Münchhausen-Check: Schäuble, Excel und die Sparpolitik

Von Hauke Janssen

Finanzminister Schäuble: "Ab einem bestimmten Grad beeinträchtigt eine zu hohe Staatsverschuldung das Wachstum" Zur Großansicht
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Finanzminister Schäuble: "Ab einem bestimmten Grad beeinträchtigt eine zu hohe Staatsverschuldung das Wachstum"

Finanzminister Schäuble begründete seine Sparpolitik einmal so: Eine Studie habe gezeigt, dass "eine zu hohe Staatsverschuldung das Wachstum beeinträchtigt". SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Faktencheck: Muss der Sparmeister sich korrigieren?

Wenn es an der Zeit war, Haushaltsdisziplin und Schuldenabbau zu verteidigen, verwies Wolfgang Schäuble gern auf die Ergebnisse der Untersuchung "Growth in a Time of Debt" ("Wachstum in Zeiten der Verschuldung") von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, dem ehemaligen IWF-Chefökonomen.

So antwortete der deutsche Finanzminister etwa dem "Wall Street Journal" auf die Frage, ob der Europäische Fiskalpakt, Konjunkturpakete gegen die Rezession verbieten will: "Wir haben sehr sorgfältig die Untersuchung von Rogoff und Reinhart gelesen. Sie haben empirisch belegt, dass ab einem bestimmten Grad eine zu hohe Staatsverschuldung das Wachstum beeinträchtigt".

Tatsächlich waren die beiden heutigen Harvard-Professoren nach einer Auswertung historischer Datenreihen zu dem Resultat gelangt, dass sich das Wachstum hoch entwickelter Volkswirtschaften merklich verlangsamte, sogar zum Erliegen kam, wenn die Schuldenquote stieg und schließlich den Schwellenwert von 90 Prozent des BIP überschritt.

Das deckte sich in etwa mit dem, was Schäuble, die EZB, der IWF und die größere Hälfte der Ökonomen ohnehin seit langem dachten.

So wundert es nicht, dass man in Ministerien, Seminaren und Redaktionsstuben die Studie bald als den "wichtigsten Forschungsbericht in der Schuldenkrise" feierte, als den wissenschaftlichen Beweis für die Richtigkeit der beim niederen Volke so ungeliebten Sparpolitik.

Die 90-Prozent-Grenze geriet dabei zur "magischen Zahl", zu einem Dogma, das quasi Gesetzesrang beanspruchte. Doch Gesetze gibt es in den Naturwissenschaften, die Ökonomie kennt nur Faustregeln und Tendenzen, die man allerdings gern Gesetze nennt, wohl um ein wenig vom Glanze (und von den Forschungsgeldern) der 'harten' Wissenschaften einzufangen.

Auch die "90-Prozent-Grenze" ist nur eine wissenschaftlich aufgeputzte Faustregel, deren Gültigkeit man nicht mit der eines physikalischen Gesetzes verwechseln darf.

Seit Karl Poppers "Logik der Forschung" (1934) gilt es als ein Kriterium von Wissenschaftlichkeit, ob eine Theorie in der Lage ist, einen empirisch überprüfbaren Satz zu benennen, von der Art, dass man bereit wäre, die Theorie als widerlegt zu betrachten, sollte ein kritischer Test diesen Satz nicht bestätigen.

Ist eine Lehre dazu nicht in der Lage, scheidet sie aus dem Kreise der Wissenschaften aus. Das betrifft etwa die Theologie oder nach Poppers Meinung: die Psychoanalyse.

Wurde der Test bestanden, hat die Theorie sich bewährt und darf als vorläufig richtig gelten, bis es endlich gelungen ist, sie zu falsifizieren und durch eine neue zu ersetzen.

Natürlich wollen die Ökonomen zu den echten Wissenschaften zählen

Mitte des 20. Jahrhundert waren es die konkurrierenden Anhänger von John M. Keynes und Milton Friedman, die mittels eines immer komplizierter werdenden mathematischen und statistischen Apparats die Verwissenschaftlichung der Ökonomie vorantrieben.

