Ex-Kanzlerkandidat Barzel Absturz eines Blitz-Karrieristen

Er war ein großer Taktiker, aber ihm fehlte der Zauber von Brandt. Er mied große Auftritte - und hatte ein ausgeprägtes Schlaf- und Ruhebedürfnis. Am Ende hatte Rainer Barzel, CDU-Spitzenkandidat 1972, nach seiner Blitzkarriere ein paar böse Lektionen zu lernen.

Von Daniela Forkmann


Rainer Barzel absolvierte eine der rasantesten Politikerkarrieren in der Bundesrepublik Deutschland - und erlebte einen zügigen und schmerzhaften Absturz. Schon rasch nach seinem Einstieg in die Politik galt er als "Wunderkind", als intelligent, fleißig und begabt. Doch bei den Bundestagswahlen am 19. November 1972 unterlag er dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt mit Aplomb.

Rainer Barzel im November 1973: Schneller Absturz nach rasanter Karriere
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Rainer Barzel im November 1973: Schneller Absturz nach rasanter Karriere

Dabei galt Barzel zunächst als der "Shooting-Star" der CDU. Ihm verdankte sie größtenteils die zügige Regeneration nach dem Regierungsverlust 1969. Als Fraktionsvorsitzendem der Bundestagsopposition gelang es Barzel, das Selbstbewusstsein der Union wiederherzustellen. Hier bewies er sich als Meister des Kompromisses und des Taktierens, in dieser Rolle kamen seine Fähigkeiten als Politikmanager voll zum Tragen. Daher schien es nur folgerichtig, dass er 1971 den Parteivorsitz der CDU und die Kanzlerkandidatur der Christlichen Union übernahm.

Als es im Frühjahr 1972 durch den Seitenwechsel einiger FDP-Abgeordneter zu einem parlamentarischen Patt kam, wagten die Union und allen voran Barzel ein konstruktives Misstrauensvotum. Doch scheiterte dies spektakulär - statt der erforderlichen 249 Stimmen hatte Barzel nur 247 erreichen können. Mindestens zwei Unionsabgeordnete hatten dem Kanzlerkandidaten die Gefolgschaft verweigert und ihm eine schwere Niederlage zugefügt: Die Unionsfraktion, seine Machtbasis und Arena des politischen Aufstiegs, war ihm nicht geschlossen gefolgt. Damit war Barzel blamiert, seine Glaubwürdigkeit und Durchsetzungsfähigkeit beschädigt - der stetige Aufsteiger von ehedem war plötzlich ein Loser.

Stärke wird zum Stolperstein

Und mit der Abstimmung über die Ostverträge folgte eine zweite Niederlage: Die seit dem gescheiterten Misstrauensvotum verunsicherte Union konnte sich weder zur Zustimmung noch zur Ablehnung durchringen und enthielt sich schließlich mehrheitlich der Stimme. Barzel gelang es mit dem Gestus des unentschiedenen "Jeins" nicht, die Fraktionsgemeinschaft zu führen.

Was zuvor seine Stärke gewesen war, wurde ihm jetzt zum Stolperstein: Sein stetiges Taktieren galt nicht mehr als brillantes Verhandlungsgeschick. Er stand jetzt vielmehr als unzuverlässiger, inhaltlich unkenntlicher "Wendehals" und zwielichtiger Versager da. Zudem zeigte sich nun, welch große Sympathie der Bundeskanzler und die Ostpolitik der Regierung genossen. Das Bemühen der Union, den Kanzler zu stürzen, wurde dagegen als illegitim und hinterhältig, ja als schmutziger Verrat empfunden - Willy Brandt ging eindeutig als moralischer Sieger aus den Auseinandersetzungen des Frühjahrs 1972 hervor.

Die gesellschaftliche Stimmung des Wahlkampfs war daher für Barzel denkbar ungünstig. Die zunehmende Politisierung der Bevölkerung kam dem amtierenden Kanzler zugute, besonders jüngere Menschen fühlten sich von seinem Credo "Mehr Demokratie wagen" geradezu magisch angezogen. Das Bedürfnis nach einer offeneren Gesellschaft, nach einem moralisch besseren Leben schien endlich befriedigt zu werden.

Die neue Ostpolitik galt dabei vielen Menschen als Symbol für eine friedlichere Welt, ihre internationale Anerkennung versöhnte sie mit der belasteten Vergangenheit. Hinzu kam, dass die Regierung nun erste, im Alltag spürbare Erfolge ihrer Politik vorweisen konnte: Der Kontakt zwischen Ost und West verbesserte sich, gegenseitige Besuche wurden erleichtert. So geriet die Bundestagswahl 1972 zu einem Plebiszit über die Neue Ostpolitik.

Der Unmut über das versuchte Misstrauensvotum der Union äußerte sich während des Wahlkampfs in einer ungekannten Solidaritätswelle für die Regierungsparteien. Aller Orten sprossen Wählerinitiativen aus dem Boden, besonders die intellektuelle Avantgarde engagierte sich in ungeahntem Maße. In Prominentenkreisen blitzten Sticker mit der Aufschrift "Willy wählen!"

Es galt als schick, SPD zu wählen. Wer sich zur Union bekannte, war schlichtweg nicht en vogue. Brandt traf den emotionalisierten, politisierten sogenannten Zeitgeist der frühen siebziger Jahre und schien in Hochform: Sonnengebräunt und mit Verve stürzte er sich in die Wahlauseinandersetzung. Mit seinen unermüdlichen Reden füllte er ganze Hallen, arbeitete bis spät in die Nacht und bereiste in einem Sonderzug fast alle Winkel des Landes.

