Fall Ohnesorg: Kurras soll Waffenbesitz verboten werden

Berlins Innensenator Körting will Karl-Heinz Kurras' Waffenbesitzkarte einziehen. Anlass ist ein älteres Interview, in dem der frühere West-Berliner Polizist und Ohnesorg-Todesschütze erklärt hatte, heutzutage setzten Beamte ihre Waffe zu selten ein.

Berlin - Der inzwischen 81-jährige Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, hatte in diesem Interview fragwürdige Erklärungen abgegeben. Unter anderem sagte er, heutige Polizisten machten "viel zu selten" von der Schusswaffe Gebrauch.

Kurras soll auch heute noch einen Revolver besitzen. "Bei einem, der solche Äußerungen von sich gibt, bezweifle ich, dass er die Eignungsvoraussetzungen für einen Waffenschein hat", sagte Körting der "Berliner Zeitung".

Der Innensenator wies auch darauf hin, dass neben der Birthler-Behörde auch der damalige Verfassungsschutz Kenntnis über Stasi-Aktivitäten gehabt habe, es die Akten aber nicht mehr gebe. "Der Großteil wurde aus Datenschutzgründen vernichtet", sagte Körting der Zeitung.

Kurras hatte den Studenten Benno Ohnesorg während einer Anti-Schah-Demonstration in West-Berlin erschossen. Später wurde er mangels Beweisen vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Damit schien der Fall abgeschlossen. 1987 schied er als Kriminalbeamter aus dem West-Berliner Polizeidienst aus.

Erkenntnissen der Birthlerbehörde zufolge war Kurras seit 1955 als IM für die Stasi tätig und wurde für seine Spionagetätigkeit auch entlohnt. In den Akten findet sich allerdings kein Hinweis darauf, dass Kurras von DDR-Seite beauftragt wurde, am 2. Juni 1967 zu schießen.

Birthler verteidigt ihre Arbeit

Der Ruf nach Strafe für den Todesschützen wird indes immer lauter: Neben Körting wollen auch andere Politiker den früheren Stasi-Spitzel zur Rechenschaft ziehen und fordern unter anderem, Kurras seine Pensionsansprüche zu entziehen.

Die Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde, Marianne Birthler, wies derweil die Kritik von Wissenschaftlern am Umgang mit Akten in ihrem Haus zurück. "Täter-Akten sind zugänglich, auch die im Fall Kurras", sagte Birthler der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (WAZ) zufolge. "Man kann es nicht uns zum Vorwurf machen, wenn Forscher sie nicht früher angefordert haben."

Die Birthler-Behörde legt am heutigen Dienstag in Berlin ihren alljährlichen Tätigkeitsbericht vor. Sie sieht sich nach den neuen Erkenntnissen über die Stasi-Vergangenheit von Kurras mit Kritik konfrontiert, die Erschließung des Aktenmaterials habe viel zu lange gedauert. Der Leiter des Forschungsverbunds SED-Staat, Klaus Schroeder, etwa hatte der Behörde vorgeworfen, die Akten würden nicht systematisch erschlossen.

Birthler erklärte, ihr sei schleierhaft, wie Schroeder zu solchen Unterstellungen komme. Das Gesetz und die Rechtsprechung bei sensiblen Personendaten von Stasi-Opfern erschwerten die Arbeit der Forscher. Eine Zuständigkeit des Bundesarchivs würde daran nichts ändern.

Die Arbeit der Stasi-Unterlagenbehörde verteidigte Birthler - sie sei auch 20 Jahre nach dem Mauerfall dringend notwendig. "Zum einen will noch eine große Zahl von Menschen die eigene Akte sehen", sagte sie. Die Anträge stiegen wieder an. Demnach gab es in den ersten Monaten des Jahres pro Monat über 10.000 Anträge.

Weiterhin gebe es sehr viele Anträge von Journalisten und externen Wissenschaftlern, die die Unterlagen als wichtige zeitgeschichtliche Quelle nutzten. Bei der jungen Generation sei außerdem das Wissen über die Stasi mangelhaft, sagte Birthler.

amz/Ddp

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2. Juni 1967: Die Nacht, in der Benno Ohnesorg starb