Facebook- und Twitter-Wahn Wenn die Wut kommt

Arbeiten bei der "Süddeutschen Zeitung" Charakterschweine? Ein Redakteur der Konkurrenz hat auf Facebook diesen Vorwurf erhoben - und damit eine andere Frage aufgeworfen: Verändert die Sucht nach Likes die Hirnstruktur?

Wandbild in der Facebook-Zentrale in Menlo Park
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Wandbild in der Facebook-Zentrale in Menlo Park

Eine Kolumne von


Der "Welt"-Redakteur Alan Posener hat vergangene Woche auf seiner Facebook-Seite behauptet, in der Redaktion der "Süddeutschen Zeitung" würden Charakterschweine arbeiten. Das hat mich überrascht, und zwar aus mehreren Gründen.

Erstens bin ich ein treuer Leser der "Süddeutschen Zeitung", seit über 20 Jahren habe ich ein Abo. Ich bin mit vielem, was dort an Meinungen geäußert wird, nicht einverstanden. Wenn Heribert Prantl schreibt, wie er die Dinge sieht, gelange ich fast immer zu einer anderen Auffassung. Trotzdem wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass in der "Süddeutschen" die "wahren Charakterschweine" sitzen, wie Posener verbreitet. Ich finde Tiervergleiche grundsätzlich problematisch, ganz unabhängig von der betroffenen Redaktion.

Der andere Grund für mein Erstaunen ist Posener selber. Ich kenne ihn nur flüchtig, aber nach dem, was ich bislang von ihm gelesen habe, hatte ich den Eindruck gewonnen, dass auch er eher zu den Leuten gehört, die gegen die Radikalisierung der Gesellschaft sind. Wer zum ersten Mal seine Facebook-Seite besucht, käme nie auf die Idee, dass es sich um die Seite eines Wutjournalisten handeln könnte.

Das Profilbild zeigt einen freundlich lächelnden Herren über 60, der Blues und malerische Landschaften mag. Auf der Seite findet man auch ein Werbeplakat der "Welt" mit dem Kopf von Posener und dem Satz: "Die Welt gehört denen, die lauter denken als andere schreien." Ich hielt Denken immer für einen geräuschlosen Vorgang, aber geschenkt.

Der Anlass für Poseners Ausraster ist eher nichtig. Die "Süddeutsche" hatte im Feuilleton einen Bericht über eine Münchner Anwältin veröffentlicht, die im Nebenberuf gegen Leute anschreibt, die sie für rechts hält. Normalerweise ist für die Beobachtung von Rechten der Verfassungsschutz in Deutschland zuständig, aber man kann das offenbar auch ehrenamtlich betreiben.

Posten, immer weiter posten

In dem "SZ"-Artikel stand jetzt, dass die Autorin ihre Recherchen vor Publikation mit der Anwaltskanzlei abgesprochen hatte, bei der sie arbeitet, worauf die Namen von allen Leuten gestrichen wurden, die dort Mandanten sind. Vielleicht ist es gar keine so schlechte Idee, dass für die Einschätzung verfassungsfeindlicher Tendenzen eine Behörde wie der Verfassungsschutz zuständig ist. Da hilft es einem nämlich nichts, ob man die richtigen Anwälte kennt oder nicht. Die Geschichte war interessant, aber auch kein Riesending, weshalb sie auf einer der hinteren Seiten des Feuilletons landete.

Was geht in Leuten vor, dass sie vor dem Computer wegen einer vergleichsweisen Kleinigkeit die Kontrolle über sich verlieren? Ich glaube, wir haben es mit einem Suchtphänomen zu tun, das noch nicht hinreichend verstanden wurde. Wie bei vielen neuen Krankheiten gibt es zu dem Krankheitsbild bislang nicht einmal eine Krankheitsbezeichnung. Ich würde in Anlehnung an BSE den Namen FTW vorschlagen: "Facebook- und Twitter-Wahn."

Posener ist nicht der erste, der auf Facebook zum Wutbürger wird. Ich habe einen Freund, der sich dort so ereifert hat, dass er darüber in Streit mit seinem Arbeitgeber geriet. Am Ende hat er seinen Job verloren, weil er immer weiter posten musste. Auch Akif Pirinçci hat sich bei Facebook von einem geschätzten Autor in einen Berserker verwandelt. Man konnte zusehen, wie er sich immer weiter radikalisierte, weil ihm die Zustimmung der Fans, die ihn bei seinen Tiraden anfeuerten, wichtiger war als die Zuneigung der Leser, die ergeben aber stumm seine Katzenbücher kauften.

