Außenspiegel: "Steinbrück, die Kehrseite der Merkel-Medaille"

Von Carolin Lohrenz

Europas Presse beurteilt den Herausforderer der Kanzlerin: Peer Steinbrück ist für den "Standard" Merkels "schwierigster Gegner", für den "Economist" ein "Axt-Mann" und für die slowakische "Pravda" nur "ein reicher, lustiger Kerl" ohne Chancen.

Steinbrück und Merkel (Archivbild): Europas Presse erhofft sich gehaltvolle Streitgespräche Zur Großansicht
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Steinbrück und Merkel (Archivbild): Europas Presse erhofft sich gehaltvolle Streitgespräche

Er ist jetzt auf dem Weg. Und offenbar ist er laut genug, um in Europas Presse umstandslos eingeordnet zu werden. Peer Steinbrück, "das ist der mit der Kavallerie in der Schweiz", notiert "Le Monde" unverhohlen in der Bildunterschrift zum Kanzlerkandidaten; der, "dem Schäuble schlechte Manieren vorwarf", bemerkt der "Guardian". Jenseits der Anekdoten über den ehemaligen Finanzminister geht es aber um seine Rolle in Deutschlands Zukunft.

In Österreich sorgte die Nachricht für Freude. Merkel und Steinbrück, die "vergleichsweise guten Spieler" waren hochwillkommen, um die heimische SPÖ und ÖVP auf die eigenen Defizite hinzuweisen. Der "Standard" sieht in Steinbrück den "schwierigsten und unangenehmsten Gegner für Merkel" und erhofft sich gehaltvolle Streitgespräche im kommenden Jahr.

"Es ist ein Glück nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa, dass das Ringen um die Zukunft dieser wirtschaftlichen Führungsmacht in der EU zwischen einer so erfolgreichen Kanzlerin und einem so seriösen politischen Gegner geprägt wird."
"Der Standard" , Wien, 1. Oktober

Für die Kollegen von der "Presse" klingen "gute Nachrichten aus der Sozialdemokratie" so:

"Peer Steinbrück als SPD-Kanzlerkandidat hat kaum Chancen, aber er nützt der Politik, Angela Merkel, der EU und dem Euro. Denn der Mann ist kein Soufflé-Sozialist", wie etwa Frankreichs Präsident François Hollande.
"Die Presse" , Wien, 29. September

Den Ausgang der noch zwölf Monate entfernten Wahl will die Prager Nachrichtenseite "Aktualne" nicht voraussagen. Steinbrück könne mit seiner Mischung aus vernünftigem Pragmatismus und Empathie bei den Wählern durchaus punkten.

"Ihn jetzt schon abzuschreiben, wäre zu früh. Für die Grünen ist er akzeptabel, selbst wenn er sie in NRW nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst hat. Im Gegensatz zu Gabriel kann er mit den Liberalen sprechen, die mit ihren Sitzen entscheidend für die Parlamentsmehrheit sein könnten. Der neue SPD-Kandidat spricht schönste Zentrums-Sprache."
"Aktualne.cz" , Prag, 2. Oktober

Und da die Wahl in der Mitte entschieden werde, könne die CDU jetzt einen gemütlichen Kuschelwahlkampf abschreiben, schreibt in Turin "La Stampa" . Steinbrück wisse, die SPD inhaltlich von der CDU abzugrenzen ohne vorzugeben, dass er als Kanzler die Spendierhosen anhaben werde.

"Dazu kommt noch seine norddeutsche, protestantische und hanseatische Herkunft. Als Sohn einer Hamburger Architektenfamilie ist Peer Steinbrück schlicht, scharfzüngig und trocken. Er ist ein großartiger Schachspieler und ein begeisterter Modellbauer, verfügt also über sehr viel Geduld und Fingerspitzengefühl. Sein Lieblingstier ist merkwürdigerweise das Nashorn. Das könnte auf seine notorische Aggressivität hinweisen. Diese Eigenschaft sollte ihm aber helfen, sich von Angela Merkel abzuheben und nicht den gleichen Fehler zu begehen wie Frank-Walter Steinmeier im Jahr 2009."
"La Stampa" , Turin, 2. Oktober

In der Slowakei glaubt die Presse das Gegenteil. "Pravda" tut Merkels Gegner als "reichen, lustigen Kerl" ab; "SME" hält ihn für schwach, da ohne nennenswerte Distanz zur Amtsinhaberin:

"Ein Ex-Minister, der Angela Merkel nicht kritisieren kann. [...] Seine Positionen sind zu nah an denen der Kanzlerin. Nicht einmal den Regierungsparteien macht seine Kandidatur Angst."
"SME" , Bratislava, 2. Oktober

Im Land des Soufflé-Sozialismus bemerkt "Libération" ebenfalls die "beißende Ironie, Aggressivität und gnadenlose Logik" des Kanzlerkandidaten.

