Ex-Präsident Köhler Warum Nummer neun scheiterte

Viele Bürger rätseln noch immer, was Horst Köhler zu seinem plötzlichen Rücktritt bewegte. Köhler-Biograf Gerd Langguth ist überzeugt: Der Präsident scheiterte an seiner eigenen Unsicherheit - kein bundesdeutsches Staatsoberhaupt hat sich so schwer getan wie er.

Horst Köhler: Politisch und persönlich überfordert
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Horst Köhler: Politisch und persönlich überfordert


Das Amt des Bundespräsidenten hat besonders viel mit Symbolik zu tun. So werden in allen wichtigen deutschen Amtsstuben im In- und Ausland - etwa in den Botschaften - nach jeder Neuwahl eines Präsidenten die Bilder im Wechselrahmen ausgetauscht. Flugs lächelt der Nachfolger von den Wänden. Nun ist es also wieder einmal so weit: Die Bilder müssen gewechselt werden.

Auf Präsident Nummer neun folgt Nummer zehn. Wie fügt sich Horst Köhler als neunter Bundespräsident in die Reihe seiner Vorgänger ein?

Von allen Bundespräsidenten tat sich Horst Köhler mit diesem Amt am schwersten. Er war der erste Nicht-Politiker, der in dieses hohe Staatsamt kam. Er war der erste studierte Ökonom. Und er ist der erste Bundespräsident, der vorzeitig und freiwillig sein Amt zurückgegeben hat ( Heinrich Lübke schied krankheitsbedingt aus).

Die Tatsache, dass Horst Köhler nie das praktische Dasein eines Politikers erlebt hat, ließ ihm zu einem Fremdkörper in der "politischen Klasse" werden, der er eigentlich nicht angehören wollte - er sprach ja meist von "den" Politikern. Er verstand sich mehr als Repräsentant des Volkes gegenüber der Politik, was ihn auch so beliebt machte. Zwischen ihm und der Politik war so etwas wie eine unsichtbare Wand. Er wurde zu einem Politiker, ohne es eigentlich sein zu wollen, ohne diese Rolle wirklich innerlich anzunehmen. Das hat ihn von allen seinen Vorgängern unterschieden.

Er hatte alle Möglichkeiten

Er hätte auch aufgrund seiner vielen beruflichen Positionen und Erfahrungen alle Möglichkeiten gehabt, in der Ahnengalerie der deutschen Bundespräsidenten einen besonderen Platz einzunehmen. Er war das vierte der neun Staatsoberhäupter, das eine zweite Amtszeit antreten konnte. Übrigens waren acht der neun evangelisch, nur Heinrich Lübke gehörte dem katholischen Glauben an.

  • Der einzige, der kein Abitur hatte, war Köhlers Vorgänger Johannes Rau.
  • Der vor allem durch sein "Hoch auf dem gelben Wagen" immer noch bekannte Freidemokrat Walter Scheel konnte wegen des Krieges seine Banklehre nicht beenden und war nach dem Krieg Geschäftsführer in der Industrie.
  • Der studierte Jurist Richard von Weizsäcker war vor seiner Zeit als CDU-Bundestagsabgeordneter ebenfalls in der Industrie tätig.
  • Heinrich Lübke, der Landwirtschaft studiert hatte, war zunächst in bäuerlichen Organisationen und später als Vermessungsingenieur tätig.
  • Theodor Heuss, der Nationalökonomie, Geschichte, Philosophie, Kunstgeschichte und Staatswissenschaften studiert hatte, arbeitete als Journalist und Wissenschaftler.
  • Vier der acht Vorgänger Köhlers waren Juristen und brachten es in ihren Berufen zu höchsten Staatsämtern ( Gustav Heinemann, Karl Carstens, Richard von Weizsäcker und Roman Herzog).

Alle hatten sich frühzeitig um Mandate beworben. Köhler hatte seine Karriere als Beamter begonnen und sich Zeit seines vorpräsidentiellen Lebens ausschließlich mit Wirtschafts- und Finanzpolitik befasst. Er hätte den Deutschen der Orientierungsgeber in Sachen Globalisierung werden können, denn niemand war in diesem Felde so bewandert wie er.

Kein scheuer, sondern ein sehr unsicherer Mensch

Ob der Bundespräsident etwas aus seinem Amt macht, hängt allein von ihm ab. Denn der Bundespräsident ist das einzige Verfassungsorgan, das nicht in eine kollektive Struktur eingebaut ist, wie etwa der Bundeskanzler in Bundesregierung und Koalition, der Parlamentspräsident in Präsidium und Ältestenrat des Bundestages oder der Verfassungsgerichtspräsident in sein Richterkollegium. Der Bundespräsident hat aufgrund seiner Stellung niemanden über sich, auch nicht neben sich. Deshalb lebt dieses Amt ganz stark von der Persönlichkeit des Amtsinhabers - und von der Selbstsicherheit des Amtsinhabers.

