Fall Litwinenko Fieberhafte Suche nach Polonium-Spuren in Deutschland

Die Mordaffäre Litwinenko hat Deutschland erreicht. In einem Wohnhaus, in dem ein Kontaktmann des Ex-Spions gewohnt hatte, stießen Ermittler auf Spuren der radioaktiven Substanz Polonium 210. Ein weiteres Haus im Großraum Hamburg ist ebenfalls kontaminiert - und ein Flugzeug wird untersucht.

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Hamburg – Die Erzbergerstraße ist eine ruhige Seitenstraße im Stadtteil Ottensen, wenige Schritte vom Bahnhof Altona entfernt. Die Wohngegend ist vor allem bei Berufstätigen und jungen Familien beliebt, Altbauten aus der Gründerzeit säumen die kopfsteingepflasterte Straße. Am Samstagmittag geht hier alles seinen gewohnten Gang: In der spirituellen Buchhandlung "Hier und Jetzt" geht esoterische Literatur über den Ladentisch, beim Friseur Ada bekommt ein Junge die Haare gestutzt. Auf dem Weihnachtsmarkt in der Parallelstraße sammeln sich Glühweintrinker und Geschenkesucher. Nur der Menschenauflauf vor dem Haus mit der Nummer 4 passt nicht so recht ins idyllische Bild: Mehrere Polizeiautos parken vor der Tür, vor dem Haus stehen Gruppen von Uniformierten und Ermittlern in Zivil. Am Aufgang zum Treppenhaus wachen zwei Polizisten. Passanten halten an und fragen, was denn der Großeinsatz zu bedeuten habe.

Strahlung in der Wohnung von Kowtuns Ex-Frau

Der Grund des Einsatzes ist gewichtig: In der Erzbergerstraße 4 fand sich die erste Spur im mysteriösen Mordfall Alexander Litwinenko nach Deutschland. Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) und des Bundesamtes für Strahlenschutz entdeckten hier Spuren der schwach strahlenden Substanz Polonium 210. Die Spezialisten hatten in der vergangenen Nacht mehrere Wohnungen untersucht. In einer Erdgeschosswohnung wohnte bis vor kurzem Litwinenkos Kontaktmann Dmitri Kowtun, 41, über den gerätselt wird, ob er in der Affäre Täter oder Opfer ist.

Fündig wurden die Ermittler aber nicht in seiner Wohnung, sondern in einer Wohnung im ersten Stock: Hier wohnt Kowtuns deutsche Ex-Frau mit ihren Kindern. Die Beamten fanden nach Angaben von Polizeisprecherin Ulrike Sweden an zwei Stellen Polonium-Spuren, sie stellten außerdem eine leichte radioaktive Strahlung fest. Die Frau wird inzwischen ärztlich untersucht.

Kowtun lebte längere Zeit in Hamburg, von hier aus flog er auch zu seinen Treffen mit Litwinenko. Kowtun war eine der Personen, die sich am 1. November mit Litwinenko in dem Londoner Hotel Millennium getroffen hatten. Bei dem Treffen war auch Andrej Lugowoi dabei. Alle drei Männer arbeiteten für den russischen Geheimdienst. Ob Kowtun nach dem Gespräch mit Litwinenko in London noch einmal nach Hamburg zurückgekehrt war, konnte die Polizei nicht sagen. Derzeit soll er sich in einem Moskauer Krankenhaus aufhalten, wahrscheinlich weil er mit Polonium verstrahlt ist.

Gefährlich nur bei Einnahme oder Aufnahme ins Blut

Polizeisprecherin Sweden betonte, dass es sich bei den Hamburger Funden um eine "schwach strahlende Substanz handelt, die außerhalb von einem Radius von 3,8 Zentimetern keine Wirkung entfaltet". Gefährlich seien nur "die Einnahme der Substanz oder direkter Kontakt in offenen Wunden".

Die Bewohner des Hauses geben sich gelassen: "Wir werden jetzt erst einmal frühstücken", sagt ein Nachbar, der durch das Polizeispalier das Haus betritt. Die Hausgemeinschaft habe keine Angst vor Strahlung im ganzen Haus.

Gleichwohl ist der Fund für die Hausbewohner mit Unannehmlichkeiten verbunden: Alle 30 Bewohner müssen ihre Wohnungen verlassen, das Haus wird komplett geräumt, damit die Spezialisten noch einmal überall nach Polonium-Spuren suchen können. In dieser Zeit sollen sie bei Freunden oder Verwandten unterkommen, die Polizei hilft ihnen, falls sie keine Bleibe finden. Der sogenannte Feinscan könne bis zu zwei Tagen dauern, sagt Polizeisprecherin Sweden.

Nach ihren Angaben handelt es sich bei dem Großeinsatz nur um eine Sicherheitsüberprüfung, es gebe bislang keine strafrechtlichen Überprüfungen. Sweden wies Berichte zurück, wonach in Hamburg der Anschlag auf Litwinenko vorbereitet wurde, darauf gebe es bislang keine Hinweise. Die Hamburger Polizei hat gemeinsam mit dem BKA eine Sonderkommission namens "Dritter Mann" eingesetzt. Sie soll nun die Spuren des Mordfalls in der Hansestadt weiter verfolgen. Die Polizei hat inzwischen bestätigt, dass im Großraum Hamburg bereits andere Wohnungen untersucht wurden. Im Haus von Kowtuns Ex-Schwiegermutter im Raum Pinneberg sollen ebenfalls Polonium-Spuren entdeckt worden sein.

Eine Gefahr für die Bevölkerung besteht aber Behördenangaben zufolge nicht. "Es gibt absolut keine Bedrohung", sagte Schleswig-Holsteins Innenminister Ralf Stegner (SPD). Er stehe gleichwohl in ständigem Kontakt mit Hamburgs Innensenator Udo Nagel (parteilos) und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU).

Zudem haben Sicherheitsbehörden das Flugzeug sichergestellt, mit dem Kowtun am 1. November von Hamburg nach London geflogen ist. Ein Sprecher der Fluggesellschaft "Germanwings" bestätigte heute nach entsprechenden Medienberichten, dass das Flugzeug vom Typ A319 gegenwärtig auf dem Flughafen Köln/Bonn nach möglichen Spuren des radioaktiven Stoffs Polonium untersucht werde.

Am Abend teilte "Germanwings" mit, es seien keine Polonium-Spuren in dem Flugzeug entdeckt worden. Ein Unternehmenssprecher berief sich dabei auf die Behörden. Der Jet sei nach einer eingehenden Untersuchung der Experten des Bundesamtes für Strahlenschutz wieder freigegeben worden.

Die Hamburger Polizei hat gestern Abend ein Bürgertelefon unter der Nummer 040-426765 eingerichtet. Alle Personen, die in letzter Zeit Kontakt zu Kowtun hatten, wurden gebeten, sich zu melden.

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