Zwischenruferin beim Sisi-Besuch "Sonst hätte mich ja niemand gehört"

Mit ihrer Aktion erregte sie weltweit Aufsehen: Fagr Eladly, 22, beschimpfte Ägyptens Präsident Sisi in Berlin als Mörder. Nun will Kairo ihr die Staatsbürgerschaft entziehen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt sie, wie es zu dem Vorfall kam.


Fagr Eladly ist heiser: Einen Tag zuvor hatte die 22-Jährige Ägyptens Präsidenten Abdel Fattah el-Sisi lauthals als Mörder, Nazi und Faschisten beschimpft. Ihre Zwischenrufe auf seiner Pressekonferenz mit Kanzlerin Angela Merkel sorgten auf der ganzen Welt für Schlagzeilen.

Eladly hat einen ungewöhnlichen Lebenslauf: Sie wurde in Mainz geboren, machte ein Spitzen-Abitur mit 17 Jahren, ist Medizinstudentin an der Universität Heidelberg (Fakultät Mannheim). Seit sie 15 ist, besuchte sie parallel zur Schule auch die Uni. Sie engagiert sich bei den Jusos, der Jugendorganisation der SPD, und auch bei der "Deutsch-Ägyptischen Union für Demokratie" (DÄUD), die dem Ex-General Sisi kritisch gegenübersteht. Außerdem schreibt sie für Lokalzeitungen und berichtet für Radio Rheinwelle. Für den Sender war sie auch für die Pressekonferenz mit Merkel und Sisi akkreditiert.

Lesen Sie hier, wie es zu ihrem spektakulären Auftritt kam:

Fagr Eladly: Die 22-Jährige  sorgte bei der Pressekonferenz mit Sisi für einen Tumult
Privat

Fagr Eladly: Die 22-Jährige sorgte bei der Pressekonferenz mit Sisi für einen Tumult

SPIEGEL ONLINE: Frau Eladly, war die Protestaktion von Ihnen geplant?

Fagr Eladly: Nein. Ich hatte am Mittwoch noch eine Klausur in Mannheim und bin dann direkt nach Berlin geflogen, um rechtzeitig zur Pressekonferenz zu kommen. Ich war für das Radio Rheinwelle akkreditiert, für das ich manchmal nebenher arbeite. Ich wollte Merkel nur zwei Fragen stellen. Doch dann hatte man mir dort gesagt, dass insgesamt nur je zwei Fragen von den Ägyptern und von den Deutschen zugelassen würden. Ich war extra deswegen aus Mannheim gekommen!

SPIEGEL ONLINE: Was wollten Sie Merkel denn fragen?

Eladly: Warum sie den Putschisten Sisi unterstützen will, wenn doch die deutsche Geschichte lehrt, dass zu Stabilität und Wohlstand Rechtsstaatlichkeit gehört. Und warum sie nicht mehr an ihrer Bedingung festgehalten hat, dass erst Parlamentswahlen in Ägypten stattfinden müssten, bevor sie Sisi nach Berlin einlädt. Es wurde noch nicht gewählt!

SPIEGEL ONLINE: Und was passierte dann?

Eladly: Ich habe Merkel zugerufen, dass ich unbedingt eine Frage stellen möchte. Ich durfte nicht. Es waren zwei Fragesteller von deutscher Seite zugelassen, und die waren vorher abgemacht. Beide haben dann nur eine Ägypten-Frage gestellt und eine völlig andere - Griechenland und Sepp Blatter. Was soll das? Ich verstehe das immer noch nicht. Wozu gibt es denn Pressekonferenzen, wenn man nicht fragen darf? Das hat mich richtig geärgert. Ich bin dann lauter geworden. Und dann habe ich gerufen: "Er ist ein Mörder, er ist ein Nazi, er ist ein Faschist."

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Ägyptens Präsident in Berlin: Tumulte bei Pressekonferenz von Merkel und Sisi
SPIEGEL ONLINE: Sie haben damit ein Tabu gebrochen.

