EU-Studie Mehr Muslime beklagen Diskriminierung wegen ihrer Religion

Europas Muslime fühlen sich wegen ihrer Religion häufiger schlecht behandelt. Eine neue Studie zeigt auch, dass muslimische Frauen oft Opfer von Übergriffen werden. Andere konfliktträchtige Fragen klammerte die Untersuchung aber aus.

Muslimin, Illustration
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Muslime - wie streng oder wie liberal leben sie ihre Religion? Welche Werte haben sie? Welche politischen Einstellungen? Dazu gibt es große Untersuchungen, immer wieder.

Zuletzt konstatierte die Bertelsmann-Stiftung, Muslime in Europa seien gut integriert, aber oft nicht richtig akzeptiert. Experten zweifelten jedoch besonders ein Ergebnis der Studie an, wonach Muslime auf dem Arbeitsmarkt so erfolgreich seien wie der Rest der Bevölkerung.

Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (Fra) hat sich auf einen anderen Aspekt konzentriert, auf Diskriminierung, Übergriffe gegen Muslime, aber auch Toleranz und Vertrauen bei Angehörigen der zweitgrößten Religionsgemeinschaft in Europa selbst erhoben, mit einer deutlich größeren Datenbasis als die Bertelsmann-Stiftung.

Für die in Bezug auf Einwanderer der ersten und zweiten Generation repräsentative Untersuchung wurden im Jahr 2016 mehr als 10.500 Personen, die sich selbst als Muslime identifizieren, befragt - in 15 EU-Mitgliedstaaten. Etwas mehr als die Hälfte von ihnen hatte die Staatsbürgerschaft des jeweiligen Landes.

Was sind die zentralen Ergebnisse der Studie?

  • Zugehörigkeit:

Besonders konfliktträchtige Fragen zum Glaubensverständnis und der Vereinbarkeit desselben mit freiheitlichen Werten wurden ausgespart. Stattdessen fragte die EU-Agentur nach Zugehörigkeitsgefühlen und Vertrauen in öffentliche Institutionen. Das Fazit: Die Mehrheit der befragten Muslime fühlt sich stark verbunden mit dem Land, in dem sie lebt - laut der Studie 76 Prozent. Dieses Zugehörigkeitsgefühl und auch das Vertrauen in Polizei, Justiz und Politik steigt mit Besitz der jeweiligen Staatsangehörigkeit.

Insgesamt vertrauen Muslime in EU-Ländern der Studie zufolge den Institutionen durchschnittlich sogar mehr als die Allgemeinbevölkerung - am höchsten sind diese Werte für Muslime in Finnland und Schweden, niedrig in Italien und den Niederlanden. Deutschland liegt im Mittelfeld.

  • Diskriminierung

Insgesamt 39 Prozent der befragten Muslime fühlten sich in den vergangenen fünf Jahren wegen ihrer Herkunft oder ihres Migrationshintergrunds diskriminiert - besonders häufig bei der Job- oder Wohnungssuche, und besonders oft afrikanischstämmige Muslime. Weniger Menschen gaben an, sie seien speziell wegen ihrer Religion diskriminiert worden, nämlich 17 Prozent. Diese Zahl ist laut der EU-Agentur aber deutlich gestiegen - bei einer Erhebung 2008 war es nur jeder Zehnte.

In Deutschland lebende Muslime geben seltener als in den meisten anderen EU-Ländern an, sich wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft benachteiligt gefühlt zu haben - bei Diskriminierung wegen der Religion liegt Deutschland im Mittelfeld.

Grundsätzlich berichtet die zweite muslimische Einwanderergeneration häufiger über Diskriminierung aufgrund von Religion als die erste. Angezeigt haben die wenigsten der Befragten die Benachteiligungen.

Beim Vergleich verschiedener Gruppen innerhalb eines Landes waren laut Fra die auffälligsten Unterschiede in Deutschland zu verzeichnen: Hierzulande fühlten sich unter den türkischstämmigen Muslimen lediglich 18 Prozent der Befragten diskriminiert, im Vergleich zu 50 Prozent der muslimischen Befragten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara.

  • Belästigungen und Übergriffe

Nicht nur diskriminiert, sondern belästigt wurden nach eigenen Angaben 27 Prozent der Befragten im Jahr vor der Erhebung. Besonders oft berichteten Kopftuch oder Schleier tragende muslimische Frauen von Anfeindungen bis hin zu körperlichen Angriffen.

16 Prozent der muslimischen Befragten waren im Jahr vor der Erhebung von der Polizei kontrolliert worden, mehr junge als alte und mehr Männer als Frauen. Von denen, die kontrolliert wurden, glaubten 42 Prozent, dass dies auf ihren Migrationshintergrund oder ihre ethnische Herkunft zurückzuführen sei - sprachen also von "racial profiling".

  • Toleranz

Knapp 90 Prozent der befragten Muslime sagten, sie hätten Freunde anderen Glaubens. In Bezug auf Nachbarn geben sich Muslime der Studie zufolge toleranter als der Rest der Bevölkerung. So sagten 92 Prozent, dass es ihnen nichts ausmache, Nachbarn mit anderer Religionszugehörigkeit zu haben. Der Bertelsmann-Studie zufolge erklärten aber 19 Prozent der befragten Nicht-Muslime, sie wollten nicht gerne neben einem Muslim wohnen.

Wenn es um die eigene Familie geht, sind Muslime der Studie nach hingegen weniger tolerant - aber offener als Nicht-Muslime. Knapp die Hälfte erklärte, es würde ihnen "überhaupt nichts ausmachen", wenn ein Familienangehöriger eine nicht muslimische Person heiraten würde. 17 Prozent sagten, sie würden sich damit unwohl fühlen. Bei Befragungen von 2015 gaben laut Fra 30 Prozent der allgemeinen Bevölkerung an, sie würden sich unwohl fühlen, wenn ihr Kind einen Muslim heiratet.

In Bezug auf sexuelle Orientierungen sind Muslime laut der Studie intoleranter als die Gesamtbevölkerung: 23 Prozent der Muslime würden sich nach eigenen Angaben unwohl mit homosexuellen oder bisexuellen Nachbarn fühlen - in der Allgemeinbevölkerung sind es 16 Prozent. Insgesamt, so die Autoren, seien muslimische Frauen offener in Bezug auf Nachbarn als Männer.



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