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Prozess gegen Becks Ex-Finanzminister: Gescheitert an der "Grünen Hölle" Nürburgring

Von , Koblenz

Mit Millionenbeträgen privater Investoren wollte die rheinland-pfälzische Regierung von Kurt Beck den Nürburgring ausbauen. Doch der geplante Coup scheiterte. Ex-Finanzminister Deubel, einst SPD-Hoffnungsträger, steht nun wegen Untreue vor Gericht.

Hier also endet es, in Saal 102 des Koblenzer Landgerichts: Kahle weiße Wände, fleckige Lamellenvorhänge, Neonlicht. Hinter der Richterbank hängt Jesus am Kreuz und vorne rechts sitzt der Mann, den Regierungschef Kurt Beck anerkennend "Professor" nannte: Ingolf Deubel, klein, flinke Augen, Drei-Tage-Bart, war Finanzminister des Landes Rheinland-Pfalz. Ein Fachpolitiker von bestem Ruf, der recht zu haben durchaus gewohnt war. Dann aber begab sich der promovierte Volkswirt für "König Kurt" auf die Suche nach dem ganz großen Geld und landete als Angeklagter vor Gericht.

Jetzt geht es um Untreue und um einen Schaden von zwölf Millionen Euro.

Die Geschichte des Ingolf Deubel ist eine Tragödie, für ihn und sein Umfeld. Zurückgetreten, abgestiegen, verspottet fiel der SPD-Politiker, dem in Mainz lange Jahre viele fast alles zugetraut hatten, ins politische Nichts. Er habe nun einen "schweren Gang" vor sich und sich überhaupt "seine Lebensplanung anders vorgestellt", sagt er etwas schmallippig am Dienstagmorgen einem Reporter in Koblenz. Zuvor ist er hastig vor den Fotografen und Kameraleuten in einen Nebenraum geflüchtet.

Erotische Abenteuer

Doch die Geschichte des Ingolf Deubel, 62, erzählt außerdem, wie man sich in einer Welt verlieren kann, in der ausschließlich der schöne Schein regiert. In der man es sich im Zürcher Luxushotel Dolder Grand gutgehen lässt, bei Zigarren, erlesenen Weinen, exklusivem Essen und dabei übers Business schwadroniert. Große Pose, wichtig, wichtig, bloß keine Zweifel erkennen lassen, Siegerlächeln, Selbstgewissheit. Dabei scheinen einige der auf Steuerzahlerkosten logierenden Herren auch dem spesenfinanzierten erotischen Abenteuer nicht abgeneigt gewesen zu sein, wie im Untersuchungsausschuss des Mainzer Landtags bekannt wurde.

Es ist zwar nicht so, dass der Finanzminister Deubel an diesen exklusiven Stammtischen selbst teilgenommen hat, doch er schuf ihren Rahmen und ließ sich dabei von windigen Geschäftemachern und vermeintlichen Kreditvermittlern über den Tisch ziehen. Warum aber tat er das - auch diese Frage gilt es, vor dem Landgericht Koblenz zu klären. Aus Arglosigkeit? Oder Unvermögen? Hatte er Pech? Trieb möglicherweise gar der Druck, den der Landesvater auf seinen Haushaltshüter ausgeübt haben könnte, das Zahlengenie zu finanziellen Stunts?

Die Landesregierung unter Beck träumte jedenfalls seit geraumer Zeit von einem Prestigeprojekt, einem Hunderte Millionen Euro teuren Freizeitpark am Nürburgring, mit zwei Hotels, knapp hundert Ferienhäusern, Indoor-Vergnügungszentrum, Achterbahn, Spielbank, Veranstaltungshalle und anderen Annehmlichkeiten mehr. Das Geld aber für die Veredelung der "Grünen Hölle", wie die Rennstrecke in der Eifel genannt wird, sollte Finanzgenie Deubel auftreiben - und zwar möglichst nicht in seinem Etat, sondern zu großen Teilen bei privaten Investoren.

Dabei verstrickte sich der Minister wohl in immer komplexeren Finanzierungsmodellen, für die laut Anklage zeitweise auch mit US-Lebensversicherungspolicen, sogenannten Senior Life Settlements (SLS), spekuliert werden sollte. Warum die einen Teil ihres Kapitals ausgerechnet mit Nürburgring-Immobilien hätten absichern sollen, erschloss sich kaum jemandem. Selbst in einem Vermerk des Mainzer Finanzministeriums hieß es dazu, das Geschäft sei zu gut, um wahr zu sein. Die Pläne scheiterten dann auch reihenweise, derweil am Nürburgring schon eifrig gebaut wurde.

Die Schecks waren gefälscht

Schließlich zauberte ein Schweizer Finanzvermittler, der wiederum von zwei deutschen Finanzvermittlern vermittelt worden war, den Spross der US-Industriellen-Dynastie Dupont aus dem Hut. Dieser Heilsbringer, den selbst der sozialdemokratische Landesvater Beck pries ("Ganz alter Milliardärsadel"), hatte angeblich sein Herz für die Traditionsschleife in der Eifel entdeckt und wollte im großen Stil investieren. Das Problem nur war, dass der Milliardär von seinem angeblichen Interesse nichts ahnte, wie eine SPIEGEL-Nachfrage in den USA ergab. Kurz darauf stellte sich heraus, dass die Schecks, die laut Deubel von Pierre S. Dupont stammen sollten, auch nicht gedeckt, sondern wohl gefälscht waren.