So lud eines Tages der gewiefte Statistiker Friedman, der Popper genau studiert hatte, die Keynesianer zu einem kritischen Test ein, den diese, angeführt von Franco Modigliani, akzeptierten - unvorsichtigerweise auch Friedmans Test-Bedingungen.

Friedmans empirische Studien (1963/64) ergaben, dass dessen Geldlehre weitaus besser mit den Fakten in Einklang zu bringen war als die keynesianische Theorie.

Das geschah vor dem Hintergrund, dass die Neoliberalen die Erfolge einer kreditfinanzierten Wachstumspolitik bezweifelten und stattdessen für eine regelgebundene Politik votierten, die den Handlungsspielraum der Wirtschaftspolitiker begrenzen sollte.

Wer nun aber glaubt, die Keynesianer seien wegen eines verlorenen Test scharenweise zum Monetarismus konvertiert, ist ebenso naiv, wie jemand, der annimmt, dass Dortmund-Fans plötzlich in Blau-Weiß gehen, nur weil sie von Schalke besiegt worden sind. (Allerdings fällt es dem Sieger leichter, neue Anhänger zu gewinnen).

Es gleichen sich die Bilder von 1963 und 2013

Als 2010 die Reinhart/Rogoff-Studie erschien, beflügelte sie gleich einem gewonnenen Test à la Popper alle diejenigen, die glaubten, dass Staatschulden schädlich sind und der Staat von Konjunkturspritzen besser die Finger lässt.

Doch im April 2013 wurde bekannt, dass die US-Ökonomen Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin bei einer übungsweisen Überprüfung der Studie auf einige Fehler im Handling von Excel und andere Merkwürdigkeiten gestoßen waren: Reinhart und Rogoff hatten sich schlicht verrechnet.

Herndon, Ash und Pollin korrigierten das Ergebnis. Nun betrug das durchschnittliche Wachstum der Länder oberhalb der 90-Prozent-Schwelle nicht bedrückende -0,1 Prozent, sondern beachtliche + 2,2 Prozent. Zum Vergleich: Bei den vergleichsweise sparsamen Ländergruppen rangierte das durchschnittliche Wachstum zwischen 3,1 und 4,2 Prozent.

Das Wachstum hoch verschuldeter Länder ist also gar nicht dramatisch niedriger

Für den Vorsitzenden der SPD-Europaparlamentarier Udo Bullmann Grund zu verkünden: "Die Staatsschuldenlüge ist nicht mehr haltbar". Doch Herr Bullmann kann seine Trompete wieder einpacken. Der Re-Test verlief eher unentschieden und harrt der Verlängerung

Doch selbst wenn es Reinhart/Rogoff gelingen sollte, mit einer überarbeiteten Fassung ihre These neu zu rechtfertigen, bleibt ein gewichtiger Einwand bestehen: Der empirische Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum sagt nichts über Ursache und Wirkung aus.

Warum sollen hohe Schuldenquoten nicht eine Folge geringen Wachstums sein?

Darauf wiesen der frühere Unctad-Chefvolkswirt Heiner Flassbeck und Nobelpreisträger Paul Krugman hin, und letzterer wartet, wie er sagt, noch immer auf die Antwort Rogoffs.

Ähnlich wie Krugman hatte vor über vierzig Jahren bereits James Tobin argumentiert, damals gegen Friedman, und Rogoff wird den berühmten Tobin-Aufsatz gut kennen, war dieser doch sein Doktorvater.

Fazit: Wie Rogoff erfolgreich Tobin ignoriert hat, wird auch Schäuble seine Sparpolitik nicht ändern, nur weil ein paar Rechen-Fehler die Aussagekraft einer Studie schwächen. So soll Schäuble noch am Wochenende in Washington für eine Selbstverpflichtung der G-20-Nationen geworben haben, die Staatsschulden mittelfristig auf 90 Prozent des BIP zu beschränken.