Taktierend, pragmatisch, scheu - und ohne Mission

All dies stand im Gegensatz zum verschlossenen Barzel: Er war ein pragmatischer Politiker der sechziger Jahre, ein allzu glatt wirkender Taktierer in Tagesfragen, ein Verwalter des bereits Erreichten. Zum stärker ideologischen Zeitgeist der frühen siebziger Jahre mochte er nicht recht passen.

Einen großen politischen Entwurf, gar eine historisch-politische Mission wie bei Brandt brachte niemand mit ihm in Verbindung. Allerdings hatte er während seines raschen Aufstiegs auch kaum an einem konzisen inhaltlichen Profil gearbeitet. Zu sehr war er als Fraktionsvorsitzender mit den Fragen des Politikalltags beschäftigt, und zu sehr hatte er sich stets auf politische Förderer verlassen können.

Auch in seinem Wahlkampfverhalten stand Barzel im krassen Kontrast zum Kanzler: Während Brandt sich mit Journalisten umgab, pflegte Barzel eine offenkundige Presse- und Publikumsscheu. Nie absolvierte er mehr als vier Auftritte pro Tag, hielt einen immer gleichen Vortrag und verschwand nach kurzem Gespräch geschwind in seinem Hotel.

Hatte Barzels ausgiebiges Schlaf- und Erholungsbedürfnis bereits während der Verhandlungen über die Ostverträge die beteiligten Akteure irritiert – Scheel und Brandt hatten oft noch tief in der Nacht über Lösungen debattiert, während der Oppositionsführer längst zu Bett gegangen war –, so wurden die extensiven Schlummerzeiten des Oppositionschefs und Kanzlerkandidaten nun in den Wahlkampfmonaten Gegenstand des öffentlichen Spotts. Augenscheinlich war der Kandidat physisch nicht sehr belastbar.

Barzel setzt aufs falsche Thema

Hinzu kam eine gewisse Manieriertheit Barzels. Im Gegensatz zum telegenen und fernsehgewandten Kanzler scheute er Auftritte vor der Kamera. Angebote für politische Sendungen sagte er ab oder vertröstete die Einlader. Und wenn er denn doch einmal auftrat, war es ihm am liebsten, wenn er sämtliche Fragen zuvor kannte und sich bereits die passenden Antworten zurecht legen konnte. Das Unerwartete war ihm ein Graus. Die mangelnde Präsenz auf den Bildschirmen jedoch war kaum dazu angetan, sein Image zu verbessern: Barzel wurde schlichtweg nicht zum Sympathieträger.

Nicht zuletzt deshalb versuchte die Union, einen stark argumentativen Wahlkampf zu führen. Da der Themenbereich Außenpolitik bereits von der Regierung besetzt war, stürzte sich Barzel auf die Wirtschaftspolitik. Indes: Die Strategie ging nicht auf. Denn das dominierende Thema des Wahlkampfs war und blieb die Ostpolitik. Sie trieb die Bevölkerung um, zu ihr sollte die Opposition Stellung beziehen. Mit ihrer wirtschaftlichen Lage dagegen waren die Menschen Umfragen zufolge noch zufrieden. So konnte Barzel auch inhaltlich kaum punkten.

Darüber hinaus wollte die eigene Partei nun nicht mehr recht zum eigenen Kandidaten stehen. Besonders die CSU und Franz-Josef Strauß distanzierten sich zusehends und konnten von Barzel kaum noch integriert werden. Zudem waren die Sozialdemokraten für einen solch emotionalisierten Flächenwahlkampf besser gerüstet als die Union.

Alles oder nichts: Barzel verfehlt die absolute Mehrheit

Die SPD war damals - man hat es fast schon vergessen - eine vitale, gut organisierte Mitgliederpartei, die sich auf ein breites Netz von Ortsvereinen stützen und auf den Einsatz ihrer Mitglieder als Multiplikatoren verlassen konnte. Demgegenüber war die Parteiorganisation der CDU seinerzeit nur rudimentär ausgebaut, und auch Barzel hatte als Parteivorsitzender nicht in ihren Aufbau investiert. Auch dies war ein Grund, warum kein CDU-Ortsverein Anstecker mit der Aufschrift "Rainer wählen" verteilte.

Doch kämpfte Barzel nicht nur gegen die Sozialdemokraten, auch die FDP befand sich auf der gegnerischen Seite. Wollte er als Kanzler regieren, musste er daher entweder die FDP aus der bestehenden Koalition herausbrechen oder die absolute Mehrheit der Stimmen erreichen. Barzel aber hatte bei Adenauer gelernt, dass absolute Mehrheiten sehr wohl möglich waren. Zudem war er niemand, der sich Seilschaften aufbaute, sich in nächtlichen Sitzungen Verbündete schaffte. Noch einmal: Er war in seiner Laufbahn auch nicht darauf angewiesen gewesen, war stets von anderen, älteren Mentoren protegiert worden.

Darin lag denn wohl auch das eigentliche Scheitern des Kanzlerkandidaten: Denn mit 44,9 Prozent der Stimmen verfehlte die Union zwar die absolute Mehrheit, mit einem Koalitionspartner hätte es jedoch wohl zur Regierungsübernahme gereicht. So aber vollzog sich der Abstieg des einst gelobten Nachwuchstalents tragisch rasch: Bereits 1973 hatte Barzel Partei- und Fraktionsvorsitz verloren und musste in die einfachen Abgeordnetenreihen zurückkehren.



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