Fall Drygalla: Friedrich rückt von Demokratiebekenntnis für Sportler ab

"Es soll keine Gesinnungsschnüffelei geben": Innenminister Friedrich hat Pläne für ein mögliches Demokratiebekenntnis von Sportlern verworfen. Mit dem Fall Drygalla habe das aber nichts zu tun, heißt es.

Innenminister Friedrich (beim Besuch der olympischen Spiele): Kein Demokratiebekenntnis Zur Großansicht
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Innenminister Friedrich (beim Besuch der olympischen Spiele): Kein Demokratiebekenntnis

Berlin - Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat entschieden, Pläne zur Einführung eines Demokratiebekenntnisses für Spitzensportler nicht weiter zu verfolgen. Entsprechende Überlegungen auf Arbeitsebene des Ministeriums würden zu den Akten gelegt, sagte ein Sprecher am Mittwoch. Er bestätigte damit einen Bericht der "Süddeutschen Zeitung".

"Es soll keine Gesinnungsschnüffelei im Umfeld von Sportlern geben", sagte Friedrichs Sprecher weiter. Die Überlegungen waren nach dem Wirbel um die Ruderin Nadja Drygalla bekannt geworden, die wegen ihrer Beziehung zu einem früheren NPD-Mitglied die Olympischen Spiele verlassen hatte. Mit dem Fall Drygalla habe das alles aber nichts zu tun, hieß es im Innenministerium. Die Pläne hatten heftige Kritik vor allem in der Opposition und auch bei Sportvertretern ausgelöst.

Das Ministerium wies jetzt darauf hin, dass in der Satzung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) ein Bekenntnis gegen Rassismus, Verfassungs- und Fremdenfeindlichkeit enthalten sei. Michael Vesper begrüßte die Entscheidung des Ministeriums. "Selbstverständlich kämpfen wir gegen Rechtsextremismus und Rassismus, und das ist in unseren Satzungen auch festgeschrieben. Von daher wäre eine solche Klausel aus meiner Sicht überflüssig", sagte der Chef de Mission des deutschen Olympia-Teams.

Die Bundeswehr bestätigte unterdessen, dass Drygalla vor den Olympischen Spielen zur Aufnahme in die Sportförderung vorgesehen war, dieser Antrag aber am 2. August vom Deutschen Ruderverband (DRV) zurückgezogen wurde. Weiter hieß es, Drygalla werde damit nicht zum freiwilligen Wehrdienst eingezogen. Das könne sich aber auch wieder ändern. "Dies ist ausschließlich Sache der Sportverbände und von Frau Drygalla."

Cohn-Bendit kritisiert öffentliche Debatte

Die Bundeswehrkreise bestätigten auch einen Bericht der "Welt", wonach die 23-jährige Ruderin am 17. Juli bereits vom Kreiswehrersatzamt in Schwerin gemustert worden war. Die Musterung fand in Lüneburg statt. Daraufhin sei der "Heranziehungsbescheid" zum Antritt des Wehrdienstes am 1. September ergangen.

Drygalla war während der Spiele nach einem Gespräch mit der deutschen Teamleitung freiwillig von den Sommerspielen in London abgereist. Am Sonntag hatte sie sich öffentlich deutlich von der rechtsradikalen Szene distanziert. Der Verband werde weitere Erkenntnisse der Sicherheitsorgane sammeln, hatte der DRV-Vorsitzende Siegfried Kaidel angekündigt.

Der Grünen-Politiker und Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit kritisierte die öffentliche Debatte im Fall Drygalla. "Ich finde, die Frau kann eine Beziehung haben, mit wem sie will, wenn sie selbst - und dafür gibt es ja keine Hinweise - nicht mit rechten oder faschistoiden Sprüchen an die Öffentlichkeit gegangen ist", sagte Cohn-Bendit der Wochenzeitung "Zeit" und warnte vor "Gesinnungsschnüffelei".