"Einmal im Amt könnte er sich aber als unbequemer Partner für François Hollande herausstellen. Und zwar aus denselben Gründen, aus denen der linke Flügel in der SPD sich vor ihm hütet: er ist gegen Steuererhöhungen und gegen eine Reform der Rentenreform. [...] Der Wahlkampf wird lang und voller Fallstricke für Peer Steinbrück sein. Er tritt gegen die Allround-Spielerin Angela Merkel an, die sich auf dem diplomatischen Parkett ebenso wohl fühlt wie im Gespräch mit Unternehmenschefs oder Arbeitern. Er dagegen muss vor allem bei den Frauen und den Ostdeutschen noch Überzeugungsarbeit leisten und eine gewisse Arroganz ablegen."
"Libération" , Paris, 30. September

Der "Economist" in der Londoner City interessiert sich für das kommende Programm, an erster Stelle die Bankenreform, und beeindruckt mit dem Titel "Der Axtmann kommt".

"Man könnte es Deutschlands Bankenschlacht nennen. Auf der einen Seite Peer Steinbrück, der eine klare Trennung von Anlagengeschäft und Privatkundengeschäft fordert. Auf der anderen Seite quasi alle anderen. Sie rühmen die Tugenden des Universal-Bankings, das alles aus einer Hand bietet und Deutschland über Jahrzehnte gute Dienste geleistet hat. [Natürlich] hat Steinbrück mehr im Auge als die alleinige Bankenreform. Aber selbst wenn die SPD in der nächsten Regierung sitzt, ist ein deutscher Alleingang bei der Bankenreform unwahrscheinlich. [...] Dennoch sollte es Steinbrück nicht schaden, mit dem Thema Wahlkampf zu machen. Gegner werden es schwer haben, dem beredten Hamburger in Finanzsachen etwas entgegenzusetzen."
"The Economist" , London, 28. September

Fazit: Der Agenda 2010-Mann vom rechten Flügel sei "der Kandidat, der die unentschiedenen und durch die europäische Krise verwirrten Wähler anziehen kann", erklärt das Lissabonner "Jornal de Negócios" . Jedoch:

"Er ist arrogant, brüsk, sarkastisch. Soll er aber seine Position erklären, scheint der Sozialdemokrat, der die Schuldenbremse bejaht, aber all jenes, was er als blinden Keynesianismus beschreibt, kritisiert, von seiner konservativen Rivalin eingeschüchtert zu sein. [...] Steinbrück ist nicht aus dem Stoff, aus dem Führer sind, er ist mit seinem Schutzpatron Helmut Schmidt nicht zu vergleichen. Er scheint eher die Kehrseite der Merkel-Medaille zu sein."
"Jornal de Negócios" , Lissabon, 3. Oktober

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Steibrück ein Produkt der Finanzindustrie ?
robert.haube 05.10.2012
Der beste Spruch kam dieses Mal ausgerechnet von Dobrindt: "Steinbrück ...ein Produkt der Finanzindustrie .."
2. Schön
GuidoHülsmannFan 05.10.2012
dass man noch erinnert wird, dass Steinbrück immer noch antritt. Bei DER Vergangenheit braucht Pleiten-Peer schon ganz schön Selbstbewusstsein. Jetzt weiß auch der letzte Kommunal-Sozialdemokrat, dass er mittels Werkverträgen im Dienste von Deutscher Bank, J.P.Morgan und Co. stand. Selbst dann, wenn die katastrophalen Folgen der Verursachung von Steinbrücks "Bad Banks" noch als Finanzminister noch gar nicht verstanden werden.
3. ein reicher, lustiger Kerl" ohne Chancen?
unixv 05.10.2012
auf jeden Fall ist er jemand, den wir, auf sicher NICHT brauchen! Lustig ist nur, dass er selbst glaubt er könne etwas. ADE, SPD!
4. Seit dem Streitgespräch
c54 05.10.2012
mit Sarrazin über die EURO-Währung ist mit Steinbrück auch der letzte Sozi, den man noch halbwegs ernst nehmen und für intellektuell redlich halten konnte, für mich gestorben.
5. 12punkt
12punkt 05.10.2012
Vor Peer Steinbrück braucht keiner Angst haben, weil er unter A. Merkel ja angeblich nicht nochmal mitregieren will. Vielleicht sollten wir die nächste Bundestagswahl gegen eine Volksabstimmung für oder gegen den Euro tauschen???
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