Twittern unter Alkoholeinfluss

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass mit jedem "Like" das Belohnungszentrum im Hirn angeregt wird. Facebook und Twitter wirken auf dieselbe Hirnregion, die auch aktiv ist, wenn wir Süßes essen. Sobald die Follower Anerkennung signalisieren, wird Dopamin freigesetzt, das ist wie ein Flash. Die Wissenschaftler sind erst am Anfang, aber es gibt die Vermutung, dass die Sucht nach Likes auf Dauer die Strukturen im Hirn verändert.

Oft spielt auch Alkohol eine Rolle. Wenn man in die Timeline guckt, sieht man, dass die schärfsten Tweets gerne nach Mitternacht abgesetzt werden. Im Strafrecht spielt Alkoholkonsum bei der Frage der Schuldfähigkeit eine Rolle. Vielleicht sollte man Leuten, die unter Alkoholeinfluss auf Twitter oder Facebook Sachen schreiben, die sie später bereuen, zugutehalten, dass sie nicht ganz zurechnungsfähig waren.

Das Interessante ist, dass die meisten nicht aufhören können, auch wenn das für sie am besten wäre. Sie müssen immer noch einen drauf setzen. Einen Tag, nachdem er die Kollegen bei der "Süddeutschen" als Charakterschweine beleidigt hatte, hat Posener sich wieder an seinen Rechner gesetzt. Er wolle sich bei allen Mitarbeitern der "SZ" entschuldigen, die sich betroffen fühlten, schrieb er, sowie bei den Schweinen, die den Vergleich mit der "Süddeutschen" nicht verdient hätten. Schweine seien intelligente, gutmütige und schmackhafte Tiere.

Harald Martenstein hat im "Zeit Magazin" bekannt, dass er sich selber ein Twitterverbot auferlegt hat, weil er nicht für sich garantieren könne. Seine Worte, nicht meine! Keine Ahnung, wie Posener zu Martenstein steht. Aber in dem Fall sollte er sich an dem jüngeren Kollegen von der "Zeit" ein Beispiel nehmen.

Bei manchen Leuten ist es besser, ihre Texte werden noch einmal von anderen gelesen, bevor die Öffentlichkeit sie sieht. Es ist wie mit einer Flasche Schnaps: Wer gefährdet ist, sollte sicherstellen, dass er jemanden in der Nähe hat, der ihn vor dem Absturz bewahrt. Bei den Anonymen Alkoholikern spricht man von einem Sponsor. Ich bin sicher, Martenstein wäre ein super Sponsor. Zur Not stände ich auch selber bereit.

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insgesamt 92 Beiträge
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yshitake 31.10.2016
1. Und ich dachte immer
eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Aber hier greift wohl eher das typische menschliche Verhalten, wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte. Selbstverständlich wird die Bundesregierung diesen Vorschlag dankbar aufgreifen und demnächst wohl von den PC- Herstellern einen serienmäßigen Alkoholtester an jedem Rechner fordern. Dient ja einem guten Zweck, oder sowas in der Art.
sozialismusfürreiche 31.10.2016
2. Like!!!
Dopaminausschüttung hochfahren!
MarkusW77 31.10.2016
3. Ja es ist eine andere Welt
ich beobachte das auch bei einigen Kollegen, Bekannten usw. Ein eigentlich besonnener Kollege hat mich neulich abends im Firmenchat aufs übelste Beleidigt, am nächsten Tag war er der festen Überzeugung, das wäre nicht beleidigend gewesen. Vor dem Smartphone oder überhaupt online scheinen einige komplett die Kontrolle zu verlieren, siehe auch den Beitrag mit Renate Künast. Danke fürs nüchterne analysieren, ich stimme 100 % zu
fotoloft 31.10.2016
4. Hirn Veränderung ist sicher
Zitat "Wissenschaftler sind erst am Anfang, aber es gibt die Vermutung, dass die Sucht nach Likes auf Dauer die Strukturen im Hirn verändert. " Eine schöne Umschreibung dafür, dass die hardcore user von FB, TW u.a. und ständig "nach unten Gucker" (auf´s smartphone) direkt proportional zur damit verbrachten Zeit verblöden. Delta Verblödungsgrad = f(time in FB & TW x individuellem Faktor)/Alter/Jahr, d.h. je jünger desto größer die Zunahme des Verblödungsgrades pro Jahr.
mettwurstlolli 31.10.2016
5. Ach je
Noch unwichtiger als das was Herr Posener (?) meint ist, was Journalistenkollegen meinen was Herr Posener meinen sollte. Vor allem scheint das Medium Internet einen abstrusen Grad an Selbstreferentialität zu bedingen. Herr Fleischhauer ich lese Ihre Kolumnen immer gern, wenn sie davon handeln, was Sie von den Dingen halten. Kehren Sie bitte dahin zurück anstatt sich zunehmend damit zu beschäftigen, was davon halten, was andere von den Dingen halten.
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