Cohn-Bendit forderte zudem die deutschen Sportverbände auf, sich stärker mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. "Faschistische Traditionen hat es in der deutschen Leichtathletik wie im Deutschen Turnerbund gegeben. Da vermisse ich bis heute die Auseinandersetzung der Sportverbände", sagte der Grünen-Politiker.

phw/dpa

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Schon merkwürdig,
fritzkatzfuß 08.08.2012
wenn Danny le Rouge die einzige moralische Instanz mit Kompass ist. Trotzdem Bravo. Volle Zustimmung in diesem "Fall". Apropos: es ist natürlich eine Geschmacklosigkeit vom SPIEGEL sondergleichen von einem "Fall Drygulla" zu sprechen, es gibt keinen Fall, denn es gibt kein Verbrechen und kein Vergehen, sondern nur eine beneidenswert große Liebe und eine tapfere kleine Frau...
2. Was wäre wenn ...
pefete 08.08.2012
Was wäre, wenn Frau Drygalle eine (Gold-) Medaille geholt hätte. Müsste Sie dann auch Spießruten laufen?! Es sieht so aus, als wenn man davon wusste, aber "schaun wir mal, ob sie eine Medaille holt. Wenn ja, OK. Wenn nein, machen wir sie fertig." Art 3 (1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin. (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.
3. Wie wärs mit einem Treuebekenntnis zu Deutschland?
schnitti23 08.08.2012
Und zwar für alle Politiker! Die verscherbeln unser aller Geld und versenken es in Fässer ohne Boden. Also bitte, die Eidesformel lautet doch: "...und Schaden von Deutschland abzuwenden". Warum handelt niemand nach dieser Maxime und stimmt z.B. dem ESM nicht zu?
4. Amateurjuristen am Werk! Klasse!
bernhard-d 08.08.2012
Zitat von pefeteDie Forderung nach einem klaren Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung könnte ohne weiteres zum Boumerang für den DOSB werden - im Falle grüner, sozialdemokratisch und linker Sportler, die sich teilweise sehr engagiert dafür einsetzen, allem, was sie für rechtsextrem halten, die Grundrechte mal eben abzuerkennen. Wer zum Beispiel an einer Sitzblockade gegen Rechtsextreme teilnimmt, oder diese begrüßt, der übt schon Selbstjustiz aus und verstösst gegen das Grundgesetz, welches die Aberkennung der Grundrechte von Verfassungsfeinden ausschließlich dem Bundesverfassungsgericht, nicht aber "fortschrittlichen Schützern der Demokratie" wie Pastören, Journalisten, Kommunal- und Bundespolitikern einräumt. Kurz: Wer andere zum Beispiel an der Wahrnehmung ihres Grundrechts auf Versammlungsfreiheit hindert, bricht nicht nur das Gesetz, sondern stellt die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage! Gut gemeint ist nicht immer auch gut gemacht!
Die Sitzblockade ist die im Grundgesetz verankerte Ausübung des passiven Demonstrationsrechts. Demonstrieren darf man bei uns gegen alles, auch gegen Demonstrationen. Also nix mit Selbstjustiz, was für ein Blödsinn! Im Fall Drygalla sollten sich doch alle, welche sich ob ihres Amtes berufen fühlen zu diskutieren, zu erwägen und zu prüfen doch mal an die eigene Nase fassen. Hätten sie nur annähernd soviel Mark im Kreuz wie diese beachtenswerte junge Sportlerin würden sie sich eine Kugel in den Kopf jagen ob ihrer Dreistigkeit einen bis dato unschuldigen Menschen öffentlich derart durch den Kakau zu ziehen. Denn ihre Leistungen in ihrem Metier reichen scheinbar noch nicht einmal für Platz 80 geschweige denn für Platz 8, den diese junge Dame durch eigene Leistung erreicht hat, auch ohne Referenten und Pressesprecher. Und wie Herr Cohn-Bendit schon angedeutet hat, sollten sich die Herren doch bitte mit der Aufarbeitung fremder Befindlichkeiten zurück halten, so lange sie mit der eigenen Aufarbeitung noch nicht einmal angefangen haben. Da gäbe es wahrlich einiges zu tun. Zum Schluss noch ein Wort zu Mr. Friedrich. Dass dieser werte Herr gerne eigene Süppchen im Hinterzimmer kocht ist ja nun bekannt, zuletzt durch die Bundespolizeispitze. Er ist der bloßen Erwähnung, wie übrigens der überwiegende Rest des Kabinetts ebenfalls, kaum noch wert. Politik von Heute ist doch nur noch micro und soft, bekanntlich sehr erfolgreich aber nicht wirklich zukunftsorientiert und im besten Interesse des Nutzer (Bürger).
5. re
marks & spencer 08.08.2012
Das Demokratiebekenntnis ist auch Käse. Die Leute, die es betrifft, werden eh lügen. Ansonsten war die Verfahrensweise im Fall Drygalla bisher richtig. Meines Erachtens sollte die Bundeswehr genau prüfen, ob man jemanden aufnimmt, der im sich im Dunstkreis von Extremisten bewegt.
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