S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Das heimliche Kartell der Europafreunde

Nur in Brüssel nennt man es Demokratie, wenn man die Wahl zwischen zwei Kandidaten hat, die das Gleiche wollen. Warum findet diese Art von Einheitsliste in der Presse bloß so viel Unterstützung?

Eine Kolumne von

Spitzenkandidaten Schulz (l.) und Juncker: Zwei famose Kerle
AFP

Spitzenkandidaten Schulz (l.) und Juncker: Zwei famose Kerle


Was ist bloß mit den Kollegen los? Wir Journalisten gelten gemeinhin als tückische Brut, die es grundsätzlich besser weiß und immer etwas auszusetzen hat. Aber wenn es um Europa geht beziehungsweise die europäische Idee, wie es mit verlässlichem Hang zum Hochtrabenden heißt, falten alle brav die Hände und wünschen den Beteiligten Kraft, Erfolg und Gottes Segen.

An der Presse liegt es nicht, wenn die Sache am kommenden Sonntag schiefgeht. Ohne Rücksicht auf die Auflage drücken die Chefredakteure lange Riemen über die beiden Spitzenkandidaten ins Blatt, in denen dann steht, was die zwei für famose Kerle sind. Das Interessanteste an diesen Geschichten sind aus meiner Sicht die Bilder von den Privatjets, mit denen sich der Sozialdemokrat Schulz von Termin zu Termin bewegt (Juncker nimmt angeblich meist den Bus).

Es ist nicht so, dass es nichts anderes zu berichten gäbe. Wie ich neulich bereits geschrieben habe, weiß man jetzt über Martin Schulz, dass er bis vor einem Monat an 365 Tagen im Jahr ein unter einem seiner Vorgänger im Hinterzimmer vereinbartes Tagegeld bezog. Und zwar völlig unabhängig davon, ob er sich in Brüssel oder in der heimischen Sauna befand.

Drei Wochen hat es gedauert, bis die Geschichte eine der großen Tageszeitungen erreichte, nachdem ein Rechercheteam von "Report Mainz" die Sache publik gemacht hatte. Vergangenen Donnerstag berichtete die "Süddeutsche" erstmals über die Vorwürfe - aber auch nur, um sie sofort als "kleinlich" zu erledigen. Ich bin gespannt, ob die Kollegen in München genau so gelassen reagieren, wenn demnächst wieder zur Sprache kommt, was man sich bei der CSU so alles zuschanzt. Beim letzten Mal, als es um den Nebenverdienst von Familienmitgliedern ging, gab es noch ordentlich Radau.

Wer etwas gegen den Präsidenten vorbringt, betreibt das Geschäft der Europafeinde

Leute wie Schulz haben ihre politische Karriere auf der Illusion aufgebaut, dass ihre Person und der Kampf für Europa in eins fielen. Das ist ein todsicherer Trick, um sich gegen Kritik zu immunisieren: Wer etwas gegen den Präsidenten vorbringt, betreibt das Geschäft der Europafeinde. Er funktioniert auch deshalb so gut, weil weite Teile der Brüsseler Korrespondentschaft sich nicht als Kontrollinstanz verstehen, sondern als Hilfstruppe im Dienste der guten Sache.

Vielleicht ist die Verbrüsselung unausweichlich. Wer den ganzen Tag in einer Umgebung verbringt, in der immer jemand da ist, der einem die Tür aufhält, vergisst irgendwann, dass es eine Welt gibt, in der sich nicht alle Türen von selber öffnen. Ich erinnere mich noch gut an einen Besuch des Schulz-Vorgängers Hans-Gert Pöttering im Berliner SPIEGEL-Büro. Es gab einen Fotografen, der davon Bilder machte, wie Pöttering redete. Eine eigens aus Brüssel eingeflogene Stenografin protokollierte jedes seiner Worte. Ich weiß nicht, wann aus dem Europa-Abgeordneten Pöttering aus dem Wahlkreis Osnabrück König Pöttering I. wurde, aber das Ergebnis der Verwandlung war beeindruckend.

