Münchhausen-Check: Deutschland rechnet sich arm

Von Hauke Janssen

Bundesbank-Studie löst "Pseudo-Hype" vom Armenhaus Deutschland aus Zur Großansicht
dapd

Bundesbank-Studie löst "Pseudo-Hype" vom Armenhaus Deutschland aus

Nach dem Armutsbericht der Bundesregierung schafft nun der Reichtumsbericht der Bundesbank Verwirrung. SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Faktencheck: Sind Deutsche tatsächlich viel ärmer als Spanier oder Italiener?

Als hätten Angela Merkel und Wolfgang Schäuble Regie geführt: Just als die Empörung über die Geldwaschanlage Zypern in Solidarität mit Europas Kleinsparern umzuschlagen drohte, legte die Bundesbank eine lang erwartete Studie ("Private Haushalte und ihre Finanzen") vor, bestens geeignet, um das heimische Mitleid mit den notleidenden Staaten in engen Grenzen zu halten.

Nicht nur Claus Kleber im ZDF-"heute-journal" reagierte prompt auf die "wirklich überraschenden Ergebnisse": "Die Deutschen, die doch allen anderen helfen sollen", so hieß es, "haben statistisch weniger Vermögen als Menschen in Spanien, Italien und anderswo."

Und "RTL-News" brachte die Stimmung auf den Punkt: Die "hart arbeitenden Deutschen" - der Filmeinspieler zeigt dazu eine hart am Mindestlohn arbeitende Friseurin - "unterstützen mit ihren Steuern die viel reicheren Privathaushalte in Europas Krisenländern".

SPD-Fraktionsvize Joachim Poß forderte deshalb: "Bevor das Geld der europäischen Steuerzahler eingesetzt wird, sollten Länder, die Hilfen wollen, stärker auf die vorhandenen privaten Reichtümer zurückgreifen."

Ländervergleich ist mit Vorsicht zu genießen

Für Verwirrung sorgte, dass die Studie der Bundesbank neben dem Durchschnitt den sogenannten Median der Vermögenswerte der privaten Haushalte in den Fokus rückte. Der Median ist der Wert, der exakt in der Mitte einer Zahlenreihe steht, wenn man diese ihrer Größe nach sortiert.

Ob Median oder Durchschnitt aussagekräftiger sind, hängt vom jeweiligen Erkenntnisinteresse ab. Interessiert die Stellung eines typischen Haushalts innerhalb einer Verteilung, ist der Median vorzuziehen. Will man aber nur wissen, wie viel Vermögen rechnerisch im Schnitt auf einen beliebigen deutschen, italienischen oder spanischen Haushalt kommt, nimmt man das arithmetische Mittel.

Wenn die "RTL-News" also verkündeten, dass laut Bundesbank "Italiener im Mittel dreimal so vermögend seien wie Deutsche", dann führte das in die Irre. Denn die Bundesbank meinte nicht etwa, wie die Formulierung vermuten lässt, das Durchschnittsvermögen - ein solches ist für Italien in der Studie gar nicht angegeben -, sondern den Median.

Die großen Länder der Euro-Zone und Österreich auf einen Blick
Deutschland Frankreich Spanien Italien Österreich
Durchschnitt Nettovermögen in € 195.200 229.300 285.800 k.a. 265.000
Median Nettovermögen in € 51.400 113.500 178.300 163.900 76.400
Quelle: Deutsche Bundesbank
Viele Redaktionen meldeten sogleich Zweifel an dem oben abgebildeten, "verblüffenden Ergebnis" an. Selbst die "Bild" blieb skeptisch - zu Recht?

Schon die Bundesbank selbst hat eine Reihe methodischer Gründe angegeben, weshalb der, gleichwohl von ihr präsentierte, Ländervergleich mit Vorsicht zu genießen sei:

  • So seien etwa die im Laufe eines Arbeitslebens erworbenen Rentenansprüche und weitere Leistungen der gesetzlichen Sozialversicherung nicht berücksichtigt - hierzulande bei den ärmeren Haushalten in der Regel der wichtigste Vermögensgegenstand.
  • Die Erhebung der spanischen Daten stamme aus dem Jahre 2008, also aus einer Zeit, bevor sich die Finanzkrise und die steil angestiegene Arbeitslosigkeit auf die Vermögen, insbesondere die Immobilienvermögen, auswirken konnten. Und sind es doch gerade die Immobilienvermögen, die in der Studie den Unterschied zwischen den deutschen und spanischen Privatvermögen ausmachen.

