Ex-Außenminister Fischer-Show in Saal 165

Im Prozess seines "besten Freundes" gegen die Illustrierte "Focus" zeigt sich Joschka Fischer im Zeugenstand schlagfertig und bekennt sich erneut zu seiner linksradikalen Vergangenheit. Frankfurts Justizia ist amüsiert, der Anwalt der Gegenseite düpiert.

Von , Frankfurt am Main


Frankfurt am Main - Buddha ist zurück. Still sitzt er vor einem kleinen, zerkratzten Holztisch. Die Ellbogen aufgestützt, die Hände zu einem Spitzdach aneinander gelegt, stützt er mal Nase, mal Stirn darauf. Rundherum flackern seit zehn Minuten die Blitzlichter, klacken die Blenden der Fotoapparate. Aber sie fangen immer nur das gleiche Bild ein, Joschka Fischer bewegt sich nicht, schaut nur geradeaus in den furnierholzgetäfelten Saal 165 des Frankfurter Landgerichts, immer dahin, wo das hessische Landeswappen hängt.

Ex-Außenminister Fischer im Gerichtssaal: "Lauter richtige Sachen"
DDP

Ex-Außenminister Fischer im Gerichtssaal: "Lauter richtige Sachen"

Der Ex-Minister des Auswärtigen im Zeugenstand. Mittlerweile ein gewohntes Bild, schließlich durfte ihm im vergangenen Sommer die ganze deutsche Fernsehrepublik stundenlang bei seiner Aussage vor dem Untersuchungsausschuss zur Visa-Affäre zuschauen. Und heute wieder dieser Frankfurter Gerichtssaal - der größte, den die Stadt zu bieten hat. Joschka Fischer kennt ihn nur zu gut. Vor fünf Jahren sagte er hier im Prozess um den Opec-Attentäter Hans-Joachim Klein aus.

Damals hatte Fischer eingeräumt, sich in seiner Frankfurter Zeit mit Polizisten geschlagen zu haben. Weil er sich unbedacht auch über eine RAF-Bekanntschaft äußerte, brachte ihm das eine Anzeige wegen Falschaussage ein. Daraus, so Fischer heute in Frankfurt, "habe ich gelernt". Denn auch diesmal geht es wieder um die siebziger Jahre im Frankfurter Sponti-Milieu, als Fischer mit seiner "Putzgruppe" um die Westend-Häuser zog, um eben diese vorm Abriss durch Spekulanten zu bewahren.

Eher passionierter Liebhaber als "passionierter Schläger"

In Fischers Umfeld damals: Ralf Scheffler, heute Betreiber des Frankfurter Musiklokals "Batschkapp". In Saal 165 klagt Scheffler jetzt gegen die Illustrierte "Focus". Die hatte im Jahr 2002 ein Foto abgedruckt, das Scheffler, Fischer und andere Ex-Spontis bei der Beerdigung des Frankfurter Kabarettisten Matthias Beltz zeigt. In die Bildunterschrift schrieben die "Focus"-Redakteure, Scheffler habe als "passionierter Schläger" gegolten.

Dagegen nun geht Ralf Scheffler seit vier Jahren vor, er fordert Unterlassung der Behauptung und 15.000 Euro Schmerzensgeld. Die "Focus"-Taktik: Prominente Zeitzeugen sollen belegen, dass Scheffler ordentlich mitgemischt hat, damals in den frühen Frankfurter Jahren. Nur irgendwie mag das nicht gelingen. Der Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit, früher "Danny le Rouge" in der Fischer-Gang, hatte ausgesagt, Scheffler sei bestimmt kein passionierter Schläger gewesen, eher ein passionierter Liebhaber.

Und jetzt eben Joschka Fischer, der hier vor Gericht "Joseph, aber mit ph" heißt. Und ja, "Martin" auch noch: "Das hat sich nicht geändert." Fischer kann sich ein Grinsen nicht verkneifen und der Vorsitzende Richter Frowin Kurth auch nicht. Nur Ralf Scheffler hängt seltsam unbeteiligt wie ein Schluck Wasser in seinem Stuhl, den Kopf auf die Lehne gestützt. Fischer derweil gibt als Beruf "Bundesminister a.D." an und nennt Scheffler "einen meiner besten Freunde, bis auf den heutigen Tag". Der beste Freund bewegt den Kopf nicht, schaut nur aus den Augenwinkeln nach links zum Zeugen.

