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Europaweite Umfrage: Mehrheit registriert Ablehnung von Muslimen

Das Ergebnis ist erschreckend: Gut die Hälfte der Westeuropäer ist einer Umfrage zufolge der Ansicht, dass Muslime in ihrem Land auf Ablehnung stoßen. In Deutschland liegt der Wert bei 61 Prozent. Weiteres Ergebnis: Je mehr Einfluss rechte Parteien haben, desto höher sind die Ressentiments.

Moschee und Kirche: "Besorgnis erregend hohe Ablehnung"
AP

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Berlin - "Wie schätzen Sie die heutzutage bestehende Ablehnung gegenüber Muslimen ein, die in der Europäischen Gesellschaft leben?" - 21.102 Personen in 21 Ländern stellten die Mitarbeiter der GfK Custom Research Worldwide diese Frage im Auftrag der US-amerikanischen Tageszeitung "Wall Street Journal" im September und Oktober dieses Jahres. Das deutlichste Teilergebnis: Rund zwei Drittel der westeuropäischen Bevölkerung sind der Meinung, dass die Menschen eine sehr negative Einstellung gegenüber in Europa lebenden Muslimen haben.

Obwohl die Teilnehmer der repräsentativen Umfrage nicht direkt nach ihrer eigenen Einstellung gefragt worden waren, glaubt Mark Hofmans, der belgische Koordinator und Chefanalyst der Studie, dass dieses Resultat einen direkten Rückschluss auf die eigenen Ressentiments der Befragten zulässt. Die von der GfK gewählte Methode sei "der beste Kompromiss" gewesen und liefere in jedem Fall bessere Resultate, als es eine direkte Frage nach dem Muster "Lehnen Sie Muslime ab?" getan hätte, sagte Hofmans gegenüber SPIEGEL ONLINE. Denn stelle man solcherlei "sensible" Fragen direkt, scheuten sich viele Menschen, die Wahrheit zu sagen; die Befragten teilten ihre eigene Meinung erfahrungsgemäß lieber mittelbar mit. Zwar seien die Resultate der Umfrage, so Hofmans, nicht einfach als Gradmesser der Islamophobie in Europa zu werten. Eine gewisse Aussagekraft in dieser Hinsicht käme ihnen aber in jedem Fall zu.

USA weniger islamfeindlich als Deutschland?

Dieser Interpretation zufolge stoßen Muslime in Westeuropa im Durchschnitt (52 Prozent) auf deutlich mehr Ablehnung als in Zentral- und Osteuropa (30 Prozent), wo es wesentlich weniger Muslime gibt. In einigen Ländern, zum Beispiel in Belgien, Österreich, Dänemark und der Schweiz, liegt der erhobene Wert deutlich über 60 Prozent. Spitzenreiter ist Schweden mit 75 Prozent, wo kaum Muslime leben, gefolgt von den Niederlanden mit 72 Prozent, wo es eine große muslimische Minderheit gibt. Der Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh durch einen Islamisten hatte keinen Einfluss auf die Umfrage; sie wurde vor der Tat abgeschlossen.

In Deutschland, wo etwa drei Millionen Muslime leben, liegt der Wert bei 61 Prozent. Das Vergleichergebnis in den USA lag bei 49 Prozent. In Europa gab es besonders niedrige Werte in Großbritannien (39 Prozent) und Bulgarien (12 Prozent). Jeder vierte befragte Brite verweigerte allerdings die Antwort auf die Frage; das waren signifikant mehr Fälle als in den anderen Ländern. Frankreich fehlt in der Umfrage, weil Umfragen, die Religionen zum Gegenstand haben, staatlich genehmigt werden müssen.

Koranverkäufer in Istanbul: 95 Prozent Gläubige
SPIEGEL ONLINE

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Der Analyst Hofmans sieht seine Schlussfolgerung über den Zusammenhang zwischen dem Glauben an ein islamfeindliches Klima und eigenen islamkritischen Ressentiments dadurch bestätigt, dass in den Ländern mit hohen Zustimmungsquoten die parallel formulierten Frage nach einem Anstieg des Antisemitismus ebenfalls vorwiegend bejaht wurde. Fast jeder dritte Westeuropäer erklärte, der Judenhass sei in den vergangenen fünf Jahren "stärker" geworden (Deutschland: 39 Prozent); in Zentral- und Osteuropa trafen nur 17 Prozent der Befragten diese Aussage.