Note: Schäubles 'wissenschaftliche' Begründung der Sparpolitik hat an Überzeugungskraft eingebüßt. Nicht mehr und nicht weniger (3).

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1. Ein sehr interessanter Artikel, dank, Hauke Janssen
Gerdtrader50 27.04.2013
Natürlich sind die Ökonomietheorien keine harten Wissenschaften. Von allem, was ich dazu je zur Kenntnis nahm, kommt jedoch die keynesianische, auf die Neuzeit modifizierte auf die besten zu erzielenden Ergebnisse. Bedauerlicherweise wurden nie alle Aspekte dieser Theorie verstanden, zumindest nicht von Europäern und erst recht nicht von Deutschen. Während andere Staaten wenigstens noch den Teil der erhöhten Investitionen zu rezessiven Zeiten verstanden, die Zielsetzungen, Laufzeiten und notwendigen Kapitalisierungshöhen, so vergassen sie im zweiten Teil immer die Rückführung der gemachten Staatsschulden, welche durch die wiederbelebte Wirtschaft und höhere Steuern und Abgaben hätte geleistet werden können. Das sind die Gründe, warum die Staatsverschuldungen aller Industrienationen stetig rapide stiegen. Die Blase platzt irgendwann, kein Zweifel. Alle andere Theorien sind der keynesianischen unterlegen und zeitigen nicht die Erfolge derselben. Wenn dann natürlich die grossen Keyne-Versteher der BRD Konjunkturprogramme mit 10 % der erforderlichen Finanzhöhe generieren, diese dann 2 Jahre in der Laufzeit setzen, obschon mindestens 7 Jahre erforderlich sind, um relevante Wirkungen zu erzielen, auch die Zielsetzungen falsch branchenbezogen setzen anstatt allgemeine, notwendige Ziele, kann es ja nicht funktionieren und wurden diese Programme meines Erachtens sowohl in den 70 ern als auch von Merkel rein alibihalber gesetzt in der perfiden Absicht, von den Booms des Restes der Welt durch orderntliche Programme erzeugt, zu partizipieren. Auch die Schulden wurden nie zurückgeführt, auch nicht zu guten Zeiten. Aber, diese in den Rezessionen versuchen, zurückzuführen, kann nicht funktionieren. Kommt dann noch zu falscher Wirtschafts-, Finanz-, Monetar-, Arbeitsmarkt- und Fiskalpolitik die falsche Währung hinzu, die in der gleichen Ahnungslosigkeit über Wirkungen solcher Multinationalwährungen gegründet wurde, ist es ganz Essig. Euroland insbesondere und die EU insgesamt werden in den nächsten 10 Jahren den Billiglohnwettbewerb mit Asien und Afrika verlieren und in China und in Uganda werden immer noch Prekariate wenig verdienen und alle Versuche der Neoliberalen, die Volkseinkommen weiter zu drücken werden scheitern, die Binnenmärkte Europas wären mit richtiger politischer Behandlung in boomende Märkte zu verwandeln und die stetigen Exporte in Übersee im Verhältnis inländischer Umsätze (dann halt eurozonenmässig) dürften schon ein wenig vom Export zu Binnenumsätzen verlagert werden, ohne dass die Exportnation zusammenbricht. Bei Befehlen zu rezessiven haushaltssanierungsprogrammen brechen die südlichen Staaten zusammen und auch die hochgelobte BRD wird sich insgesamt dem Trend nicht entziehen könnnen. Es drohen Bürgerkriege, Volksaufstände und ähnliches. Die einigende Wirkung des Währungsschrottes ist eine fundamentale Lüge der "Eliten" - Nervenpicker mit ihren "hohen" Intelligenz. Und logisch erhöhen Rezessionen die Schulden, Sparprogramme zu Unzeiten haben die gleiche Wirkung. Erinnert sich noch irgendjemand an die antizyklische Finanzpoltiik ? Wat is dann dat, fragt der Schäuble, dat ich nie gehört.