Ich finde die europäische Einigung toll, so wie ich auch Kreditkarten, E-Mail-Verkehr und Magerquark toll finde und alles andere, was einem das Leben erleichtert. Umgekehrt schmerzt mir das Hirn, wenn ich einen Hanswurst wie Beppe Grillo oder Nigel Farage mit seinem seifigen Hemdenverkäufergrinsen sehe. Ich würde auch nie die AfD wählen. Ich wähle grundsätzlich keine Parteien, deren Vertreter in ihrem Missionsbedürfnis so wirken, als hätten sie zu viel Zeit bei den Zeugen Jehovas verbracht.

Aber ich bin es leid, dass man mir ständig einreden will, dass jeder Satz gegen das europäische Parlament und seine Repräsentanten gleich dem Rechtspopulismus das Wort redet. Außerhalb der sozialistischen Welt gilt es nur in Brüssel als Demokratie, wenn man die Wahl zwischen zwei Spitzenkandidaten hat, die das Gleiche wollen. Es mag noch nicht bei jedem angekommen sein: Aber wer Euro-Bonds und Schuldenunion ablehnt und auch nichts von der Idee hält, dass am Ende die Deutschen die Rechnung übernehmen, darf weder Schulz noch Juncker wählen.

Der nächste Schritt nach der Einheitsliste wäre der Wahlzwang. Vielleicht ist das ja mit dem schulzschen Versprechen gemeint, man wolle die EU vom Kopf auf die Füße stellen. Europa ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sich auf die Freiwilligkeit beim Wählen verlassen könnte.

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insgesamt 180 Beiträge
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Seite 1
merkur08 20.05.2014
1. Das Beste war im vorletzten Abschnitt
"Aber ich bin es leid, dass man mir ständig einreden will, dass jeder Satz gegen das europäische Parlament und seine Repräsentanten gleich dem Rechtspopulismus das Wort redet. Außerhalb der sozialistischen Welt gilt es nur in Brüssel als Demokratie, wenn man die Wahl zwischen zwei Spitzenkandidaten hat, die das Gleiche wollen." Das ist treffend. Ich bin auch kein AfD Fan, aber ihre Diffamierung als rechtspopulistisch ist ein Hohn. Genau wie bei der großen Eurowahl-Show Vertreter aller Parteien waren, außer den Rechten. Sogar die Ultra Linke aus Griechenland war als Vertreter der Linken vertreten. Ich kann wohl schlecht jemand ausgrenzen, der wohl der große Gewinner der Eurowahl werden wird, weil mir sein Gesicht nicht passt. Das soll demokratisch sein? Ein Witz. Und daher hoffe ich, dass die etablierten Parteien einen Schuss vor oder noch besser in den Bug bekommen.
provinzialer 20.05.2014
2. also nein Herr Morath ...
das ist ja glatt ... provokant ... waren Sie mit Hr. Münchau Kaffee trinken :-)
griever 20.05.2014
3. außer der aussage...
...über die afd, kann ich davon nichts abstreiten. daumen hoch.
whiteelephant1 20.05.2014
4. Sehr treffender Artikel!
Zitat von sysopAFPNur in Brüssel nennt man es Demokratie, wenn man die Wahl zwischen zwei Kandidaten hat, die das Gleiche wollen. Warum findet diese Art von Einheitsliste in der Presse bloß so viel Unterstützung? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/europawahl-fleischhauer-ueber-schulz-gegen-juncker-a-970447.html
Vielen Dank für diesen Artikel. Sie haben es auf den Punkt gebracht. Kritik ist in Brüssel unerwünscht. Die beiden Kandidaten finden definitv nicht meine Zustimmung. Und die Fernsehdebatte ist eine rein inszenierte Show. Nur noch peinlich und lächerlich. Es ist schade, dass die deutsche Presse nur auf diese beiden Kandidaten fixiert ist.
weserbaer 20.05.2014
5. Das Kartell der Kassierer
Zitat von sysopAFPNur in Brüssel nennt man es Demokratie, wenn man die Wahl zwischen zwei Kandidaten hat, die das Gleiche wollen. Warum findet diese Art von Einheitsliste in der Presse bloß so viel Unterstützung? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/europawahl-fleischhauer-ueber-schulz-gegen-juncker-a-970447.html
Automatisch fällt mir dieser Buchtitel ein, wenn ich Lese, dass sich die EU-Freunde mal wieder "einig" sind. Die Frage sei erlaubt: Wozu dann eigentlich noch Wahlen? Kann das mal jemand erklären?
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