Überhaupt hatten die Berater und Vermittler - allesamt dubiose Figuren, teilweise vorbestraft, teilweise erfolglos - immer wieder angebliche Investoren präsentiert, die dann kurz vor Vertragsunterzeichnung aus den seltsamsten Gründen reihenweise Rückzieher machten. Doch Deubel vertraute den Selbstdarstellern und ließ sie sehr ordentlich mit öffentlichen Geldern entlohnen. Trotz des anhaltenden Misserfolgs billigte der Minister als Aufsichtsratschef der weitgehend landeseigenen Nürburgring GmbH immer wieder großzügige Provisionen, Vorauszahlungen und Spesen in oft sechsstelliger Höhe. Das gute Leben der Finanzvermittler war kostspielig.

Deubel hat bereits angekündigt, in dem womöglich Jahre dauernden Mammut-Verfahren alle gegen ihn gerichteten Vorwürfe widerlegen zu wollen. Seine Verteidigungsstrategie könnte dabei ähnlich ausfallen wie die eines der fünf Mitangeklagten. Dessen Verteidiger, der Düsseldorfer Rechtsanwalt Jürgen Wessing, ließ bereits erkennen, dass er mögliche unternehmerische Fehlentscheidungen nicht für strafrechtlich relevant hält. "Die Kernfrage wird sein", so Wessing, "konnte man diesen Versuch wagen, musste man es?"

Für Ingolf Deubel aber wird die entscheidende Frage sein: Lässt sich der Ruf, ist er erst ruiniert, wieder reparieren?

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insgesamt 31 Beiträge
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1. Falsch ! Gescheitert an der Politikerkrankheit.
die-dicke-aus-der-uckerm. 16.10.2012
Zitat von sysopDPAMit Millionen von privaten Investoren wollte die rheinland-pfälzische Regierung von Kurt Beck den Nürburgring ausbauen. Doch der geplante Coup scheiterte. Ex-Finanzminister Deubel, einst SPD-Hoffnungsträger, steht nun wegen Untreue vor Gericht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/ex-minister-deubel-steht-wegen-nuerburgring-pleite-vor-gericht-a-861589.html
Arroganz Überheblichkeit Unwissen Unfähigkeit Bildungsmangel Selbstüberschätzung Fachkompetenz und und und und folgenloses Versagen im Hinterkopf habend.
2. 12 Millionen nur?
wkilikidoo 16.10.2012
Zitat von sysopDPAMit Millionen von privaten Investoren wollte die rheinland-pfälzische Regierung von Kurt Beck den Nürburgring ausbauen. Doch der geplante Coup scheiterte. Ex-Finanzminister Deubel, einst SPD-Hoffnungsträger, steht nun wegen Untreue vor Gericht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/ex-minister-deubel-steht-wegen-nuerburgring-pleite-vor-gericht-a-861589.html
12 Millionen? Nur? Das ist sein Fehler, hätte er 12 Milliarden und mehr verloren, hätte man ihm einen Orden verliehen, einen Ministerposten in Brüssel und der Verfassungschutz hätte für ihn gebürgt!
3. Leider nur einer
Eluis 16.10.2012
Zitat von sysopDPAMit Millionen von privaten Investoren wollte die rheinland-pfälzische Regierung von Kurt Beck den Nürburgring ausbauen. Doch der geplante Coup scheiterte. Ex-Finanzminister Deubel, einst SPD-Hoffnungsträger, steht nun wegen Untreue vor Gericht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/ex-minister-deubel-steht-wegen-nuerburgring-pleite-vor-gericht-a-861589.html
von sehr sehr vielen Politikerloosern, die meinen, es besser zu können als der Markt. In einer wirklich freien Marktwirtschaft wäre so ein Projekt wahrscheinlich gar nicht erst gestartet worden oder aber einige Nummern kleiner. Vielleicht kann ja König Kurt oder ein paar Kumpelz aus der SPD Vorträge vermitteln (Stufe III muss es aber mind. sein)
4. Immerhin
darthmax 16.10.2012
Dieser Mann war Finanzminister und auch wenn er wohl kompetenzfrei war, so hat er für die angerichteten Schäden zu haften. Schön wäre es, wenn er die verschwndeten Beträge zurückzahlen müsste.
5.
alexbln 16.10.2012
wenn ich sein foto sehe tut er mit ja fast schon wieder leid. er ist jetzt sicher der alleinige sündenbock. leider und da hat mein vorkommentator recht, in der poltik wimmelt es von inkompentenz gerade im ökonomischen bereich erleben wir das tagtäglich (schäuble ist nur ein beispiel auf bundesebene) und auf landesebene zählt dazu eben ein herr deubel, der sich idologisch verblendet über den tisch hat ziehen lassen. niemand in der priaten wirtschaft hätte sich so ausnehmen lassen und wenn doch, wäre es eben das private geld. risko und haftung gehören untrennbar zusammen.
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