Renate Künast über ihre Facebook-Strategie Gegen Pöbler hilft nur Humor

Renate Künast gibt auf ihrer Facebook-Seite Tipps für Menschen, die ihr einen Hass-Kommentar schicken wollen. Was ist da los? Ein Anruf bei der Grünen-Politikerin.

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Grünen-Politikerin Künast: "Da kann man sich fast nur noch mit Humor retten"
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Grünen-Politikerin Künast: "Da kann man sich fast nur noch mit Humor retten"


Renate Künast wird oft beleidigt im Internet. Zuletzt bekam sie sogar ein Enthauptungsvideo geschickt. Jetzt geht sie zum Gegenschlag über.

Seit Kurzem ist auf ihrer Facebookseite zu lesen: "Sie wollen mir einen Hass-Kommentar schicken? Sich mal so richtig auskotzen? Dann gebe ich Ihnen hier ein paar Hinweise."

Von der passenden Grußformel, am besten gar keine, bis hin zu kompletten Beleidigungen ("Noch schlimmer als die Roth!") und Stil-Empfehlungen ("Sparen Sie nicht an Ausrufezeichen!") gibt die Politikerin in ihrem Hass-Tool Tipps, "die Ihnen das Schreiben und mir das Lesen erleichtern".

Was ist da los? Ein Anruf bei der ehemaligen Verbraucherschutzministerin:

Zur Person
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    Renate Künast, geboren 1955, war Landwirtschaftsministerin und danach Fraktionsvorsitzende der Grünen. Momentan ist die Berlinerin Vorsitzende des Rechtsausschusses im Bundestag.

SPIEGEL ONLINE: Gab es einen speziellen Anlass für den Leitfaden oder war einfach das Maß voll?

Künast: Es nimmt seit Monaten zu, dass die Plattformen mit Pegida- und AfD-Sprech geflutet werden. Ich habe auch bei Kollegen beobachtet, dass es immer mehr Leute gibt, die sich in Kommentaren nur auskotzen. Teilweise scheint mir das auch verabredet. Und nachdem ich am Montag zu Gast war bei "Hart aber fair" (Thema: Die Schande von Köln - was sind die Konsequenzen?, Anm. d. Red.), war der Punkt erreicht, an dem mein Team und ich gesagt haben: Wir setzen jetzt Poesie und Ironie dagegen. Die schlimmsten Beleidigungen haben wir aber weggelassen.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre denn ein besonders krasses Beispiel?

Künast: Neulich hat mir jemand ein Enthauptungsvideo geschickt und geschrieben: "Von Ihnen würden wir auch mal gerne so ein Video sehen." Die Staatsanwaltschaft war allerdings der Meinung, das sei keine Beleidigung. Da kann man sich dann fast nur noch mit Humor retten.

SPIEGEL ONLINE: Wie waren denn die Reaktionen auf den Leitfaden?

Künast: Klar gibt es Menschen, die einfach so weiter machen werden. Ich habe aber bei vielen Kommentaren gemerkt, dass die Leute sich freuen.

SPIEGEL ONLINE: Sie lesen also die Kommentare auf Ihrer Facebook-Seite selbst?

Künast: Natürlich gucken sich meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Kommentare auch an und machen die schlimmsten gegebenenfalls unsichtbar. Etwa in Sitzungen kann ich ja nicht ständig mit meinem Smartphone hantieren. Wenn ich merke, dass da jemand ernsthaft mit mir reden will, antworte ich auch. Nach der Plasberg-Sendung waren jedoch von rund dreihundert Kommentaren vielleicht zwei, drei ernstgemeinte dabei. Der Rest waren Beleidigungen.

SPIEGEL ONLINE: Was macht das mit Ihnen, wenn Sie solche Kommentare lesen?

Künast: Gerade kann ich damit umgehen, aber es macht mir Sorgen, dass es offenbar eine große Gruppe von Menschen gibt, die sich in dieser Hassspirale befindet. Wirkliche Diskussionen finden da nicht mehr statt, es geht nur noch um Abwertung und Ausgrenzung.

SPIEGEL ONLINE: War das früher anders? Politiker gehörten noch nie zu den beliebtesten Berufsgruppen.

Künast: Jetzt könnte man sich fragen, hat man das früher nicht mitgekriegt. Mir scheint es aber so, dass diese Menschen die natürliche Scheu verlieren, es Organisationsformen findet. Das Problem kennen Redaktionen ja auch.

SPIEGEL ONLINE: Peter Tauber von der CDU hat jüngst einen nervigen Facebook-Kommentator als "Arschloch" bezeichnet.

Künast: Da muss sich auch Peter Tauber fragen, auf welches Niveau er sich begibt. Damit tut er diesen Menschen ja einen Gefallen, ich finde auch Begriffe wie "Mob" und "Pack" nicht angebracht. Außerdem kann er in einer Nacht nicht dreihundertmal Arschloch schreiben. Das ist eben die Herausforderung, selbst den Respekt nicht zu verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie denn zu der Initiative von Justizminister Maas (SPD), dass Facebook mehr gegen Hatespeech unternehmen soll?

Künast: Das ist der richtige Ansatz, aber das reicht noch nicht. Das ist auch kein Problem, das nur Facebook betrifft. Es geht nicht nur um strafbare Inhalte. Das hat ja einen Zersetzungseffekt, wenn beispielsweise ehrenamtliche Flüchtlingshelfer fertiggemacht werden.

SPIEGEL ONLINE: Hat es denn was gebracht, Ihre Hatespeech-Poesie?

Künast: Ich frage mich schon, wie es weitergeht. Da geht es mir wie allen, die solche Plattformen nutzen wollen. Eins hat es aber auf jeden Fall gebracht. Dieses schöne Gefühl, dass man auf eine witzige Art sagt: Ihr kriegt uns nicht!

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