die einzigen die dagegen etwas ausrichten können diffamieren sie? Qualitätsjournalismus pur !!! -.-
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