Vielleicht ist das mit ein Schlüssel für das Scheitern des Ex-Präsidenten Köhler in seinem Amt: Seine starke Zeit hatte Köhler, als er als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium in Strukturen 'eingebaut' war. Über sich hatte er den Finanzminister (Theo Waigel) und in seiner "Sherpa"-Rolle als Berater des Bundeskanzlers bei internationalen Finanz- und Wirtschaftsgipfeln Helmut Kohl. Und unter sich hatte er einen riesigen Apparat von Zuarbeitern, vor allem Abteilungsleiter seines Ministeriums. Da hatte er eine hohe sensorische Fähigkeit entwickelt - auch mit viel Fleiß -, die Vorgaben und Wünsche seiner Chefs nach Kräften umzusetzen, aber auch die Anregungen und Vorschläge seiner Mitarbeiter aufgreifen zu können. Er war damals ein glückhafter Moderator zwischen "oben" und "unten".

Im Präsidialamt hingegen hatte er niemanden mehr über sich, der ihm Weisungen erteilen und ihm Sicherheit vermitteln konnte. Im Grunde ist Köhler nämlich nicht nur ein scheuer, sondern ein sehr unsicherer Mensch - vor allem in politischen Fragen. Das wusste er in früheren Positionen zu verbergen, weil er dort ihn lenkende Strukturen vorfand.

Die Tatsache aber, dass er als Präsident, als Verfassungsorgan, allein seine Entscheidungen geradezustehen hatte, hat seine Unsicherheit erst in besonderer Weise sichtbar werden lassen.



insgesamt 1855 Beiträge
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Seite 1
Klo, 01.06.2010
1.
Zitat von sysopDer Nachfolger von Horst Köhler wird gesucht - das Anforderungsprofil ist nicht ohne: Er oder sie sollte mindestens so überparteilich sein wie der bisherige Bundespräsident, aber gleichzeitig mehr politisches Gewicht haben. Ihre Meinung: Wer macht das Rennen?
Dann darf es eigentlich nur ein parteiloser sein. Überparteilichkeit ist bei Parteimitgliedern eine Verfälschung der Tatsachen. Es gibt sie nicht. Vielleicht sollte man also doch jemanden wie Frau Käßmann vorschlagen. Die ist ganz bestimmt nicht parteiisch und gilt in weiten Teilen der Bevölkerung als absolut respektable Ehrenperson.
_meinemeinung 01.06.2010
2. ich bin...
Zitat von sysopDer Nachfolger von Horst Köhler wird gesucht - das Anforderungsprofil ist nicht ohne: Er oder sie sollte mindestens so überparteilich sein wie der bisherige Bundespräsident, aber gleichzeitig mehr politisches Gewicht haben. Ihre Meinung: Wer macht das Rennen?
für Urban Priol - intelligent, scharfsinnig und bestimmt der absolute Frisurentrendsetter....:-)
spiegel1977 01.06.2010
3. Wer sucht, die CDU und FDP oder Frau Merkel
Frau Merkel hat die politische Bühne, geordnet und strukturiert vorgefunden. Das kennt aus der Physik! Der Zustand der heutige - dargestellten - politischen Bühne sieht ungeordnet und verworren aus. Personen gehen - ohne einen politischen Grund nennen zu wollen von dieser ab, und wenden sich gleichzeitig von Frau Merkel ab? CDU und FDP sind gescheitert. Ihr ganzheitliches "Politikkonzept" vom Beginn der 2000er Jahre ist mit dem Symbol "Horst Köhler" hinfällig. SPD, Grüne und Die Linke sollten sich nun hüten Frau Merkel beizustehen. Der nächste Bundespräsident wird geschwächt in das politische Amt eintreten, weil Frau Merkel auch dieses , wie ihre eigenen Ämter (CDU-Bundesvorsitzende und Bundeskanzlerin) de-moralisiert hat.
Münchner, 01.06.2010
4.
Zitat von sysopDer Nachfolger von Horst Köhler wird gesucht - das Anforderungsprofil ist nicht ohne: Er oder sie sollte mindestens so überparteilich sein wie der bisherige Bundespräsident, aber gleichzeitig mehr politisches Gewicht haben. Ihre Meinung: Wer macht das Rennen?
Wir brauchen jemand der in der Finanz- und Wirtschaftskrise den Durchblick hat: Oskar Lafontaine
Mastermason 01.06.2010
5.
Wer das Rennen macht, ist eine Frage, die in wenigen Tagen eher zu beantworten ist. Wer das Rennen machen sollte, ist wesentlich spannender. Wenn man von diesem Lena-Käsmann-etc. Unsinn absieht, habe ich bisher auch bei den ernst gemeinten Vorschlägen – vielleicht mit Ausnahme von Peer Steinbrück – von niemanden gelesen, der das Amt wirklich ausfüllen könnte. Mein Vorschlag: Michael Naumann. Er ist - Intelligent, hoch gebildet - integer - Medien-tauglich, ein sehr guter Rhetoriker - ausreichend kritisch gegenüber der Parteien-Demokratie nach deutschem Muster eingestellt
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