Fall Sürücü BGH kassiert Urteil im "Ehrenmord"-Prozess

Der Prozess um den "Ehrenmord" an der Berliner Deutsch-Türkin Hatun Sürücü muss neu aufgerollt werden. Der Bundesgerichtshof hob auf Antrag der Staatsanwaltschaft die Freisprüche für zwei ihrer älteren Brüder auf und verwies den Fall an eine andere Kammer des Landgerichts zurück.


Leipzig - Das Landgericht als Vorinstanz hatte im Falle der heute 26 und 28 Jahre alten Männer keine ausreichenden Beweise für eine Verurteilung gesehen. Ihr inzwischen 21-jähriger Bruder, der sich als Alleintäter bezeichnet hatte, war wegen Mordes zu einer inzwischen rechtskräftigen Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten verurteilt worden. Das Urteil gegen ihn ist rechtskräftig und stand heute in Leipzig nicht zur Disposition.

BGH-Richter Clemens Basdorf: Urteil im "Ehrenmord"-Prozess aufgehoben
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BGH-Richter Clemens Basdorf: Urteil im "Ehrenmord"-Prozess aufgehoben

Der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) in Leipzig unter Vorsitz des Richters Clemens Basdorf hob nun die Freisprüche für beiden anderen Brüder in dem sogenannten "Ehrenmord"-Prozess auf. Die Richter verwiesen das Verfahren zurück an eine Schwurgerichtskammer des Landgerichts Berlin.

Die 23-jährige Hatun Sürücü, die sich von ihrem türkischen Ehemann getrennt hatte und ihren kleinen Sohn gegen den Willen ihrer streng religiösen Familie aus Ostanatolien allein erziehen wollte, war am 7. Februar 2005 im Berliner Stadtteil Tempelhof erschossen worden. Ihr Sohn lebt heute bei einer Pflegefamilie.

Der Fall Sürücü hatte bundesweit für Entsetzen und für politische Diskussionen um die Integration muslimischer Familien, sogenannte Ehrenmorde und Zwangsehen gesorgt.

Die Staatsanwaltschaft hatte für alle drei Brüder eine Verurteilung wegen gemeinschaftlichen Mordes verlangt. Gegen die beiden älteren Brüder waren vom Ankläger jeweils lebenslange Haftstrafen gefordert worden. Einer der Männer habe die Waffe besorgt, der andere durch Anwesenheit in Tatortnähe moralischen Beistand geleistet, hatte die Anklage ihnen vorgehalten.

Freundin eines Täters berichtete von Mordkomplott

So hatte die frühere Freundin des geständigen Täters unter Berufung auf intime Geständnisse des 18-Jährigen von einem Mordkomplott berichtet, an dem auch die älteren Brüder beteiligt gewesen seien. Den Berliner Strafrichtern reichten die Aussagen der damals 16 Jahre alten Schülerin aber nicht für einen Schuldspruch aus. Sachbeweise fehlten.

In der Revisionsverhandlung bezeichnete Bundesanwalt Hartmut Schneider die Beweiswürdigung der Vorinstanz als lückenhaft. Deshalb sei die Entscheidung aufzuheben, forderte er. Rolle und Glaubwürdigkeit der Kronzeugin seien nicht ausreichend ausgeleuchtet worden, argumentierte die Bundesanwaltschaft. Die Berliner Richter seien davon ausgegangen, dass der jüngste Bruder seine Freundin mit Lügengeschichten habe beschwichtigen wollen. Doch es sei viel wahrscheinlicher, dass er im Vertrauen auf die Verschwiegenheit seiner Freundin die Wahrheit gesagt habe, so Schneider.

Die Verteidiger der beiden älteren Brüder widersprachen der These von einem Mordkomplott. Der jüngste Bruder habe zu seinem besten Freund gesagt, "wegen der Tat werden mich alle hassen". Ihm habe der damals 18-Jährige mehr vertraut als einem Mädchen, das er nur zwei Wochen gekannt habe. Die Verteidiger beantragten, die Revision abzuweisen.

Vor einem neuen Prozess gilt es nun noch eine Hürde zu überwinden: Die beiden Brüder halten sich in der Türkei auf. Der 28-jährige mit deutschem Pass werde sich dem Verfahren aber stellen, kündigte sein Verteidiger an. "Das ist mein Rat an ihn." Er sehe auch keine Gefahr der Verurteilung, erklärte der Anwalt. Der 26-jährige ist türkischer Staatsbürger. Sein Mandant werde zum Prozess erscheinen, "wenn man ihm freies Geleit zusichert", sagte der Verteidiger.

phw/Reuters/AP/dpa



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