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Neue Spuren: Ex-Chefermittler sieht Mordverdacht im Fall Barschel erhärtet

Im Fall Uwe Barschel haben Fahnder neue DNA-Spuren mindestens eines Unbekannten entdeckt - der ehemalige Chefermittler sieht nun den Mordverdacht erhärtet. Die Staatsanwaltschaft Lübeck müsse tätig werden. Die aber nennt die Spuren unbrauchbar.

Polizisten im Oktober 1987 mit Barschels Leichnam: War es Mord? Zur Großansicht
AP

Polizisten im Oktober 1987 mit Barschels Leichnam: War es Mord?

Kiel/Lübeck - Wurde Uwe Barschel ermordet? Der frühere Chefermittler in dem Fall, Heinrich Wille, glaubt, dass das Auftauchen neuer Gen-Spuren zu neuen Erkenntnissen führen könnte, wie Barschel ums Leben kam. Die Spur eines Fremden in dem Genfer Hotelzimmer, in dessen Badewanne die Leiche des früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Barschel im Oktober 1987 gefunden wurde, sei eine Bestätigung der damaligen Ermittlungen, sagte der pensionierte Staatsanwalt Heinrich Wille der Zeitung "Die Welt". Schon damals sei er zu dem Schluss gekommen, dass Barschel in der Todesnacht nicht allein in dem Zimmer war.

Wille forderte die Lübecker Staatsanwaltschaft auf, die neuen Erkenntnisse mit der Datenbank für genetische Fingerabdrücke des Bundeskriminalamtes (BKA) abzugleichen. "Das ist einen Versuch wert, zumal sich für mich der Anfangsverdacht auf Mord im Laufe der Ermittlungen erhärtet hat. Das bedeutet, dass das Verfahren wieder aufgenommen werden muss, wenn es neue Erkenntnisse gibt", sagte der mittlerweile pensionierte Staatsanwalt.

Keine neuen Ermittlungen

Der Lübecker Oberstaatsanwalt Ralf Peter Anders erteilte neuen Ermittlungen eine klare Absage. "Die DNA-Spuren sind rudimentär und im schlechten Zustand." Diese könnten deshalb nicht in der BKA-Datenbank eingestellt werden. Das sei technisch nicht möglich, da sei die Stellungnahme des Landeskriminalamtes (LKA) eindeutig, so Anders.

Außerdem stammten die Spuren von "zumindest zwei Spurenlegern". Er könne nach dem LKA-Gutachten nicht bestätigen, dass sie nur von Barschel und einem Fremden kämen, sagte der Oberstaatsanwalt. Es handele sich um sogenannte schwache Mischspuren, die sowohl vom Opfer als auch von fremden Personen stammten. Es sei normal, dass fremde DNA auf der Kleidung von Menschen nachgewiesen werden könne, die zuvor zum Beispiel auf einem Stuhl gesessen haben.

Technisch möglich sei es allerdings, DNA-Proben von Personen mit dem auf Barschels Kleidung gefundenen Genmaterial abzugleichen. Dies sei rechtlich aber nur erlaubt, wenn ein konkreter Tatverdacht vorliegt. "Wir haben und hatten aber keinen Tatverdächtigen." Deshalb könne er nach der Strafprozessordnung nicht ermitteln, sagte der Oberstaatsanwalt, "es liegt nicht an politischen Gründen".

Spuren an Socken, Krawatte und der Strickjacke

Barschel starb laut Obduktion an einer Medikamentenvergiftung. Bis heute rätseln Ermittler, ob er sich wenige Wochen nach seinem Rücktritt als Kieler Regierungschef in der sogenannten Waterkant-Affäre selbst umbrachte oder ermordet wurde.

Am Wochenende war bekannt geworden, dass Spezialisten des Landeskriminalamtes Kiel an der Kleidung des Toten die DNA eines Unbekannten sichergestellt haben. Demnach hinterließ ein und dieselbe Person Spuren an Socken, Krawatte und der Strickjacke Barschels.

Die Staatsanwaltschaft in Lübeck hatte 1998 in ihrem Abschlussbericht erklärt, es gebe derzeit keine Perspektive für weitere Untersuchungen, sie könne aber jederzeit wieder ermitteln. Die Anklagebehörde war nach den neuen Berichten zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Zahlreiche Beweisstücke, die 1987 von den Ermittlern am Fundort der Leiche Barschels sichergestellt und kriminaltechnisch untersucht worden waren, lagerten bis 1995 in der Schweiz. Danach wurden die Gegenstände der Staatsanwaltschaft in Lübeck übergeben. Im Zuge der neuen Begutachtung wurde 2011 öffentlich, dass ein auf dem Hotelbett Barschels sichergestelltes Haar aus der Lübecker Asservatenkammer verschwunden war und somit nicht mehr untersucht werden konnte.

anr/heb/dpa/dapd

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