Fahndung im Fall Mannichl Polizei sucht mit neuen Phantombildern nach verdächtiger Gruppe

Eine Frau mit zerzaustem Haar, ein Mann mit Hahnenkamm: Die Soko Mannichl hat Phantombilder von zwei Personen veröffentlicht, die laut Zeugen am Tattag im Wohnort des Passauer Polizeichefs waren. Die Ermittler suchen insgesamt fünf Menschen, die womöglich mit dem Attentat in Verbindung stehen.


Passau - Eine Frau mit zerzausten Haaren, ein Mann mit einem schwarzen Hahnenkamm und vier Ringen im rechten Ohr - mit diesen Phantombildern fahndet nun die Sonderkommission im Fall Mannichl nach einer verdächtigen Personengruppe. Die insgesamt fünf Menschen, die am Tattag in Mannichls Wohnort Fürstenzell gesehen wurden, könnten etwas mit der Messerattentat auf Passauer Polizeichef zu tun haben (Details zu den Gesuchten siehe Fotostrecke).

Bei den Personen handelt es sich um vier Männer und eine Frau, nach denen die Kripo nun in Deutschland und Österreich sucht. Mehrere von ihnen sollen auffällige Tätowierungen tragen - schon in der vergangenen Woche waren erste Polizeiskizzen dazu veröffentlicht worden. Den Beschreibungen nach müssen die Gesuchten aber nicht unbedingt zur rechtsextremen Szene gehören, sondern können zum Beispiel auch Gothic-Anhänger sein.

Konkrete Hinweise auf weitere Verdächtige hat die Polizei derzeit nach eigenen Angaben nicht. Bei dem Täter soll es sich Mannichls eigenen Schilderungen zufolge um einen etwa 30 Jahre alten, rund 1,90 Meter großen glatzköpfigen Mann handeln.

Früher an diesem Dienstag hatte die Polizei die vorübergehend verhafteten Eheleute H. freigelassen, die der rechtsextremen Szene in München angehören. Der Haftbefehl gegen die 22-Jährige und den 33-Jährigen war mit dringendem Tatverdacht der Beihilfe sowie Flucht- und Verdunkelungsgefahr begründet - doch angesichts des Ermittlungsstands könne dies nicht aufrechterhalten werden, sagte der Leitende Passauer Oberstaatsanwalt Helmut Walch mit. Dringender Tatverdacht ist für einen Haftbefehl nötig.

Der Dortmunder Rechtsanwalt des 33-Jährigen, André Picker, wurde per Fax über den Gerichtsbeschluss informiert und zeigte sich überrascht. Er hatte Haftprüfungsantrag gestellt, "der Termin war für den 30. Dezember anberaumt worden", sagte Picker SPIEGEL ONLINE. "Aber der Staatsanwalt kam dem zuvor. Er hat eingesehen, dass der dringende Tatverdacht nicht gegeben und der Haftbefehl nicht begründet ist."

Die Eheleute waren am 16. Dezember in ihrer Münchner Wohnung abgefangen und nach Passau gebracht worden, um dort als Zeugen auszusagen. Die Ermittler vermuten, dass sie den Messerattentäter kennen; die beiden bestreiten eine Verwicklung.

Mit der Freilassung des Pärchens ist wieder völlig unklar, ob es sich bei dem Mordanschlag um die Tat eines Einzelnen oder einer Bande handelt. Schon unmittelbar nach der Tat hatte die Polizei zwei Männer aus dem Raum Passau festgenommen, dann aber schon nach einem Tag wieder laufenlassen müssen. Dem 26- und dem 27-Jährigen konnte nichts nachgewiesen werden.

"Kein Verständnis" für geplanten NPD-Aufmarsch

Die Stadt Passau teilte an diesem Dienstag mit, dass die NPD am Samstag kommender Woche (3. Januar) gegen die Ermittlungen gegen Neonazis sowie die Berichterstattung über den Fall Mannichl demonstrieren will. Ein NPD-Mitglied hat die Kundgebung bei der Stadtverwaltung unter dem Motto "Gegen polizeiliche Willkür und Medienhetze" angemeldet.

Man prüfe derzeit die Möglichkeiten, gegen den von den Rechtsextremisten angemeldeten Aufmarsch in der Stadt juristisch vorzugehen. "Die Öffentlichkeit wird auf dem Hintergrund der ungeklärten Umstände des Attentats auf Polizeidirektor Mannichl kein Verständnis dafür aufbringen, wenn zum jetzigen Zeitpunkt eine derartige Veranstaltung in unserer Stadt genehmigt wird", teilte Passaus Oberbürgermeister Jürgen Dupper (SPD) mit. Der Passauer "Runde Tisch gegen Rechts" wolle eine Gegendemonstration veranstalten, wenn die Stadt nach einer möglichen Gerichtsentscheidung die Neonazi-Versammlung zulassen müsse, sagte Dupper.

"Ich bin kein Held"

Mannichl war am 13. Dezember vermutlich von einem Neonazi vor seinem Haus niedergestochen und schwer verletzt worden. Er war immer wieder mit seinen Beamten gegen Neonazi-Versammlungen vorgegangen. Am Montagabend hatten mehr als 500 Menschen in Fürstenzell mit einer stillen Lichterdemonstration gegen Rechtsextremismus protestiert. Mannichl dankte den 700 Einwohnern von Fürstenzell. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus habe er sich gut von der Messerwunde in der Brust erholt und freue sich auf Weihnachten im Kreis seiner Familie, teilte er in einer Erklärung mit. Der Zeitung "Passauer Woche" sagte er: "Ich bin kein Held! Meine Kollegen, die rund um die Uhr arbeiten, sind für mich Helden!" Er lasse sich von den Rechtsradikalen nicht kleinkriegen und wolle möglichst bald wieder arbeiten.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, sagte der "Rheinischen Post": "Ich bin optimistisch, dass die Straftat aufgeklärt wird. Das ist nur eine Frage der Zeit." Wenn der Hintergrund ermittelt sei, "wird der Schrecken groß sein, was in der rechten Szene für eine Brutalität herrscht und was sich dort insgesamt angestaut hat", sagte Freiberg.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) fordert wegen des Attentats spezialisierte Kriminalbeamte für die Jagd auf Extremisten im Internet. Bund und Länder müssten dafür 500 Experten zur Verfügung stellen, so der DPolG-Bundesvorsitzende Rainer Wendt. Hintergrund ist, dass vor dem Mordanschlag unter anderem die NPD im Internet monatelang gegen Mannichl gehetzt hatte.

cht/jdl/jjc/AP/dpa

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