Fall Litwinenko Der Todesbote in der Haseldorfer Marsch

Bevor Dmitrij Kowtun in London den Ex-Agenten Litwinenko traf, verbrachte er eine Nacht auf einem ehemaligen Apfelhof in der Haseldorfer Marsch bei Hamburg. Auf dem Anwesen wurde Polonium festgestellt. Die Marsch-Bewohner sind aufgeschreckt.

Aus Haselau berichtet Alexander Schwabe


Haselau - Das Leben in der Haseldorfer Marsch hat seine Höhepunkte im Sommer: Zur Kirschblüte, zum Erdbeerpflücken und während der Apfelernte ist Leben in dem flachen, von Kanälen durchzogenen Land rund 30 Kilometer westlich von Hamburg.

Nun erhitzen mitten im Winter Vorgänge die Gemüter der 1100-Seelen-Gemeinde Haselau, von denen sich die Marschbewohner in ihren kühnsten Träumen keine Vorstellung machten und die gleichsam über Nacht über sie hereingebrochen sind.

"Es war vier Uhr in der Früh, als ich wach wurde. Draußen war alles taghell. Feuerwehr, Polizei. Was geht denn da ab?", fragte sich eine Anwohnerin schlaftrunken. Ein Gehöft von drei reetgedeckten Gebäuden im Ortsteil Altendeich stand plötzlich im Licht von Scheinwerfern.

Ein Spionagekrimi, der in London und Moskau spielt, hatte am Wochenende die ländliche Haseldorfer Marsch erreicht: Der russische Geschäftsmann und angebliche KGB-Leibwächter Dmitrij Kowtun hatte hier Spuren des radioaktiven Polonium-210 hinterlassen, Ende Oktober, bevor er nach London jettete, wo er zusammen mit dem Ex-Spion Andrej Lugowoi den Putin-Kritiker und früheren Geheimagenten Alexander Litwinenko in der Bar eines Luxushotels traf. Dort wurde Litwinenko nach bisherigen Erkenntnissen mit einer tödlichen Dosis des Materials vergiftet.

Vier Wochen lang hatten die Altendeicher den Fall Litwinenko bestenfalls in den Medien verfolgt. Nun haben sie ihn vor der Haustür: Dutzende Polizisten, Helfer vom Technischen Hilfswerk, Beamte vom Bundeskriminalamt, von der Bundespolizei, Experten vom Strahlenschutz in Salzgitter besetzen das versiegelte Gehöft, in dem Kowtun genächtigt hatte, bei Eleonora W., seiner ehemaligen Schwiegermutter. "Hier wird ganz große Politik gemacht", sagt ein örtlicher Wirt und auch der Feuerwehrkommandant meint: "Das ist eine Nummer zu groß für uns."

Nichts ist zwei Tage nach dem ersten Einsatz der Strahlen-Experten so wie es sonst ist im Wind durchpeitschten und nasskalten Marschland. Dunkelblaue Fahrzeuge jagen mit Blaulicht über die Schwenkbrücke der Pinnau. Sie rasen mit gefährlicher Fracht mit 120 Sachen durch die Tempo-70-Zone.

Das Feuerwehrheim ist von der Polizei in Beschlag genommen worden. Zur Mittagszeit sitzen mehr als 100 Beamte in dem Raum und kräftigen sich mit Makkaroni und Geschnetzeltem. Vor dem Spritzenhaus stehen zehn Mannschaftsbusse und drei schwere Lkw der Bundespolizei, die eine Dekontaminationsanlage hertransportiert haben. Diese ist hinter dem Gebäude aufgebaut. In ihr werden die Ermittler gereinigt, die in ihren weißen Schutzanzügen mit dem todbringenden Stoff in Berührung kamen.

Die Ermittler versuchen sauber zu bleiben - in der Nachbarschaft des untersuchten Gehöfts wird dagegen schmutzige Wäsche gewaschen. Der Polonium-Vorfall hat viel Phantasie freigesetzt. Schon seit Jahren sah man in Hartmut K., Kowtuns Gastgeber und Eigentümer des Gehöfts, eine Gefahr für die dörfliche Sitte und Ordnung.

Vor 20 Jahren hatte der damalige Bürgermeister das Anwesen, ein alter Apfelhof, an den heutigen Besitzer verkauft. Dieser baute den Komplex in ein Hotel um. Der Pächter hielt sich nicht lange. Nachdem sich Hartmut K. von seiner Frau getrennt hatte, zog seine neue Partnerin, die Psychotherapeutin Eleonora W., ein. "Von da an gingen Russen ein und aus", heißt es in der Nachbarschaft, ständig seien dicke Limousinen vor dem Gehöft gestanden.

In der Nachbarschaft wird heftig spekuliert: "Man fragte sich ständig: Was ist los da drüben?" Anrainer vermuten, es werde in dem alten Apfelhof ein Swingerclub betrieben. Andere mutmaßen, es sei eine Art Erholungsheim für leichte Mädchen. Knapp bekleidete junge Frauen in langen Stiefeln wollen Nachbarn im Garten Federball spielend gesehen haben. Anfangs habe man das Areal noch einblicken können, dann seien Sichtschutzzäune aufgestellt worden. "Die haben sich verriegelt und verrammelt."

Bürgermeister Rolf Herrmann allerdings relativiert die Eindrücke etlicher Bürger: "Mal war es ein Puff, mal ein Swingerclub - in den Köpfen der Menschen!" Dass Feste gefeiert wurden, die nicht einer "soliden Holsteiner Feier" entsprachen, sei weder verwunderlich noch verwerflich.

Bei den Behörden ist Hartmut K. jedoch kein unbeschriebenes Blatt: Vor Jahren rückte der Zoll an, und hob den Hof aus, weil russische Mitarbeiter der Schwarzbrennerei nachgingen. Auch kam der Immobilienmakler Bauauflagen nur widerstrebend nach. Zuletzt zogen Hartmut K. und Eleonore W. den Unmut der alteingesessenen Bevölkerung auf sich, weil sie aus dem Hotel ein Haus für psychisch Kranke machen wollten. Die Gemeinde änderte den Bebauungsplan, die Idee war gestorben.

Auch jetzt steht vor dem ehemaligen Apfelhof eine dicke Limousine. Ein dunkelblauer BMW. Die Frontseite ist komplett eingedrückt. Totalschaden. Wieder ein Objekt, das Rätsel aufgibt. Strahlenschutz-Experten in ihren weißen Overalls untersuchen das Auto. Die Polizei bestätigt, dass auf dem Beifahrersitz Poloniumspuren entdeckt wurden. Der Wagen wurde vor einigen Tagen mit Totalschaden auf den Hof geschleppt. Der Unfall, so die Polizei, habe mit dem Fall Kowtun nichts zu tun. Sicher sei lediglich, dass der Russe Ende Oktober in diesem Wagen vom Flughafen nach Hamburg gefahren sei - mit dem tödlichen Stoff.

Warum das Auto mit Hamburger Nummer jetzt in Altendeich steht, ist unklar. Unklar wie so vieles in diesem Kriminalfall, der mittlerweile die Regierungschefs von Deutschland, Russland und Großbritannien beschäftigt. "Hier wird ganz große Politik gemacht", hatte der Dorfwirt gesagt. Die Politik wird sich noch lange damit befassen - in der Haseldorfer Marsch, so ist sich der Wirt sicher, wird in wenigen Tagen wieder Ruhe einkehren.



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