Stuttgart - Es ist eine der entscheidenden Aussagen im Prozess um die Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback: Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker soll nach Aussage ihres einstigen Genossen Peter-Jürgen Boock nicht an der direkten Ausführung des Mordanschlags auf Buback beteiligt gewesen sein. Sie habe jedenfalls nicht zum "Karlsruher Kommando" gehört, das den Anschlag 1977 plante und ausführte, sagte Boock als Zeuge vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart-Stammheim.
Die Bundesanwaltschaft wirft Becker "Mittäterschaft" bei dem Anschlag vor. Der Generalbundesanwalt und zwei Begleiter waren im April 1977 von einem RAF-Kommando in Karlsruhe erschossen worden. Wer damals schoss, ist bis heute unklar. Während der als Nebenkläger auftretende Michael Buback, Sohn des Attentatsopfers, Becker als Mörderin seines Vaters sieht, geht die Bundesanwaltschaft davon aus, dass sie nicht selbst dem Mordkommando angehörte.
Boock, der von der Bundesanwaltschaft als Hauptbelastungszeuge gesehen wird, beteuerte vor Gericht, er wisse zwar nicht, wer das Attentat vor fast 34 Jahren begangen habe. Doch Becker habe nicht zum Mordkommando gehört. "Nein, meines Wissens nicht", sagte Boock. Er vermute, dass der Karlsruher Günter Sonnenberg wegen seiner Ortskenntnisse das Motorrad mit dem Todesschützen auf dem Sozius gefahren habe. Doch auch das könne er nicht sicher sagen.
Allerdings soll die heute 58-Jährige laut Bundesanwaltschaft eine tragende Rolle bei Vorbereitung und Planung des Anschlags gespielt haben. Becker war angeklagt worden, nachdem auf damaligen Bekennerschreiben der RAF nun mit modernen Analysemethoden ihre DNA entdeckt worden war. Zu der Frage, ob die Angeklagte an der Vorbereitung des Attentats beteiligt gewesen sei, äußerte sich Boock am ersten Tag seiner Aussage nicht konkret.
"Becker unterstützte vehement die Forderungen der Stammheimer"
Die ehemaligen Kampfgenossen würdigten sich keines Blickes, als Boock in den Gerichtssaal kam. Als einer von wenigen früheren RAF-Terroristen äußert er sich öffentlich zu den damaligen Taten - seither mögen ihn seine früheren Gefährten nicht mehr. Es ist das Zusammentreffen zweier früh gealterter, kranker Menschen: Die letzten zwei Termine mussten abgesagt werden, weil die 58-jährige Becker krank war. Der 59-jährige Boock leidet an Arthrose; er steht unter dem Einfluss von Schmerzmitteln und einem Psychopharmakon. Am Nachmittag musste seine Befragung vorzeitig abgebrochen werden, weil er sich nicht mehr konzentrieren konnte.
Zuvor hatte Boock seine ersten Begegnungen mit Becker geschildert. Kennengelernt habe er sie 1976 in einem Terrorcamp der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) im Jemen. Dort sei ein Brief der in Stuttgart-Stammheim einsitzenden RAF-Häftlinge eingegangen, der den Auftrag zum Mord an Buback enthalten habe. "Der General muss weg", hieß die Losung. An zweiter Stelle "Big Raushole": Die inhaftierten RAF-Terroristen sollten freigepresst werden - was später mit der Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer versucht wurde, aber misslang.
Nach der Rückkehr aus dem Jemen machten sich die Terroristen an die Umsetzung ihrer Pläne. Bei zwei Treffen im Harz und in den Niederlanden wurden die Fortschritte der einzelnen Kommandos besprochen. Das "Karlsruher Kommando" war für den Mordanschlag auf Buback zuständig. Nachdem Versuche mit Haftminen gescheitert waren, war klar, dass der Generalbundesanwalt von einem Motorrad aus erschossen werden sollte, sagt Boock. "Dass das Ding wahrscheinlich von Günter Sonnenberg gefahren wird, das stand ziemlich klar im Raum. Aber die genaue Aufteilung wurde nicht diskutiert."
Becker habe damals "vehement unterstützt, was die Stammheimer wollten", sagte ihr früherer Genosse. Sie habe den Mordauftrag für richtig gehalten, "das stand außer Frage". Sie sei aber keine Wortführerin gewesen und habe "keine herausragende Rolle gespielt".
lgr/dpa/AFP
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