Plagiatsvorwürfe gegen Schavan "Jeder wusste, wie zu zitieren ist"

Die Plagiatsvorwürfe gegen Bildungsministerin Annette Schavan werden immer noch geprüft. Dabei spielt Fachliteratur zu Zitierweisen aus den Siebzigern eine wichtige Rolle. Die Erkenntnis: Die Vorgaben waren damals so streng wie heute.

Von Jan Friedmann und

Bildungsministerin Schavan: Vorsätzliche Plagiate oder ein Versehen?
dapd

Bildungsministerin Schavan: Vorsätzliche Plagiate oder ein Versehen?


Die "Düsseldorfer Materialien zum Studium der Erziehungswissenschaft 1" waren schon bei ihrem Erscheinen 1978 kein Stoff, den sich ein Leser freiwillig vornahm. Die Reihe sollte angehenden Pädagogen zum Beispiel bei der "Anfertigung von Seminararbeiten" helfen. Die verlegende Buchhandlung Bierbaum ist pleite, ihre Schriften aber finden neuerdings wieder großes Interesse - bei all denjenigen, die sich für die Doktorarbeit Annette Schavans interessieren. Und für die Frage, ob sie vor über 30 Jahren für ihre Dissertation im Fach Erziehungswissenschaft abgeschrieben hat oder nicht.

In der Debatte wird abgewogen, wo absichtliches Abschreiben beginnt und was noch als Zurückhaltung beim Verwenden von Anführungszeichen durchgeht. Die Bierbaum-Handreichung liefert hier Hilfestellung von erfrischender Klarheit: "Wer gegen die Zitierpflicht verstößt, verletzt nicht nur das Gebot der intellektuellen Redlichkeit", heißt es dort. Oder: In wissenschaftlichen Beiträgen sei es selbstverständlich, "alle wörtlichen und sinngemäßen Entlehnungen aus fremden Texten kenntlich zu machen", und zwar "mit einer genauen Quellenangabe".

Einer der Herausgeber des Bandes ist Schavans Doktorvater Gerhard Wehle. Die Regeln seien "in unserem Institut bis in die Gegenwart immer wieder vervielfältigt und verbreitet worden", bestätigt ein anderer Herausgeber, Hartmut Steuber. Seit neun Monaten prüfen die zuständigen Gremien die Dissertation der heutigen Bundesbildungsministerin auf Plagiate. Am Dienstag befindet der Fakultätsrat erneut über den Fall. Ob die CDU-Politikerin ihren Titel behalten darf, ist ungewiss.

"Jeder wusste, wie zu zitieren ist"

Dabei spielen nun auch entlegene Fachbücher zu Zitierweisen wissenschaftlicher Arbeit aus der Entstehungszeit der Promotion eine Rolle. Das Verfahren nimmt den Charakter einer fachhistorischen Exegese an. Schavan hat an mehreren Stellen Fußnoten und Anführungsstriche weggelassen, wo sie welche hätte anbringen sollen, so viel ist klar. Nun muss der Fakultätsrat entscheiden, ob diese Mängel gravierend genug sind, um den Grad abzuerkennen. Der Prüfer der Universität hatte sogar eine "plagiierende Vorgehensweise" und eine "leitende Täuschungsabsicht" erkannt - ein weitreichender Vorwurf.

Schavan selbst räumt bislang nur entschuldbare Flüchtigkeitsfehler ein, einige ihrer Unterstützer aus der Wissenschaft erklärten, unklar abgegrenzte Zitate seien 1980 in den Erziehungswissenschaften keine Seltenheit gewesen. "Das entspricht dem damaligen Zitationsstil", sagte der emeritierte Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers (SPIEGEL 4/2013). In den siebziger und achtziger Jahren sei es durchaus üblich gewesen, auch Paraphrasen außerhalb der ausgewiesenen Zitate zu verwenden. Weitere ältere Wissenschaftler argumentierten ähnlich. Der Bonner Philosophie-Emeritus Ludger Honnefelder sprach in der "Zeit" von einer "Regelung, die in geisteswissenschaftlichen Disziplinen der Nachkriegsjahrzehnte wie der Pädagogik häufig anzutreffen ist". Die Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth und Helmut Fend verwiesen dort auf den "spezifischen Gattungscharakter" und forderten die Würdigung der "gesamten Komposition der Arbeit".

