Münchhausen-Check: Das Frauenproblem der FDP

Von Hauke Janssen

Schlusslicht bei der Quote: Die FDP und die Frauen Fotos
DPA

"Die FDP ist das Schlusslicht, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in der eigenen Partei zu leben", sagt die Liberale Silvana Koch-Mehrin. SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Faktencheck: Hat die FDP ein Frauenproblem?

Wie hoch schätzen die Liberalen die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau? Silvana Koch-Mehrin, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, war eines der wenigen prominenten Parteimitglieder, die sich in der sogenannten Sexismus-Debatte in der Öffentlichkeit kritisch über das Verhalten von FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle äußerte und es gut fand, dass die junge "Stern"-Reporterin den "Mut" hatte, "das Thema Anzüglichkeiten so offen zu benennen".

Koch-Mehrin mahnte darüber hinaus - und das allein interessiert uns im Folgenden - einen anderen Umgang mit Frauen in ihrer Partei an. Zwar hätte die FDP einst einen hohen Frauenanteil gehabt, doch heute bilde sie in dieser Hinsicht das "Schlusslicht". Deshalb brauche die FDP eine Frauenquote, meint sie.

Besuchen wir die Homepage der Liberalen, klicken auf "Themen A-Z", dann auf "F". Dort findet sich allerlei - etwa der "FDP-Shop" -, aber das Stichwort "Frauen" sucht man zunächst vergeblich. Auch unter "Familienpolitik". Das ist bloß eine Seite für beruflich Selbständige unter besonderer Berücksichtigung des "Unterhaltsrechts" - so als sei die FDP ein Interessenverband gutverdienender, geschiedener Männer.

Überlisten wir die etwas sperrige Navigation der Seite und scrollen weit nach unten, dann stoßen wir doch noch auf das Thema "Frauenpolitik":

"Die FDP setzt sich dafür ein, dass es in unserer Gesellschaft jeder Frau ermöglicht wird, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten."

Man ist also für Eigenverantwortlichkeit. Ist man aber auch für Gleichberechtigung?

Bei "Frauenpolitik" seltsam vage

In diesem Punkt bleibt die FDP-Seite "Frauenpolitik" seltsam vage. Zwar seien Frauen heute "besser qualifiziert als jemals zuvor und bringen besondere Perspektiven, Wissen und Erfahrungen mit, auf die die Gesellschaft nicht verzichten sollte", heißt es, aber die "tatsächliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern", so ist dort ebenfalls zu lesen, setze "einen gesellschaftlichen Wandel im weiblichen und im männlichen Rollenverständnis voraus".

Will die FDP mit der "tatsächlichen Gleichberechtigung" abwarten, bis sich Herrn Brüderles Rollenverständnis gewandelt hat?

Ein engagiertes Plädoyer für "eine gleichberechtigte Teilhabe am politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben", wie sie selbst die konservative CDU fordert, suchen wir auf der FDP-Homepage unter dem Stichwort "Frauenpolitik" vergeblich.

Stattdessen agitiert die frauenpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Nicole Bracht-Bendt, gegen die Quote und will beweisen, dass es einen derartigen Handlungsbedarf selbst aus Sicht der Frauen gar nicht gibt.

Denn die Ergebnisse einer Untersuchung zeigten, "dass 82 Prozent der Gesamtbevölkerung und 75 Prozent aller Frauen in Deutschland gegen die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote für Spitzenpositionen in der Wirtschaft sind".

Weiterhin plädierten gerade einmal acht Prozent der Befragten und nur zwölf Prozent der Frauen dafür, Frauen bei Einstellungen zu bevorzugen. Diese Zahlen, so die FDP-Frauen-Sprecherin, "bestätigen uns Liberale im Deutschen Bundestag in unserer Ansicht, dass selbstverständlich die Qualifikation und Kompetenz von Bewerberinnen und Bewerbern bei der Einstellungsentscheidung ausschlaggebend sein müssen".

Im Umkehrschluss: Es liegt also wohl an der mangelnden "Qualifikation und Kompetenz" der FDP-Frauen, dass diese in ihrer Partei nicht viel zu melden haben.

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Wie die Grafik zeigt, hat nur die Union einen noch geringeren Anteil von Frauen unter ihren Bundestagsabgeordneten. Der Parteiendurchschnitt liegt bei 32,8 Prozent, die FDP ist mit 24,6 Prozent rund acht Punkte darunter.

Frauenfeindlicher Tatbestand

Je höher man in der Hierarchie aufsteigt, desto dünner wird die Luft für die FDP-Frauen. Derzeit stellt sie fünf Ministerposten: Philipp Rösler, Guido Westerwelle, Daniel Bahr, Dirk Niebel und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.

Das entspricht einer Frauenquote von nur noch 20 Prozent - deutlich geringer als bei allen anderen Koalitionsparteien. Die CDU stellt acht Kabinettsmitglieder, darunter vier Frauen (50 Prozent), die CSU entsendet eine Frau bei insgesamt drei Ministern (33 Prozent).

Der Blick zurück in die FDP-Geschichte bestätigt diesen frauenfeindlichen Tatbestand. Seit dem ersten Kabinett Adenauer 1949 gab es nur zwei FDP-Frauen, die jemals ein Ministeramt bekleideten, nämlich die genannte Sabine Leutheusser- Schnarrenberger und Irmgard (Adam-)Schwaetzer. An männlichen FDP-Ministern zählen wir 34 unterschiedliche Personen.

