NSA-Spionage: Ex-Geheimdienstchef gibt EU und Deutschland Mitschuld an Ausspähung

Ein früherer Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung kritisiert die EU und Deutschland in der NSA-Spähaffäre: "Wer zulässt, dass seine Büros verwanzt werden, der lebt in der Steinzeit." Als Ziel der breiten Überwachung Deutschlands vermutet Bernd Schmidbauer "Wirtschaftsspionage im großen Stil".

Ex-Geheimdienstkoordinator Schmidbauer (Archivbild von 2004): Nachlässigkeiten bei Spionageabwehr Zur Großansicht
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Ex-Geheimdienstkoordinator Schmidbauer (Archivbild von 2004): Nachlässigkeiten bei Spionageabwehr

Berlin/Frankfurt - Der ehemalige Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung, Bernd Schmidbauer (CDU), hat in der Spähaffäre um den US-Geheimdienst NSA auch die deutschen und europäischen Verantwortlichen kritisiert. "Wer zulässt, dass seine Büros verwanzt werden, der lebt in der Steinzeit", sagte Schmidbauer dem Sender "hr-Info".

Es gebe "auf diesem Sektor keine Freunde". Dennoch sei "die Sorglosigkeit großgeschrieben" worden. Wenn Kommunikationssysteme nicht mehr gesichert würden, sei das "eine Nachlässigkeit".

Das Ausmaß der US-Spionage in Deutschland habe ihn nicht überrascht, fügte Schmidbauer hinzu. "Ich habe in der Vergangenheit beobachten können, mit welcher Kaltschnäuzigkeit hier miteinander umgegangen wird." Schon zu seiner Zeit im Amt habe es Spionage der USA gegen Deutschland gegeben. "Aber es gab eben auch eine Abwehr."

Schmidbauer, der in den 1990er Jahren Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt war, vermutet als Hintergrund der US-Geheimdienstaktivitäten "Wirtschaftsspionage im großen Stil". "Wozu soll die Spionage sonst dienen? Die Sicherheit zwischen den USA und uns ist nicht gefährdet."

Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie äußerte sich besorgt über die Spähaffäre. "Die aktuellen Medienberichte über das Ausmaß der Überwachung und Speicherung von Daten durch die NSA sind auch aus Sicht der deutschen Industrie beunruhigend", erklärte der BDI am Montag.

Der SPIEGEL hatte berichtet, dass die US-Amerikaner offenbar gezielt EU-Vertretungen überwachen. Gebäude in Washington, New York und Brüssel seien mit Wanzen oder über das Computernetzwerk ausgespäht worden. Zudem werden laut SPIEGEL in Deutschland monatlich rund eine halbe Milliarde Telefonate, E-Mails oder SMS überwacht - systematisch wird ein Großteil der Telefon- und Internetverbindungsdaten kontrolliert und gespeichert.

fab/AFP

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insgesamt 44 Beiträge
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1. .
Jule28 01.07.2013
Langsam finde ich es echt lächerlich. Als ob es etwas neues wäre, dass Geheimdienste spionieren. Das hierzulande in Mode gekommene Bessermenschentum scheint auch in der Spionageabwehr angekommen zu sein: "Wenn wir lieb sind, werden die anderen auch lieb zu uns sein." LOL! Jeder Streber lernt spätestens in der 3. Klasse auf dem Schulhof das Gegenteil. Die Politiker sollten noch mal die Grundschule besuchen.
2. Einbrecher haben in Deutschland nichts zu suchen
tiram 01.07.2013
Und Herr Schmidtbauer verteidigt die Einbrecher, Nein,die Einbrecher und deren Einbrecherwerzeuge sind die Schuldigen. Prozentual: 1% zu 99%. Einbrecher haben in Deutschland nichts zu suchen. Frau Merkel muss sofort den Stop aller Schnüffeleien anordnnen, wie es Herr Hollande gestern schon vorgemacht hat.
3. Soso
shardan 01.07.2013
in den 90er Jahren Geheimdienstkoordinator? Und der hat nicht gewusst, dass 1989 das Kanzleramt die Räume für die NSA in Frankfurt angemietet hat? Das muss damals wirklich ne tolle Abwehr gewesen sein. Recht hat er allerdings, was die Nachlässigkeiten angeht - das ist wirklich schon seltsqam und auch beunruhigend. Interessant auch wieder zu hören, dass es hier wiederum nur und ausschließlich um die Belange der abgehörten Politik und Wirtschaft geht. Kreti und Plethi darf man in D offenbar ungeniert und unbehelligt abhören, je mehr, desto besser. Aber immerhin, der erste Industrieverband meldet sich zu Wort... reichlich spät, aber vielleichtkommt ja aus der Ecke mal Druck.
4. Die Bundeskanzlerin muss zurücktreten. ...
.freedom. 01.07.2013
Es muss ein Untersuchungauschschuss gebildet werden. Frau Merkel muss erst einmal alle Ämter abtreten. Eventuel wegen Verdunklungs... festgesetzt werden. Sie hat bewusst deutsches Recht gebrochen. Wenn sie davon nichts wusste muss sie zurücktreten. Was soll man mit so einer Bundeskanzlerin die nichts weiss. Wusste sie davon muss sie auch sofort zurücktreten. Zudem ist Die Bundeskanzlerin nicht fähig Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Deswegen auch hier, "Rücktritt". Jeder weiss wie das Bundesverfassungsgericht 2010 entschieden hat. . Willy Brand ist wegen weit weniger Spionage zurückgetreten.
5. .
Jule28 01.07.2013
Zitat von shardanKreti und Plethi darf man in D offenbar ungeniert und unbehelligt abhören, je mehr, desto besser.
Geheimdienste haben schon immer Telefonate abgehört. Das Klischee kommt nicht von ungefähr. Warum es jetzt schlimmer sein soll verstehe ich nicht.
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