2. Kaffeesatzlesen
axel.hag 27.04.2013
Waere sicher auch zur Wissenschaft erklaert worden, wenn damit das Kaffeegeschaeft beeinflussbar wuerde
3. Der Bauch
cato-der-ältere 27.04.2013
Sachargumente werden IMMER nur eingesetzt um das was einem in den Kram passt zu untermauern. Der Bauch hat stets die Kontrolle, nicht das vernünftige Männchen im Oberstübchen! Und der Bauch sagt Schäuble, Merkel und den neoliberalen FDP-Boys: es ist ist nicht cool dass man die Möglichkeit sich unbegrenzt zu bereichern auch nur ein wenig einschränkt. Was wäre die Welt sonst für ein Jammertal, das glänzende Glücksversprechen bekäme Flecken. Und daher muss man die Reichen mit Samthandschuhen wie kostbare Orchideen anfassen. Sie verkörpern mehr als jeder sonst die Idee vom Glück. Und wenn dann kein Geld mehr da ist, egal warum, Bankenzockerei, ökonomische Verwerfungen oder sonst was, muss GESPART werden, seitens derjenigen natürlich die ohnehin wenig oder fast nichts haben. Weder Steuererhöhungen noch Kredite kommen in Frage. Punkt. Und wenn man dann eine derart Ehrfurcht gebietende, graue Eminenz wie Schäulle ist, die sogar lesen kann, dann streckt man vor dieser sofort die Waffen wenn sie so einen eminenten Forschungsbericht zitiert.
4. Stur auf Kurs
awbferdi 27.04.2013
Zitat von sysopDPAFinanzminister Schäuble begründete seine Sparpolitik einmal so: Eine Studie habe gezeigt, dass "eine zu hohe Staatsverschuldung das Wachstum beeinträchtigt". SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Faktencheck: Muss der Sparmeister sich korrigieren? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/faktencheck-zu-wolfgang-schaeubles-sparpolitik-a-895740.html
Klar muss er sich korrigieren. Bis zum September hat er noch Zeit dazu. Bis dahin können sich auch die Wirtschaftswissenschaftler streiten wie sie wollen. Rechenfehler nicht ausgeschlossen. Aber die Politik sollte nicht nur auf Excel-Tabellen setzen, weil die nämlich falsch sein könnten. Es gibt immer eine Alternative. Grüezi. F.
5. Cui bono?
jj2005 27.04.2013
Was gerne vergessen wird: Zu jedem Schuldner (hier: der Staat und seine Buerger, pardon: Steuerzahler) gibt's einen Glaeubiger. Wer genau das ist, weiss natuerlich keiner, schon garnicht Herr Schaeuble, aber klar ist, dass das nicht die Hartz IV-Fraktion ist, und klar ist auch, dass die Glaeubiger ganz schoen abkassieren. Nicht gerade heute und in Deutschland, denn die Zinsen fuer deutsche Staatsanleihen sind unverschaemt niedrig, aber die "reichen" Suedlaender zahlen sich dumm und daemlich. Deswegen, unabhaengig von der Theorie, lieber Staatsverschuldung runterfahren und die Budgetluecke mit Steuern schliessen, vorzugsweise mit solchen, denen sich auch die Oberklasse nicht entziehen kann. Z.B. Energiesteuern fuer Privatjet, Speedboat und das Schloesschen im Wald, und/oder Grundsteuer, Erbschaftssteuer und Vermoegensteuer, jeweils mit grosszuegigen Freibetraegen.
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Zum Autor
Hauke Janssen (Jahrgang 1958) leitet seit 1998 die Abteilung für Dokumentation beim SPIEGEL. Er ist Sachbuchautor, insbesondere veröffentlichte er Werke zum Themenkomplex der Volkswirtschaft im Deutschland der dreißiger Jahre.