Nach dieser Zählweise kommen (inklusive parteiloser) auf insgesamt 176 männliche Kabinettsmitglieder 31 Frauen (mit Johanna Wanka, die in der benutzten Wikipedia-Liste bei Abfassung des Artikels noch nicht erfasst war). Die historische Frauenministerquote liegt, so gesehen, bei knapp 15 Prozent. In der Tabelle ganz unten steht mit 6 Prozent die FDP.

Wieviele Männer und Frauen waren seit 1949 Bundesminister?
Partei Männer Frauen Frauenanteil in Prozent
Grüne 2 2 50
SPD 50 12 19
CDU 58 13 18
CSU 25 2 7
FDP 34 2 6
Fazit: Die FDP bildet das Schlusslicht unter den Bundestagsparteien, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in der eigenen Partei zu leben.

Note: Wahrheitsgehalt: top (1), FDP-Frauenpolitik flop (6).

Mitarbeit: Kurt Jansson

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insgesamt 60 Beiträge
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1. Frauen sind halt nicht so dumm
rodelaax 05.03.2013
bei diesem Verein mitzumachen. Unterdrückung von Schwachen und menschenverachtende Weltbilder liegen ihnen nicht so.
2. Frauenfeindlich?
LunaticLuke 05.03.2013
Die Frauenquote unter den FDP MinisterInnen ist in etwa genau so hoch wie die Frauenquote in der Partei insgesamt. Warum soll das jetzt frauenfeindlich sein? Offensichtlich sind die Frauen und Männer etwa gleich gut qualkfiziert und belegen daher entsprechend ihres Anteils an der Partei einen ähnlichen Anteil der Ministerposten. Das finde ich absolut gerecht.
3. Eindeutig
derdriu 05.03.2013
Ob man nun für oder gegen die Frauenquote ist, ist bei dem Ergebnis relativ egal. Die FDP macht ganz offensichtlich eine Politik, die für arbeitende (Karriere-)Frauen -analog zu den Karrieremännern der FDP-Wähler- nicht hilfreich ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Frauen weniger wirtschaftsliberal sind. Aber die Liberalität der FDP scheint mit der realen Welt der möglichen Wählerinnen zu kollidieren- ganz zu schweigen von den Parteimitgliedern. Eventuell arbeitet man auch in der FDP so, dass Frauen ein Amt nicht wahrnehmen können oder wollen. Ob das diskriminierend ist, will ich erst einmal nicht behaupten. Es scheint aber ignoriert zu werden, dass die FDP fast die Hälfte der Bevölkerung übersieht.
4. Eigenes Problem
vevi 05.03.2013
Zitat von sysop"Die FDP ist das Schlusslicht, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in der eigenen Partei zu leben", sagt die Liberale Silvana Koch-Mehrin. SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Faktencheck: Hat die FDP ein Frauenproblem?
Ich denke, die FDP tut sich selbst keinen Gefallen damit. Eine Partei, die mehr als 50% der Wählerschaft als unmaßgeblich behandelt, wird auf Dauer nicht mehr als eine Splitterpartei bleiben, die sich von Wahl zu Wahl über die 5%-Hürde zu hangeln versucht. Der Alleinherrschaftsanspruch der Männer wird letztendlich von der Geschichte überholt werden, da bildet derjenige der FDP-Männer keine Ausnahme. Schade, denn was die wirtschaftspolitischen Inhalte betrifft, da lägen die Partei absolut auf meiner Wellenlänge.
5.
balmy_matrix 05.03.2013
Immer diese Simplifizierung von dem Verhältnis Frauen und Männer in Ämtern und Fraktionen auf die Gleichberechtigung oder sogar gleicher Machtverteilung zu schließen. So sieht die Union in dieser Grafik als "rückständigste" Partei aus, dennoch ist es schlüssig anzunehmen, das die Frauen um Angela Merkel ("Girlscamp") einen hohen Machtfaktor in der Partei darstellen. Zumindestens bis zum Rücktritt von Frau Schavan, und auch auf Landesebene gibt es die ein oder andere Ministerpräsidentin. Bei der SPD mit einem fast doppelt so hohen Frauenanteil in der Fraktion im Vergleich zur Union und dennoch eigentlich alle wesentlichen Positionen mit Männern besetzt. Exponenten der Weiblichkeit ist eindeutig nur Frau Kraft und vielleicht noch mit Abstrichen Frau Nahles, da in der Partei auch nicht unumstritten und als Zukunftshoffnung Frau Schleswig. Männliche Machtfaktoren: Steinbrück, Gabriel, Oppermann und mittlerweile geschwächt für die Ost-SPD Wowereit und Platzeck, wobei dies kleine Landesverbände sind. In der Politik wie in der Wirtschaft gilt, es setzt sich der an die Spitze der den nötigen Stallgeruch und Netzwerk hat, sowie auch ein bisschen Glück. Niemand sollte wegen seines Geschlechts benachteiligt werden, aber eine Bevorzugung ist ebenso abzulehnen.
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Zum Autor
Hauke Janssen (Jahrgang 1958) leitet seit 1998 die Abteilung für Dokumentation beim SPIEGEL. Er ist Sachbuchautor, insbesondere veröffentlichte er Werke zum Themenkomplex der Volkswirtschaft im Deutschland der dreißiger Jahre.