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Syrischer Flüchtlingshelfer: "Wer herkommt, hat die deutschen Werte zu akzeptieren"

Ein Interview von

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Monis Bukhari: Der 37-Jährige versucht, zwischen Deutschen und Syrern zu vermitteln

Monis Bukhari ist so etwas wie der Chef-Lobbyist der syrischen Flüchtlinge in Deutschland, leitet ihre wichtigste Facebook-Gruppe. Hier beschreibt er ihre Sorgen - und erklärt, was man von ihnen erwarten darf.

Monis Bukhari, 37, aus Damaskus ist ein wichtiger Mann für die syrischen Flüchtlinge in Deutschland. Er leitet die Facebook-Gruppe "Syrisches Haus in Deutschland", die derzeit 90.000 Mitglieder zählt, und klärt dort über die Bundesrepublik auf. Seit zwei Monaten ist Bukhari selbst als Flüchtling anerkannt. Er hat direkten Kontakt zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und dem Auswärtigen Amt (AA), organisiert Radtouren mit Neu- und Alt-Berlinern und vermittelt auch in Brandenburg zwischen Syrern und Einheimischen.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie vom Vorschlag, Flüchtlinge in Heimen nach Staatsbürgerschaft oder Religion aufzuteilen?

Bukhari: Ich bin strikt dagegen. Die Syrer fliehen aus ihrer Heimat, weil sie nicht wegen ihrer Religion einer bestimmten Kategorie zugeordnet werden wollen. Sie wären enttäuscht, wenn ihnen genau das in Deutschland wieder passiert. Die Konflikte in den Herkunftsländern sind politisch. Sollen wir die Menschen etwa nach ihren politischen Ansichten aufteilen? Wie soll das gehen?

Wie viele syrische Familien ist auch die von Bukhari politisch gespalten. Sein Vater spricht seit 2011 nicht mehr mit ihm, weil der Sohn die friedlichen Proteste gegen Präsident Baschar al-Assad unterstützte. Dabei lebt Bukharis Vater seit 1977 im Exil in der Ex-Sowjetunion, allerdings aus unpolitischen Gründen: Bukharis Vater hatte ein Mitglied der Assad-Familie im Streit geohrfeigt.

SPIEGEL ONLINE: Spüren Sie die zunehmende Angst in Deutschland, dass zu viele Flüchtlinge kommen?

Bukhari: Mein Nachbar unterstützt Pegida. Er sagt mir immer: "Du Ausländer bekommst Sozialleistungen, und meine Mutter bekommt keine Rente." Aber die Flüchtlinge belasten die deutsche Wirtschaft doch kaum! Ich bekomme selbst kaum Geld. Mein deutscher Vermieter bekommt Geld. Meine deutsche Krankenversicherung bekommt Geld. Mein deutscher Betreuer im Jobcenter bekommt Geld. Ich bekomme 300 Euro im Monat. Davon werde ich garantiert nichts sparen und nach Syrien schicken können. Es bleibt also alles in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Aber darum geht es doch: Verteilungskonflikte.

Bukhari: Die Rente und die Sozialleistungen, das sind doch unterschiedliche Töpfe! Außerdem: Ich kann doch nichts für die deutschen Gesetze. Ich als Syrer habe sie nicht gemacht und ich kann sie auch nicht ändern.

Bukhari wurde zufällig zum Flüchtling in Deutschland: Der Demokratie-Aktivist und Journalist war 2011 vor der Verfolgung des Assad-Regimes erst in den Libanon, dann nach Jordanien geflohen. 2013 bekam er einen sechsmonatigen Arbeitsvertrag in Berlin, um ein unabhängiges syrisches Radio aufzubauen, unterstützt durch das AA. Danach flog er nach Jordanien zurück, doch am Flughafen wurde ihm die Einreise verweigert. Er flog zurück nach Berlin und suchte im Internet nach Syrern, die ihm helfen könnten, richtig anzukommen. Daraus entstand seine Facebook-Gruppe.

SPIEGEL ONLINE: Wovor haben Sie am meisten Angst?

Bukhari: Meine größte Angst ist es, dass wir in syrischen Gettos in Deutschland leben. Ich sehe ja, wie manche Migranten sich nicht als Deutsche fühlen, obwohl sie in Deutschland geboren wurden. Wir Syrer wollen die gleichen Aufstiegschancen wie die Einheimischen. Dazu gehören zwei Seiten: Deutschland muss die Flüchtlinge in der Mitte der Gesellschaft willkommen heißen und Druck auf sie machen, sich schnell zu integrieren.

SPIEGEL ONLINE: Innenminister Thomas de Maizière fordert von Flüchtlingen eine "Ankommenskultur".

Bukhari: Natürlich. Wer herkommt, hat die deutschen Werte zu akzeptieren. Ich kann nicht Respekt für mich einfordern, ohne dass ich erst die Regeln hier kennenlerne, verstehe und respektiere.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie die Angst mancher verstehen, dass die Flüchtlinge die Fortschritte bei der Gleichstellung von Mann und Frau gefährden könnten?

Bukhari: Es sind doch auch die syrischen Frauen, die hierher fliehen! Sie waren maßgeblich beteiligt an der Revolution in Syrien 2011. Da ging es auch um Frauenrechte.

SPIEGEL ONLINE: Es kommen aber nicht nur die feministischen Revolutionäre.

Bukhari: Das stimmt. Ich streite mich oft deswegen mit anderen syrischen Flüchtlingen. Da gibt es Leute, die denken wie der "Islamische Staat", auch wenn sie ihn ablehnen. Die haben nichts kapiert. Für sie ist es das größte Unglück, dass sie nach Deutschland flüchten mussten, weil sie nirgendwo anders hinkonnten.

SPIEGEL ONLINE: Was kann Deutschland gegen diese Art des Denkens tun?

Bukhari: Solche Leute haben Angst, sich zu verändern. Sie glauben, dass sie ihre Töchter beschützen müssen vor den nicht-religiösen Deutschen. Aber auch vor den Gläubigen hier, deren Einstellung sie ablehnen. Deutschland muss ihnen zeigen, dass es ein freies Land ist, wo jeder beten und leben kann, wie er will. Erst wenn sie ihre Angst verlieren, werden sie sich langsam auf Neues einlassen.

SPIEGEL ONLINE: Manche fordern, Flüchtlingen eine "Anleitung" für Deutschland zu geben. Wie finden Sie das?

Bukhari: Das wäre super! Alle Syrer haben dieselben Fragen. Ich versuche sie in meiner Facebook-Gruppe zu beantworten. Vieles weiß man nicht, weil es anders ist. Ich bin ein totaler Geek, in Syrien habe ich immer Musik aus dem Internet heruntergeladen. Das darf man in Deutschland nicht! Das habe ich erst erfahren, als ein syrischer Freund von mir in Berlin 3000 Euro Strafe deswegen bezahlen musste.

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