Defekter Schleudersitz: "Eurofighter" müssen am Boden bleiben

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"Eurofighter": Gravierende Qualitätsmängel

Erneut gibt es Probleme mit den "Eurofighter"-Kampfjets der Luftwaffe. Die gesamte Flotte musste vorübergehend stillgelegt werden, weil Mechaniker einen defekten Schleudersitz entdeckt hatten. 40 Jets können noch immer nicht starten.

Hamburg - Es war eine Routinekontrolle, mehr nicht. Die Mechaniker des Rüstungskonzerns Cassidian nahmen im Werk in Manching bei Ingolstadt den Schleudersitz eines "Eurofighter"-Kampfjets auseinander. Nach einer bestimmten Anzahl von Flugstunden ist diese Kontrolle Pflicht. Doch dann stießen sie letzten Montag auf zwei unscheinbare Kappen und waren alarmiert. Die Teile blockieren den komplizierten Auslösemechanismus des Rettungssystems. Schnell war ihnen klar: Dieser Schleudersitz hätte nicht ausgelöst. Im Falle eines Absturzes wäre der Pilot todgeweiht gewesen.

Fieberhaft recherchierten die Techniker, binnen weniger Stunden war der Mechaniker ermittelt, der bei der letzten Reparatur vergessen hatte, die Kappen zu entfernen. Er wurde befragt. Dann stand fest, was dieser Fund für weitreichende Folgen haben würde. Er konnte nicht ausschließen, nicht schon einmal einen solchen Fehler begangen zu haben. Der Inspekteur der Luftwaffe erließ daraufhin postwendend eine Eilanweisung: Kein deutscher "Eurofighter" durfte seit Montagabend mehr abheben. Die gesamte Flotte blieb am Boden.

Logistisches Chaos

Für die Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr ist dieser Vorgang nicht weiter gravierend. Wäre Deutschland aus der Luft angegriffen worden, wären die Maschinen trotz dieses Risikos gestartet. Doch logistisch stürzt die Panne die Luftwaffe seit vergangener Woche ins Chaos. Im Werk in Manching, aber auch an anderen Standorten drängten immer mehr Kampfjets in die Wartungshallen. Zwei Tage lang sind die Mechaniker mit der Reparatur beschäftigt. Das Dach der Pilotenkanzel muss mühsam entfernt, die Sprengsätze für den Sitz entschärft werden. Erst in einem entlegenen Teil des Schleudersitzes fände man jene Kappen, die dort nicht hingehören.

Und so waren Ende der Woche erst 29 Flugzeuge wieder einsatzbereit, 44 warteten noch darauf, überprüft zu werden. Bislang seien die gefährlichen Kappen in keinem anderen Jet gefunden worden, so das Bundesverteidigungsministerium. "Eine mögliche Gefährdung der Luftfahrzeugbesatzungen wurde damit ausgeschlossen", beeilte man sich dort, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu betonen. Was die Behörde des umstrittenen Verteidigungsministers Thomas de Maizière unerwähnt ließ: wie lange der "Eurofighter" bereits mit dem funktionslosen Schleudersitz unterwegs war.

Nicht das erste Problem mit dem "Eurofighter"-Schleudersitz

Die Kosten der unplanmäßigen Notinspektion addieren sich zu den ohnehin davongaloppierenden Ausgaben für dieses Kampfflugzeug. Dazu kommt, dass der Schleudersitz nicht zum ersten Mal Probleme bereitet hat. Vor drei Jahren standen schon einmal alle deutschen "Eurofighter" wegen der Schleudersitze still. Damals hatte sich bei einem Absturz in Spanien der Fallschirm vom Sitz getrennt. Der Co-Pilot, ein Angehöriger des saudischen Königshauses, war ums Leben gekommen.

Diesen Sommer berichtete SPIEGEL ONLINE, dass einem Kontrolleur der Bundeswehr eine Unregelmäßigkeit bei der Zertifizierung der Schleudersitze aufgefallen war. Demnach wurden die Sitze über einen längeren Zeitraum hinweg keiner sogenannten Stückprüfung durch Angehörige des Wehrbeschaffungsamts unterzogen. Diese Kontrolle ist nach den Dienstverordnungen der Bundeswehr vor dem Einbau der Sitze aber zwingend vorgeschrieben.

Auf den Zulassungspapieren, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, fehlen die nötigen Stempel für eine erfolgte Inspektion. Das Bundesverteidigungsministerium behauptet, es habe sich um ein Missverständnis seitens des Prüfers gehandelt. Dennoch hatte der Bericht für erhebliche Unruhe unter der Besatzung der Kampfjets gesorgt.

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insgesamt 65 Beiträge
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1.
totalmayhem 20.10.2013
Zitat von sysopGetty ImagesErneut gibt es Probleme mit den Eurofighter-Kampfjets der Luftwaffe. Die gesamte Flotte musste vorübergehend stillgelegt werden, weil Mechaniker einen defekten Schleudersitz entdeckt hatten. 40 Jets können noch immer nicht starten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/eurofighter-defekte-schleudersitze-halten-kampfjets-am-boden-a-928889.html
Sollen sich nicht so haben. Zu Zeiten des Roten Barons wurde solcher Schnickschnack noch als Feigheit abgetan, echte Helden eben. ;)
2. Immer wieder
pacificwanderer 20.10.2013
das Beschaffungsamt. Wann wird diese Superbehoerde endlich aufgeloest und die Logistik den Streitkraefgten uebertragen?
3. Wer am Boden bleibt,
bold_ 20.10.2013
kann es sich im Massagesessel bequem machen. Kopfmassagen sind sehr wirksam. Vor allem verliert er nicht die Bodenhaftung, und solche Sitzmöglichkeiten kosten nur einen Bruchteil eines beweglichen Schleudersitzes!
4. Was soll uns das jetzt sagen?
stedaros 20.10.2013
Mir ist nicht klar, was die Kernaussage dieser Story sein soll. An einem Schleudersitz gibt es einen Fehler. Daraufhin werden alle Schleudersitze überprüft. Das ist doch vorbildlich. Das muss man mal auf die Autoindustrie reflektieren. Dort ist es hoffentlich genauso. Was das allerdings mit den "steigenden" Kosten für Entwicklung und Bau zu tun hat, ist mir schleierhaft. Das hier ist Wartung. Beim Absturz in Spanien glänzt der Spiegel mit Halbwissen und das soll auch so bleiben.
5. Die EURO-Fighter haben Probleme
observerd 20.10.2013
mit dem Mechanismus des Rettungssystems. Das soll es nicht nur bei der Luftwaffe geben - irgendwie kommt mir das bekannt vor ...
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