Fahndungen Angst vor der verborgenen Terror-Zelle

Der Bombenplan ist gestoppt, die Nervosität bleibt: Die Behörden fürchten, dass Sympathisanten der drei im Sauerland Festgenommenen oder bisher unbekannte Dschihadisten Anschläge in Deutschland vorbereiten. Mehrere Verdächtige sind abgetaucht.

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Berlin – Ömer Ö. ist höflich, lächelt viel und will doch nicht wirklich reden. Fast lässig lehnt der 29-jährige Türke in der Tür der Etagenwohnung seiner Eltern im baden-württembergischen Sindelfingen. Sein Vater hat geöffnet, doch er versteht kein Deutsch. Dann kommt Ömer Ö. aus seinem Zimmer. Nichts an ihm weist auf einen religiösen Fanatiker oder gar Islamisten hin. Die langen schwarzen Haare sind zurück gekämmt. Er trägt Jeans und T-Shirt.

Terrorverdächtiger Daniel S.: Es bleibt die Angst vor den Unentdeckten
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Terrorverdächtiger Daniel S.: Es bleibt die Angst vor den Unentdeckten

"Ich habe mir nichts vorzuwerfen", sagt er. Und: "Die haben doch nichts gegen mich in der Hand." Ja, einen Anwalt habe er sich genommen, ihm sei "nichts anderes übrig geblieben". Von dem Fall der Terrorverdächtigen will er erst aus dem Fernsehen erfahren haben, die festgenommenen Männer von den Fotos kenne er nicht. Wieder lächelt er.

Mehr als er sagt, weiß Ömer Ö. in jedem Fall. Zum Beispiel, dass er einer von der fünf namentlich bekannten Personen ist, gegen die unter dem Aktenzeichen GBA 2 BJs 20/07-4 ein Verfahren läuft. Genau wie gegen die drei Festgenommenen wird auch gegen Ö. wegen der Bildung einer Terrorgruppe und der Unterstützung einer ausländischen Terrororganisation ermittelt.

Es geht um den Plan, mit drei Autobomben amerikanische Ziele in Deutschland anzugreifen. Von Ömer Ö. wissen die Behörden, dass er sich mehrmals und konspirativ mit dem Hauptverdächtigen Fritz G. getroffen hatte. Die Fahnder nehmen zudem an, dass er eine Rolle innerhalb der Zelle inne hatte.

"Wir hoffen, dass wir alles ausgehoben haben"

Es sind die Männer wie Ömer Ö., die den Behörden Sorgen bereiten. Für einen Haftbefehl reichte es nicht - genau wie bei zwei weiteren Verdächtigen, die unbehelligt in Deutschland auf freiem Fuß sind. So detailliert die Behörden nach der Festnahme ihre Erkenntnisse präsentierten, so intensiv arbeiten sie weiter an den Recherchen über das Umfeld der Zelle.

Dass schnell Haftbefehle herauskommen, ist nicht zu erwarten. Gleichwohl müssen die Fahnder die Verdächtigen im Auge behalten. Kontakte müssen geklärt, sichergestellte Computer mühsam nach weiteren Hinweisen durchforstet werden. Die Frage lautet: Wer ist wer im Netzwerk des Terrors?

Die Fahnder fürchten, dass es noch weitere, unbekannte Zellen geben könnte. "Wir hoffen, dass wir alles ausgehoben haben", sagt Innenstaatssekretär August Hanning, "aber es ist nur eine Hoffnung". Sein Chef, Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU), lässt keine Situation aus, um zu Wachsamkeit aufzurufen. "Die Gefahr ist nicht gebannt", sagte er mehrmals diese Woche.

Nicht nur von den Amerikanern weiß Schäuble, dass es neben der aufgedeckten Zelle wieder ein virulentes Netzwerk von Terroristen gibt, das auf den Westen zielt. Al-Qaida und sympathisierende Gruppen seien "operativ wieder voll auf der Höhe", sagt ein deutscher Sicherheitsexperte.

Furcht vor bislang nicht Auffälligen

In einem internen Papier des Bundeskriminalamts (BKA), das nach den Festnahmen erstellt wurde, warnen die Experten konkret vor zwei Szenarien: Zum einen sei es möglich, "dass bislang unenttarnte Mitglieder oder Sympathisanten der IJU (Islamische Dschihad Union - d. Red.) an den ursprünglichen Tatplanungen festhalten".

