Umgang mit Extremismus Ablenken, verharmlosen, schönreden

Probleme können nur gelöst werden, wenn man sie benennt. Seltsamerweise neigen viele Menschen dazu, politischen und religiösen Extremismus nicht als Problem zu identifizieren. Dagegen müssen wir uns wehren.

Demonstranten aus der rechten Szene in Chemnitz (August 2018)
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Demonstranten aus der rechten Szene in Chemnitz (August 2018)

Ein Debattenbeitrag von


Kürzlich behauptete wieder jemand in einem Internetforum, als "guter Deutscher" solle man doch die Menschen, die in den Dreißiger- und Vierzigerjahren die Nationalsozialisten unterstützt haben, nicht kritisieren. Schließlich sei das eine "ganz andere Welt" gewesen, "völlig andere Zeiten", und wir könnten uns "doch überhaupt nicht in die Lage der Menschen von damals hineinversetzen". So etwas hört und liest man gelegentlich, im Netz, am Kaffeetisch, in Diskussionsrunden.

Was ist das, bitteschön, für ein haarsträubender Unsinn? Überfälle auf andere Länder, die Unterteilung der Menschheit in "Arier" und "Untermenschen", die industrielle Ermordung von Millionen von Menschen - all das war schon nach damaligen Maßstäben monströs und ist es auch heute noch. Und es mag schwierig sein, sich einzugestehen, dass die eigenen Eltern oder Großeltern damals geschwiegen oder gar mitgemacht haben. Aber die Aussage, man habe "doch nichts mitbekommen", weder das Verschwinden der Nachbarn noch das Entstehen merkwürdiger Lager in der Nachbarschaft, ist doch sehr unglaubwürdig - man konnte sich gar nicht genug anstrengen, um von all dem nichts zur Kenntnis genommen zu haben.

Es scheint menschlich zu sein, von Verfehlungen von solch gewaltigem Ausmaß abzulenken, sie zu verharmlosen, zu rechtfertigen, zu entschuldigen oder schönzureden. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Man will Tatsachen nicht anerkennen, weil sie gegen das eigene Interesse verstoßen, hier: dagegen, weiterhin als aufrechter, anständiger Mensch durch die Welt gehen zu können und nicht als einer geächtet zu werden, der stillschweigend Verbrechen hingenommen oder sogar unterstützt hat.

Islam ist Frieden? Mag sein. Aber er ist auch Gewalt

Aber so menschlich diese Haltung auch sein mag, verhindert sie die Aufarbeitung der Geschichte und letztlich die Lösung von Problemen. Wir erleben das heute in vielen Bereichen.

Nach jedem Anschlag eines islamischen Extremisten behaupten Muslime, das habe "mit Islam nichts zu tun". "Islam ist Frieden", halten sie dagegen. Das klingt schön, ist aber falsch. Ja, Islam mag auch Frieden sein, und die große Mehrheit aller Muslime ist gewiss friedlich. Islam ist sicher Frieden. Islam ist aber auch Gewalt. Diese Selbstmordattentate, diese Bombenexplosionen kommen aus der islamischen Gemeinschaft heraus. Die Terroristen begründen ihr Handeln mit ihrer Religion. Womit sonst, wenn nicht mit dem Islam, hat das zu tun? Mit den Schutzbehauptungen vermeiden die Menschen, sich mit dem Problem zu befassen, sie winden sich aus der Verantwortung, zu einer Lösung beitragen zu müssen.

Wer die Tatsache feststellt, es habe Anfang des 20. Jahrhunderts einen systematischen Völkermord an den Armeniern gegeben, zieht sich sofort den Zorn der türkischen Regierung zu. Auch hier: Das sei kein Genozid gewesen, es habe lediglich "kriegerische Auseinandersetzungen" gegeben. Massaker? Todesmärsche? Alles nie gewesen, allen historischen Dokumenten zu Trotz. Selbst ein Jahrhundert später will man die Schuld nicht eingestehen. Ein Ende der Debatte wird es so aber nicht geben.

Die eigentliche Debatte wird vermieden

Auch in der deutschen Politik finden sich solche Verhaltensmuster. Seit der Wiedervereinigung gibt es überproportional viele fremdenfeindliche und rassistische Übergriffe in Ostdeutschland.

  • Es war in Rostock, wo vier Tage im August 1992 ein Mob tobte, Flüchtlinge jagte und ein Flüchtlingsheim angriff. Mehrere hundert rechtsextreme Randalierer waren beteiligt, Tausende schauten zu und applaudierten sogar.
  • Und es war in Köthen, Sachsen-Anhalt, wo vergangene Woche eine Gruppe von Männern durch den Ort lief und "Nationaler Sozialismus! Jetzt! Jetzt! Jetzt!" brüllte.
  • In Chemnitz, Sachsen, marschierten wenige Tage zuvor Rechtsextremisten und Neonazis auf, angeblich, um den Tod eines Mannes zu betrauern, der von zwei Flüchtlingen umgebracht worden war. Von dem Getöteten und der Tat war dann aber kaum mehr die Rede, stattdessen hoben sie den rechten Arm zum Hitlergruß, brüllten "Heil Hitler" und "Ausländer raus!" Sie schüchterten Menschen ein, die fremd aussahen, drohten ihnen, jagten sie.

Aber allen Ernstes wurde eine Diskussion darüber geführt, ob wirklich eine "Hetzjagd" stattgefunden habe. Befeuert hatte sie ausgerechnet der Verfassungsschutzpräsident , indem er in der "Bild"-Zeitung bezweifelt hatte, dass es solche "Hetzjagden" gegeben hatte. Man flüchtete sich in semantische Spitzfindigkeiten, anstatt die eigentliche Debatte zu führen, nämlich: Wie konnte es in Chemnitz zu solch menschenverachtenden Aufmärschen kommen?

Vor allem ein ostdeutsches Problem

Und wieder hört man: "Rechtsextremismus ist kein ostdeutsches Problem!" Die Antwort darauf lautet: Rechtsextremismus ist kein rein ostdeutsches Problem, aber es ist vor allem ein ostdeutsches Problem. Das zu benennen, ist deshalb so wichtig, weil solche Ausflüchte dazu dienen, das Problem nicht als das eigene anzuerkennen und zur Lösung beizutragen. In den 28 Jahren seit der Wiedervereinigung ist da viel zu wenig geschehen.

Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs taten viele so, als habe es das Problem des Nationalsozialismus gar nicht gegeben. Oder als wäre er wie eine Naturgewalt über die Deutschen hereingebrochen, als hätte nicht die breite Gesellschaft die Nationalsozialisten unterstützt. Der erste Bundeskanzler, Konrad Adenauer, installierte Nazis sogar in wichtigen Ämtern der neuen Bundesrepublik - bis hin zu Hans Globke, den Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze, den er zum Chef des Kanzleramtes machte. In einer Runde mit mehreren Chefredakteuren räumte Adenauer 1952 immerhin ein, wichtige Stellen mit Nazis besetzt zu haben. "Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat."

Sich einzugestehen, dass das Wasser dreckig ist, wäre auch heute immerhin ein erster Schritt.

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