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Wahlmüdigkeit in der EU: Aufwachen, Europa!

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DPA

Spitzenkandidaten Schulz und Juncker: Überzeugte Europäer

Nie zuvor haben Europas Spitzenpolitiker einen so engagierten Wahlkampf geführt - und doch interessiert es bislang kaum jemanden. Dabei ist die EU ein Friedensraum, um den uns viele beneiden. Am 25. Mai wählen zu gehen, ist das Mindeste für alle Demokraten.

Berlin - Es ist eine Crux mit Europa. Noch nie in der Geschichte haben sich dessen Spitzenpolitiker in einem Wahlkampf so ins Zeug gelegt. Erstmals wurden europäische Spitzenkandidaten von den Parteizusammenschlüssen gekürt, sie touren durch die Staaten der EU, sie hetzen von Termin zu Termin. Tausende Kilometer, eine Botschaft: Seht her, Europa hat Gesichter.

Am 25. Mai wählt Europa sein Parlament. Aber in vielen Köpfen ist das Datum noch nicht richtig angekommen.

Immerhin: Am Donnerstagabend, um 20.15 Uhr im ZDF, sind zwei Bilderbuch-Europäer zu sehen - die Spitzenkandidaten der Europäischen Sozialdemokraten (SPE), Martin Schulz, und der christdemokratisch-konservativen Volkspartei (EVP), Jean-Claude Juncker treten zum TV-Duell an. Der Deutsche, Präsident des EU-Parlaments, historisch gebildet, fließend Französisch und Italienisch sprechend; der Luxemburger, einst Ministerpräsident, ein müheloser Wanderer zwischen dem deutschen und französischen Sprachraum. Sie streiten über Europas Zukunft.

Zwei, denen es um das Beste geht, was Europa im 20. Jahrhundert geschaffen hat. Das ist kein hohles Pathos, dafür reicht ein Blick an den Rand der EU. In Nordafrika labile oder autoritäre Regime wie in Ägypten, im Osten der Konflikt in der Ukraine, kurz vor einem Bürgerkrieg. Nur als kleiner Hinweis: Erst vor zwei Jahren wurde dort die Fußball-Europameisterschaft ausgetragen - Spanien spielte gegen Portugal in Donezk, friedlich. Heute brennen in der ostukrainischen Stadt Barrikaden, sind Gebäude besetzt, sterben Menschen.

Nein, diese EU ist und bleibt ein kleines Wunder. Und viele junge Menschen - siehe Ukraine - sehnen sich danach. Konflikte? Probleme? Ja, es gibt sie und nicht zu wenig in der EU. Streit über überflüssige Richtlinien, über wuchernde Bürokratie, schließlich über die Lösung der Euro-Krise - alles bekannt. Aber, was für ein Fortschritt: Gegensätze werden nicht mehr in Kriegen zwischen Völkern, sondern auf EU-Gipfeln zwischen Staats- und Regierungschefs ausgetragen und enden meistens in hinnehmbaren Kompromissen. Jedes dieser Treffen ist auch eine Selbstvergewisserung - die EU ist ein europäischer Friedensraum - 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs und fast 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Dabei ist eines auch klar: Europa braucht viel mehr Transparenz, weniger Kungelei. Immerhin, kleine Fortschritte sind erkämpft worden: Es ist das Europaparlament, das jetzt darüber entscheidet, wer die EU-Kommission anführt - es könnte auf Schulz oder Juncker hinauslaufen. Diesmal wollen sich die Parlamentarier nicht einen Hinterzimmer-Kandidaten der nationalen Regierungen präsentieren lassen, auch dann nicht, wenn die Mehrheiten nach dem 25. Mai unklar sein sollten. Das haben die Chefs der drei größten Fraktionen noch einmal beteuert.

Europa, das zeigt die Krise in der Ukraine mit ihrem nationalistischen Furor, ist kein Zustand, in dem man sich ausruhen kann. Die Gefahren lauern bei der Mehrheit der Pro-Europäer, die sich eingerichtet haben in Bequemlichkeit. Beim ersten Urnengang 1979 gingen in der EU noch 62 Prozent wählen, 2009 waren es nur 43 Prozent.

Ein Wahltermin? Was ist das schon gegen einen schönen Picknickausflug im Mai, denken viele. Dabei ist eines diesmal gewiss: die motivierende Wut der EU-Gegner. Die Vereinfacher von rechts und links werden ihre Anhänger an die Urnen bringen. Das besagen alle Umfragen.

Es wäre ein fatales Signal. An Europas Zukunft, an der Lösung der Probleme müssen jene mitarbeiten, die bei aller Kritik im Detail das Ganze befürworten - und sei es nur durch ein Kreuz auf dem Wahlzettel. Desinteresse oder Europa-Frust helfen nicht weiter. Zeit also, den Europa-Anhängern zuzurufen: Beschäftigt euch endlich mit dieser Wahl. Hallo, bitte aufwachen!


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insgesamt 318 Beiträge
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1. Ich gehe seit meinem 18. Lebensjahr wählen..
detlef1958 08.05.2014
Zitat von sysopDPANie zuvor haben Europas Spitzenpolitiker einen so engagierten Wahlkampf geführt - und doch interessiert es kaum jemanden. Dabei ist die EU ein Friedensraum, um den uns viele beneiden. Am 25. Mai wählen zu gehen, ist das Mindeste für alle Demokraten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/europawahl-2014-kommentar-zu-wahlmuedigkeit-a-968232.html
für mich selbstverständlich...ich wähle die Partei...ermittelt mit dem WahloMat...https://www.wahl-o-mat.de/europawahl2014/ welche meinen politischen Überzeugungen am ehesten entspricht.... Nur möchte ich den Author des Artikels in Anbetracht der aktuellen Lage um ein wenig Zurückhaltung bitten im Umgang mit dem Wort Frieden....
2. Was für ein Wahlkampf....?
fatherted98 08.05.2014
...nur weil Herr Schulz von jeder Plakatwand grinst ist das noch lange kein Wahlkampf....weder nationale Politiker noch EU Politiker haben sich bisher in Deutschland auch nur ein Stück um den Wähler bemüht....
3. Kasperletheater
Progressor 08.05.2014
Das alleinige Initiativrecht für Gesetze in der EU hat die EU-Kommission und diese wird von den jeweiligen Landesregierungen bestellt. Wenn man also die europäische Politik ändern will, dann muss man erstmal hier in Deutschland etwas anderes als die Mutti wählen.
4.
datcynex 08.05.2014
tolles Plädoyer, um wählen zu gehen
5.
thomas_gr 08.05.2014
Ich gehe wählen, auch wenn die genannten Politiker alles andere als Europäer sind. Das egoistische Egozentriker, die nur ihren Vorteil im Kopf haben. Was eine Nachkriegsgeneration aufgebaut hat, wird durch diese Politiker zerstört.
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