Späße mit dem Allerheiligsten

Richter Kurth möchte jetzt gern wissen, was das denn genau gewesen sei, die "Putzgruppe". "Ach, die Dinge liegen sehr weit zurück", knurrt Fischer sein Fischer-Knurren. Aufgrund seiner Erfahrungen im Klein-Prozess wolle er nur noch da was sagen, "wo das Erinnerungsvermögen belastbar" sei. Der Begriff "Putzgruppe" sei ihm natürlich geläufig, denn "den habe ich mittlerweile sehr oft gelesen". Um dessen Ursprung aufzuspüren, könne man ja "berufene Historiker der Sponti-Szene fragen". Einen Satz hat Fischer sich sehr gut zurechtgelegt: Er könne sich "nicht an Tatsachen erinnern, die eine Charakterisierung des Klägers als 'passionierten Schläger' rechtfertigen würden". Das wiederholt Joseph Martin Fischer heute mehrfach sehr gelassen und sehr freundlich.

"Focus"-Anwalt Robert Schweizer konfrontiert den Zeugen Fischer mit dessen Vergangenheit, er will ihn mit seinen früheren Äußerungen zur Gewaltthematik packen. In einem Aufsatz für die Zeitschrift "Autonomie" habe Fischer 1977 über "unser Allerheiligstes, den bewaffneten Kampf" geschrieben, so Schweizer. "Ja", sagt Fischer, aber den "BEWAFFNETEN KAMPF" habe er in Versalien gesetzt. Richter Kurth grinst, Kläger Scheffler schaut abwesend, "Focus"-Mann Schweizer ist verdutzt.

Fischer: "Sehen Sie, Herr Rechtsanwalt, ich war Messdiener und bin streng katholisch aufgewachsen", deshalb habe er das "Allerheiligste" ironisieren, der Gewalt mit diesem Text abschwören wollen: "Das ist ein Text der Selbstabrechnung gewesen." Er wolle, sagt Fischer mit blitzenden Augen, "da jetzt aber nicht in die eigene Textexegese reingehen". In diesem Moment hat der redliche "Focus"-Anwalt verloren. Er müht sich, doch Joschka Fischer ist jetzt ganz bei sich: "Oh, in meinem Text stehen ja lauter richtige Sachen drin." Das könne ja sein, sagt Anwalt Schweizer, rechtssoziologisch sei das Ganze tatsächlich sehr interessant. Ja, sagt der Ex-Minister, "das Schlussbild ist besonders gut."

Wie einst mit Hans-Peter Uhl im Visa-Ausschuss

Der Scheffler-Prozess, er ist jetzt zur Fischer-Show mutiert. Richter Kurth muss beim Wort "Putzgruppe" immer wieder glucksen, der Polizist an der Tür kriegt einen roten Kopf, nur die Protokollantin versucht noch tapfer die Contenance beim Tippen zu wahren. Anwalt Schweizer erinnert jetzt famos an Fischers letzten Gegenpart auf einer solchen Bühne: An den unglücklichen Hans-Peter Uhl von der CSU, den Vorsitzenden im Visa-Untersuchungsausschuss.

Der Anwalt versucht es noch einmal. Damals am Grab des Kabarettisten Beltz, da hätten sie alle beisammen gestanden, die ganze ehemalige Sponti-Szene. Schweizer will nachweisen, dass Scheffler zu Fischer gehört. Dann hätte er ihn, denn Fischer hat sich schon zu seinen Gewaltsünden bekannt ("Ich habe da Schuld auf mich genommen"). "Ja", sagt Fischer, das stimme, außerdem "hat auch die Frankfurter Oberbürgermeisterin dabei gestanden". Und von vorn Richter Kurth: "Ein Kollege von mir war auch dabei, glaub' ich."

Nach dem Abgang des prominentesten Zeugen ist klar: Punktsieg für Kläger Scheffler. Doch "Focus" gibt nicht auf, weitere Zeugen stehen auf der Liste, bis Mai mindestens wird sich das Verfahren noch hinziehen. Heute kommt noch Diplomat Georg Dick, früher ebenfalls im Sponti-Dunstkreis. Er habe sich schon sehr gewundert über die Vorladung des Gerichts, berichtet Dick, denn darin sei von Schefflers Klage gegen die "Focus"-Behauptung vom "passionierten Schäfer" die Rede. Ein Druckfehler, klar. Aber beim besten Willen, so Dick, er sei nicht darauf gekommen, dass es Schläger statt Schäfer heißen könne. So abwegig sei die Behauptung.

Und da muss selbst Ralf Scheffler einmal lächeln.



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