Hofmans: Rechtsparteien beeinflussen die Aussagen

"In den Ländern, in denen es starke rechte Bewegungen gibt, fielen auch die abgefragten Werte höher aus", erklärte Hofmans weiter. So gebe es in Belgien etwa es den rechten Flämischen Block, in Dänemark eine Rechtspartei in der Regierung, in Österreich die Freiheitlichen um Jörg Haider und in den Niederlanden sowie der Schweiz rechtspopulistische Bewegungen, führte Hofmans zur Begründung an. Den Einfluss dieser Bewegungen sieht Hofmans in der Umfrage klar erkennbar reflektiert.

Darüber hinaus spielen offensichtlich auch historische und länderspezifische Gründe eine Rolle. In Griechenland etwa, wo die Ablehnung von Muslimen durch die Befragten auf 35 Prozent taxiert wurde, werden albanische Einwanderer muslimischen Glaubens oft schlecht behandelt; dieser Konflikt werde aber in Griechenland, das traditionelle gute Beziehungen zu den arabischen Ländern hat, eher nicht als Religionskonflikt wahrgenommen, zitierte das "Wall Street Journal" heute den britischen Soziologen Tariq Modood. Auch die Anzahl in einem Land lebender Muslime ist kein Indikator für deren Ablehnung: In Bulgarien, wo seit Jahrhunderten etwa eine Million türkischstämmiger Muslime leben, und in Tschechien, wo gerade einmal 20.000 Muslime wohnen, lag der gemessene Wert jeweils bei zwölf Prozent.

Deutsche Neonazis vor Berliner Synagoge: Deutlicher Einfluss rechter Organisationen
DPA

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Das "Wall Street Journal", das die Umfrage in Auftrag gegeben hatte, zitierte heute kurze Analysen der Resultate von mehreren Wissenschaftlern. So schätzte der britische Soziologe Modood die Ergebnisse als Besorgnis erregend ein: "Muslimen werden als eine Gruppe wahrgenommen, die mit ihren Aufnahmegesellschaft in Konflikt stehen", sagte er. Der Grad an Nichtakzeptanz von Muslimen, der sich in den Ergebnissen ausdrücke, sei "verstörend hoch." Mit einem so hohen Grad an Besorgnis und Angst seien Integration und Gleichstellung nicht möglich.

Die GfK fragte die Teilnehmer auch nach der eigene religiöse Orientierung. Interessantestes Ergebnis: 70 Prozent der Westeuropäer erklärten, "an Gott oder einen anderen überirdischen Schöpfer zu glauben". Besonderes religiös zeigten sich die Rumänen (97 Prozent), Türken (95 Prozent) und Griechen (89 Prozent). In den USA tun dies 86 Prozent. Am wenigstens religiös sind unter den befragten Nationen die Tschechen, von denen 63 Prozent erklärten, keiner Religion anzuhören, und die Niederländer, bei denen sich 53 Prozent dazu bekannten. In Deutschland gaben dies 40 Prozent der Befragten an.

Jeder vierte Gläubige in Westeuropa - auch in Deutschland - gab an, mindestens einmal in der Woche an einer religiösen Veranstaltung teilzunehmen (Familienanlässe ausgeschlossen). Die Hälfte aller Befragten tut dies dagegen nur vier Mal im Jahr. Eine frappante Ausnahme in Westeuropa stellen dabei die Italiener dar, von denen knapp 40 Prozent mindestens einmal die Woche an einer religiösen Veranstaltung teilhaben. Den Gegenpol bilden die Nordeuropäer: Die Hälfte der Schweden und Dänen erklärte, dies so gut wie nie zu tun.

Yassin Musharbash

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