Ebenso erscheint es denkbar, "dass im Verfahren bislang nicht in Erscheinung getretene Anhänger der IJU durch die Organisationsführung in Pakistan die Anweisung zur Aufnahme erneuter Tatvorbereitungen erhalten". Folglich wollen die Behörden die bekannte Szene an Sympathisanten des Dschihads in Deutschland weiter "intensiv" analysieren.

Das Spektrum im Auge zu behalten, beschert Verfassungsschutz und Polizei viel Arbeit. Allein in Baden-Württemberg kennen die Behörden 130 Islamisten, die als potentiell gewaltbereit gelten. Daneben gilt es, das Umfeld der Verdächtigen umfassend aufzuklären, um Mitwisser oder gar Mittäter zu enttarnen. "Die Arbeit ist noch lange nicht abgeschlossen", sagt ein hochrangiger Beamter, "wir fahren weiter auf hohem Niveau."

Dass die Behördenchefs nach der Festnahme euphorisch und sehr detailliert über E-Mail-Kontrollen und Observation sprachen, kommt den Praktikern ungelegen. "Der Feind weiß jetzt viel von uns", so der Beamte, "und wird sich schnell anpassen."

Zwei Hauptpersonen im Ausland

Die Nachricht, dass die IJU sich der Planungen selbst bezichtigte, hat in dieser Situation gute wie schlechte Aspekte. Zum einen ist es für anstehende Gerichtsprozesse wichtig, die geplanten Taten in einen Kontext stellen zu können. Das Schriftstück könnte dann als Beweis dafür herangezogen werden, dass tatsächlich eine internationale Terrorgruppe agiert hat.

Zugleich beruhigt das Statement der Gruppe, über die man bisher nicht allzu viel weiß - denn darin war nicht explizit von weiteren in Deutschland existierenden Zellen die Rede. Gleichwohl aber kann das mit Koran-Zitaten gespickte Schreiben für Sympathisanten aus der Szene motivierend wirken. Eine fehlgeschlagene Planung, das wissen die Terrorfahnder, ruft oft Nachahmer hervor.

Selbst die Ermittlungen über das Wirken der ausgehobenen Zelle gestalten sich schwierig. So sind zwei der Verdächtigen in die Türkei ausgereist. Einer der Männer, der 22-jährige Attila S. alias "Muaz" aus Ulm in Baden-Württemberg, beteuert über seinen Anwalt seine Unschuld.

Ebenso abgetaucht ist der 22-jährige Zafer S., der ebenfalls in der Türkei vermutet wird. Beide Männer waren am Silvesterabend 2006 dabei, als eine Gruppe inklusive des mutmaßlichen Zellenchefs Fritz G. nach Meinung der Ermittler eine US-Kaserne in Hanau für mögliche Anschläge ausspähte. Ob es den Behörden gelingt, die Verdächtigen aus der Türkei zurück nach Deutschland zu holen, ist mehr als ungewiss.

Was treibt die Pakistan-Reisegruppe?

Ebenso wissen die Behörden von drei Personen aus dem Umfeld, die vermutlich noch in Pakistan unterwegs sind. Organisiert von einem der Festgenommenen, dem 29-jährigen Adem Y., reiste im Januar 2007 Sedullah K. aus Langen über die bei den Behörden bekannte Route Türkei-Iran-Pakistan ab. Im März folgten Sali S. aus Frankfurt, im Mai Ümit S. – sie alle zählen zum Sympathisanten-Umfeld der Dschihad Union.

Einen Beweis haben die Fahnder bereits. So nahm der pakistanische Geheimdienst ISI am 5. Juni die ebenfalls aus Deutschland ausgereisten Brüder Bekir und Hüseyin Ö. fest. Auch sie wollten über die Reiseroute vermutlich in Terrortrainingslager in Pakistan. Ob die anderen dort angekommen sind, ist ungewiss.

Was die Terrortouristen, teilweise mit deutschen Pässen ausgestattet, nach ihrer Rückkehr vorhaben, können die Behörden bisher nicht sagen. Die Geheimdienste würden zurzeit am liebsten jedes Telefonat zwischen Pakistan und Deutschland abhören, scheitern aber an Bestimmungen und der schlichten Menge der Kommunikation.

In Sicherheit wähnt sich kaum einer von vielen Gesprächspartnern aus betroffenen Behörden. Männer wie Ömer Ö., können sie mit ihren Mitteln sicherlich ausreichend kontrollieren. Personen, die sie noch gar nicht als mögliche Verdächtige entdeckt haben, können weiter agieren.



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