Doch inzwischen mehren sich Stimmen von Erziehungswissenschaftlern, die die Regeln ihrer Disziplin hochhalten - vergangene Woche etwa ein halbes Dutzend im Berliner "Tagesspiegel". Auch Vertreter des Pädagogikfachs aus Schavans Alma Mater Düsseldorf verweisen auf geltende Standards. "Zwar arbeiteten wir damals stärker referierend, doch wusste jeder, wie zu zitieren ist", sagt Gisela Miller-Kipp, die auf ihrem Lehrstuhl Schavans Doktorvater nachfolgte. "Es gab dazu an den Universitäten Einführungsveranstaltungen, auch in Düsseldorf." Hilfsmittel wie elektronische Literaturverwaltungsprogramme habe es damals nicht gegeben, sagt ihr Kollege Steuber vom selben Fachbereich, der später eine solche Software mitentwickelt hat. "Man musste sehr penibel mit Karteikarten und Exzerpten arbeiten, wenn man keine Fehler machen wollte. Das heißt aber nicht, dass grobe Schludrigkeiten damit entschuldigt werden könnten und nicht einmal peinlich sind."

Herausgeber plädiert für scharfe Kritik, aber keine Aberkennung

Kaum Spielraum lassen auch andere zeitgenössische Anleitungen für wissenschaftliches Arbeiten, wie die von Winfried Böttcher und Johannes Zielinski, erschienen 1973: Zitieren aus zweiter Hand sei in "Dissertationen, Diplomarbeiten, Staatsexamensarbeiten und Habilitationen strikt zu vermeiden". In einer Einführung von Gundolf Seidenspinner aus dem Jahr 1971 heißt es: "Ungenaue und zu großzügig wiedergegebene Zitate bringen den Verfasser einer Arbeit leicht in den Verdacht wissenschaftlicher Unredlichkeit und Manipulationen."

Eine Hochschul- oder Fachkultur der Ungenauigkeit, auf die sich einige Verteidiger Schavans berufen, hat es demnach wohl nie gegeben. Trotzdem muss die Bundesbildungsministerin ihren Titel nicht unbedingt verlieren. "Ich finde es arg untertrieben, wenn Frau Schavan von Flüchtigkeitsfehlern spricht, und arg übertrieben, wenn ihr gezielte Täuschungsabsicht unterstellt wird", sagt Steuber. Er plädiert dafür, "das Vorgehen Schavans scharf zu kritisieren, damit niemand sich ermutigt fühlt, es ihr nachzumachen", gleichzeitig solle man die Politikerin aber "für ihre Jugendsünden begnadigen". Formal würde eine solche Lösung bedeuten, Schavan den Titel zu belassen, aber die Mängel offiziell festzustellen.

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insgesamt 117 Beiträge
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Seite 1
DukeGozer 01.02.2013
1. Kurz und knapp
Is' nich' (wie der Berliner kurz und knapp sagt). Wer betrügt oder so dämlich ist, fliegt!
erlenstein 02.02.2013
2. Satire
Zitat von sysopdapdDie Plagiatsvorwürfe gegen Bildungsministerin Annette Schavan werden immer noch geprüft. Dabei spielt Fachliteratur zu Zitierweisen aus den Siebzigern eine wichtige Rolle. Die Erkenntnis: Die Vorgaben waren damals so streng wie heute. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fachliteratur-aus-den-siebzigern-staerkt-vorwuerfe-gegen-annette-schavan-a-881078.html
Egal, ob sie ihren Titel behält oder nicht, diese Bildungsministerin muss zurücktreten. Mit ihrer dreisten Behauptung von nur "Flüchtigkeitsfehlern" hat sie sich klar ins Aus begeben. Selbst ihr gesonnene Unterstützer empfehlen die sachlichen Mängel klar zu benennen, um Studenten davon abzhalten ähnlich zu arbeiten. Ist das schon Satire?
flüchtig 02.02.2013
3. Wir können uns ja alle ein
bisschen "fremdschämen"...so wie sie es beim guten Theo tat!
rainer_daeschler 02.02.2013
4.
"Die Vorgaben waren damals so streng wie heute." Wenn es anders wäre, hätte ich meinen Professoren das wissenschaftliche Arbeiten beibringen müssen und nicht die mir.
Kashrlyyk 02.02.2013
5. Feige und verdorben.
---Zitat--- Er plädiert dafür, "das Vorgehen Schavans scharf zu kritisieren, damit niemand sich ermutigt fühlt, es ihr nachzumachen", gleichzeitig solle man die Politikerin aber "für ihre Jugendsünden begnadigen". ---Zitatende--- Wenn der Titel nicht aberkannt wird, dann ist das definitiv eine Ermutigung. Kein Doktor interessiert sich dafür, ob es Kritik zur Doktorarbeit gab oder nicht, sondern nur das der Titel bleibt, denn der ist in der Regel Basis des momentanen Broterwerbs.
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