Der Blick auf Westdeutschland rückt das Bild zurecht

Unser Faktencheck ergab darüber hinaus, dass das in der neuen Bundesbank-Studie ermittelte private deutsche Nettovermögen um knapp 30 Prozent geringer ist, als das in der üblichen gesamtwirtschaftlichen Vermögensbilanz ausgewiesene. Denn laut Statistischem Bundesamt betrug das Nettovermögen (=Reinvermögen) der deutschen privaten Haushalte 10,221 Billionen Euro (2011). Bei 81,7 Millionen Einwohnern bedeutet dies ein durchschnittliches Pro-Kopf-Vermögen von gut 125.000 Euro und gut 250.000 Euro pro Haushalt.

Von der Bundesbank in Bezug auf die Ergebnisse nicht groß weiter problematisiert wurde zudem die Tatsache, dass nicht Einzelpersonen, sondern Haushalte betrachtet wurden.

Der Unterschied ist aber von Bedeutung, wie zunächst ein Beispiel aufzeigen soll:

Nehmen wir an, es gibt zwei Länder, A und B, in denen die privaten Vermögen gleich verteilt sind: Jeder Einwohner hat ein Vermögen von 1 Euro. Pro Einwohner gesehen, betragen also Median und Durchschnittsvermögen 1 Euro.

Im Land A leben 14 Menschen, und zwar in 6 Single-Haushalten und 4 Zwei-Personen-Haushalten. Im Land B leben 16 Menschen, und zwar in 4 Single-Haushalten und 6 Zwei-Personen-Haushalten.

Wie hoch sind Median- und Durchschnittswerte für die Haushalte?

Antwort: Im Land A beträgt das Durchschnittsvermögen pro Haushalt 1,4 Euro, in Land B aber 1,6 Euro. Der Median liegt in Land A bei 1 Euro, in Land B bei 2 Euro, also dem Doppelten - obwohl alle Menschen exakt das gleiche Vermögen besitzen!

Mit anderen Worten: je mehr Mitglieder im Haushalt, desto höher das Haushaltsvermögen, jedenfalls tendenziell.

Bei Eurostat lassen sich die durchschnittlichen Haushaltsgrößen der europäischen Länder leicht ermitteln. Das ermöglicht uns einen Vergleich des jeweiligen privaten Durchschnittsvermögens pro Kopf. Wir bekommen folgende Tabelle:

Haushaltsgröße Nettovermögen privater Haushalte Nettovermögen pro Kopf
Durchschnitt Durchschnitt Durchschnitt
Deutschland 2,0 195.200,00 € 97.600,00 €
West 2,0 230.240,00 € 115.120,00 €
Spanien 2,7 285.500,00 € 105.740,74 €
Italien 2,4 k.a. k.a.
Frankreich 2,2 229.300,00 € 104.227,27 €
Österreich 2,3 265.000,00 € 115.217,39 €
Blicken wir auf Westdeutschland, dann ist das Bild zurechtgerückt: Die Privatvermögen der Wessis sind im Pro-Kopf-Durchschnitt höher als die in Spanien und Frankreich. Setzen wir gar den Wert aus der gesamtwirtschaftlichen Vermögensbilanz von 125.000 Euro pro Kopf für Deutschland ein, dann stehen wir auch besser da als Österreich.

Falscher Alarm also? Ja und nein. Soweit der "Alarm" die Durchschnittsvermögen betrifft, war er voreilig und übertrieben. Die deutliche Differenz zwischen Durchschnitts- und Medianwerten sagt aber ganz unabhängig vom Ländervergleich wichtiges über die (Un)Gleichheit der Vermögensverteilung aus - und da schneidet Deutschland sehr schlecht ab.

Die größere Ungleichheit der Vermögensverteilung hierzulande aber dürfte uns kein Anlass sein, die Gerichtsvollzieher gen Süden schicken zu wollen.

Fazit: Einen belastbaren Vergleich der durchschnittlichen Privatvermögen der Deutschen, Italiener und Spanier bietet die Bundesbankstudie kaum.