Eladly: Wenn ich nicht gerufen hätte, hätte mich ja niemand gehört! Ich habe erst hinterher erfahren, dass Sisi zum ersten Mal Protest gegen ihn live erlebt hat. In Ägypten hat ihm so etwas noch niemand zugerufen. Kein Wunder - wer das tun würde, hätte ja sofort die Konsequenzen zu fürchten. Ich konnte das ja nur machen, weil wir in Deutschland sind.

SPIEGEL ONLINE: Auch hier drohen Ihnen Konsequenzen. Ihnen soll nun die ägyptische Staatsbürgerschaft entzogen werden.

Eladly: Ich habe das vorhin erst erfahren. Gut, es war klar, dass es nun Konsequenzen gibt. Das nimmt mir wohl die Entscheidung: Ich könnte, seit ich 16 bin, die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Ich habe das bisher nicht getan, um meine ägyptische nicht zu verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich als Deutsche oder Ägypterin?

Eladly: Ich bin beides. Mein Lebensmittelpunkt ist in Deutschland. Ich bin in Mainz geboren und aufgewachsen. In Ägypten war ich nur wochen- oder monateweise in den Sommerferien. Meine Eltern sind zum Studium aus Ägypten nach Deutschland gekommen und geblieben. Meine Mutter hat Betriebswirtschaft studiert, und mein Vater ist Biochemiker und Mikrobiologe.

SPIEGEL ONLINE: Wo stehen Sie politisch?

Eladly: Ich bin bei den Jusos. Mit der Muslimbruderschaft habe ich nichts zu tun. Außerdem bin in der "Deutsch-Ägyptischen Union für Demokratie" (DÄUD). Das ist ein Verein mit vielen Studenten und Akademikern. Wir demonstrieren für Menschenrechte und Freiheit in Ägypten, damit die Menschen dort leben können wie wir in Deutschland.

Die "Deutsch-Ägyptische Union für Demokratie" und andere Oppositionelle demonstrierten gegen Sisi in Berlin
Fagr Eladly

Die "Deutsch-Ägyptische Union für Demokratie" und andere Oppositionelle demonstrierten gegen Sisi in Berlin

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie vier Finger gezeigt - eine Geste, die mit den Islamisten verbunden wird?

Eladly: Das Rabaa-Zeichen gehört nicht allein der Muslimbruderschaft. Es ist ein Symbol des Widerstands gegen das Militär. Es erinnert an das Massaker auf dem Rabaa-Platz in Kairo im August 2013, bei dem über 800 Menschen getötet wurden - das größte Massaker in der neueren Geschichte Ägyptens. Deswegen habe ich Sisi einen Mörder genannt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bei den Jusos. Auch die SPD als Teil der Bundesregierung hat Sisi nach Berlin eingeladen.

Eladly: Ich bin schon enttäuscht. Wir von der DÄUD hatten im Vorfeld verschiedene Bundestagsabgeordnete angeschrieben. Von fast keinem SPD-Parlamentarier haben wir eine Antwort bekommen. Andrea Nahles schrieb uns zurück, wir sollten uns an Frau Merkel wenden. Ich schrieb ihr zurück, sie solle sich bitte als mündige Volksvertreterin verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum lehnen Sie Sisi so entschieden ab?

Eladly: Das Militär spielt in Ägypten ja nicht erst seit gestern, sondern seit Jahrzehnten eine problematische Rolle. Für mich hat die Armee nichts in der Politik und in der Wirtschaft zu suchen. Vielleicht kommt das durch meine deutsche Sozialisierung. Ich hatte Geschichte-Leistungskurs. Für mich gibt es schon manche Parallelen zwischen Ägypten aktuell und dem Ende der Weimarer Republik: In beiden Fällen gab es eine Revolution, die gescheitert ist - unter anderem, weil in den Behörden noch der alte Apparat saß und im Militär viele den alten Eliten treu blieben. Ich kann wirklich nicht verstehen, wie man als Deutscher in Ägypten eine Militärführung unterstützen kann angesichts der eigenen Geschichte.

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