Urteil: Der eigentliche Wert des Berichts ist im "Pseudo-Hype" vom Armenhaus Deutschland leider vorerst untergegangen. Note vier minus für die Öffentlichkeitsarbeit der Bundesbank.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 465 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Es gibt kein Armutsproblem...
nuerz 29.03.2013
...es gibt ausschließlich ein Verteilungsproblem. Hier und weltweit.
2. Spon rechnet uns reich
rugall70 29.03.2013
"Deutschland rechnet sich arm" heißt der Artikel. Richtig müsste es lautet: "Spon rechnet uns reich". Da werden so lange die Zahlen hin und her geschoben, bis es endlich passt. Dass man dann nur den "reichen" Westen zählt, als würde der Osten nicht zu Deutschland gehören, ist dann allerdings der Gipfel. Mit gleichem Recht könnte man den armen Süden Italiens einfach mal aus der Statistik nehmen und behaupten, dass die Italiener in Wirklichkeit ja viel reicher seien.
3. Gedankenfutter
Horst aus Wien 29.03.2013
Zitat von sysopNach dem Armutsbericht der Bundesregierung schafft nun der Reichtumsbericht der Bundesbank Verwirrung. SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Faktencheck: Sind Deutsche tatsächlich viel ärmer als Spanier oder Italiener? Faktencheck zur Bundesbank-Studie: Private Haushalte und ihre Finanzen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/faktencheck-zur-bundesbank-studie-private-haushalte-und-ihre-finanzen-a-890877.html)
Abgesehen davon dass man eben keiner Statistik trauen sollte, die man nicht selbst gefälscht hat (Churchill), war das mal ein angenehm unaufgeregter Blick auf viele nackte Zahlen. Was nicht so einfach messbar ist - was ist denn der Gegenwert der finanziellen Mittel im jeweiligen Land? Wie hat der jeweilige Staat das den Bürgern abgeknöpfte Steuergeld verwendet? Wie ist die Tragkraft der sozialen Systeme? Und da wage ich mal die Aussage dass die meisten nordeuropäischen Staaten sehr gut aufgestellt sind. Was hab ich vom (an eine Immobilie gebundenen) rechnerischen Vermögen wenn ich zum Beispiel eine langwierige medizinische Behandlung nach modernsten Standards benötige? Was bringen mir die rechnerischen Tausender wenn nicht einmal die Müllabfuhr in meinem Viertel richtig funktioniert? Und kann ich eine Amtsleistung in Anspruch nehmen ohne einen prall gefüllten Umschlag auf der Theke liegen lassen zu müssen?
4. Rechenspielchen!
Spiegelleserin57 29.03.2013
Die Leistungen der Rentenversicherung und gesetzlichen Sozialversicherung können nicht in Berechnung mit einfließen da sie den Haushalten gar nicht zur Verfügung stehen. Außerdem werden aus dem Topf der Rentenversicherung auch rentenfremde Leistungen bezahlt. Auch die Sozialversicherungen sthen den Haushalten gar nicht real zur Verfügung da ein Haushalt nur das nutzen kann auf das er auch zugereifen kann. Man sollte schon die Nettoeinkommen und die Vermögen der Haushalte sehen. Alles andere ist Augenwischerei und gibt kein realistisches Bild unserer Haushalte ab. Jeh nachdem was man hören möchte wird die Statistik erstellt, ein Witz! Interessant ist die Verschuldung der Haushalte, auch sie zeigt ein wesentlich realistischeres Bild. Bei der derzeitgen Lage ist auch niemand sicher ob wir überhaupt noch etwas von der eingezahlten Rente sehen. Solche Berechnung auch die im Artikel sind wirklich irritierend und es stellt sich die Frage wofür die Berechnungen überhaupt erstellt wurden. Zur Beruhigung des Volkes dienen sie nicht. Letztendlich weiß bei jeder Bürger wie viel oder wenig Geld und Vermögen er hat. eines ist sicher : in Regel werden wir nicht unbedingt reicher.
5. der
kielerin78@icqmail.com 29.03.2013
der ärmeren Leute wird in DE ständig gekürzt und nach unten manipuliert. Und das verkaufen wir den Leuten noch als Vermögensgegenstand?? Da kommt doch nachher nur noch GRUSI auf Hartz IV Niveau bei raus - das soll ein Vermögen sein? ------------------------- So seien etwa die im Laufe eines Arbeitslebens erworbenen Rentenansprüche und weitere Leistungen der gesetzlichen Sozialversicherung nicht berücksichtigt - hierzulande bei den ärmeren Haushalten in der Regel der wichtigste Vermögensgegenstand.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Münchhausen-Check
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 465 Kommentare
Zum Autor
Hauke Janssen (Jahrgang 1958) leitet seit 1998 die Abteilung für Dokumentation beim SPIEGEL. Er ist Sachbuchautor, insbesondere veröffentlichte er Werke zum Themenkomplex der Volkswirtschaft im Deutschland der dreißiger Jahre.