Nachgefragt Was Familien von der Politik wirklich erwarten

Patchwork, Regenbogen, ohne Trauschein oder mit: Familien kommen heute in großer Vielfalt daher - und sie wünschen sich entsprechende Rahmenbedingungen. Es geht dabei gar nicht so sehr ums Geld, vielmehr um Unterstützung im Alltag und gleiche Bedingungen für alle Kinder. Lesen Sie, was Familien zwischen Kiel und Konstanz wirklich wollen.

Von Claudia Thaler, , und


Patchworkfamilie  

Marcus Staiger, 42, Journalist, Industriekletterer, Karlotta, 15, Finnegan, 11, Diana Munoz, 39, Kaufmännische Leiterin, Luis, 9 (Kinder nicht im Bild)

Wir leben zu fünft in Kreuzberg. Diana hat ein Kind, und ich habe zwei. Karlotta lebt abwechselnd eine Woche bei mir und eine bei meiner Ex-Frau, Finnegan ist fünf Tage bei mir und neun Tage dort. Luis ist die halbe Woche bei uns und die andere Hälfte bei seinem Vater. Das ist kompliziert zu organisieren.

Unter Umständen kann das Schicksal einer Familie davon abhängen, ob im Jugendamt gerade jemand krank ist oder nicht.

Mit der staatlichen Unterstützung bin ich eigentlich zufrieden, allerdings fehlt es dort teilweise an Personal. Meine Ex-Frau und ich hatten zum Beispiel große Probleme, nach der Trennung einen vernünftigen Umgang miteinander zu finden. Wir wurden aber beide ins Jugendamt einbestellt, wo man uns ins Gewissen redete: Es gehe um das Kindeswohl. Ich weiß, dass das ein heikles Thema ist, ein Übermaß an staatlichen Vorschriften wäre total kontraproduktiv. Aber in diesem Fall war die Einflussnahme genau richtig und wirkte auch. Wir sind danach zur Familienberatungsstelle gegangen, um den Umgang als getrennte Eltern zu lernen.

Wir haben aber Freunde, bei denen die Problemlösung nicht so gut funktioniert hat. Die hatten ebenfalls große Schwierigkeiten nach der Trennung. Die zuständige Frau im Jugendamt war allerdings längere Zeit krank, und es gab keinen adäquaten Ersatz. Die bekamen viel weniger Unterstützung. Für mich heißt das, die Ämter sind personell nicht gut genug ausgestattet. Unter Umständen kann das Schicksal einer Familie davon abhängen, ob im Jugendamt gerade jemand krank ist oder nicht.

Was mich außerdem nervt, sind die Regelungen im Unterhaltsrecht. So muss ich den vollen Unterhalt für meinen Sohn bezahlen, weil er weniger als die Hälfte der Zeit bei mir lebt. Das ist eigentlich nicht okay, denn ob er jede zweite Woche fünf oder sieben Nächte hier ist - ich muss ja ein Zimmer für ihn haben. Dementsprechend groß muss unsere Wohnung sein.

Ich habe meinen Steuerberater nach irgendwelchen Vergünstigungen gefragt, aber der hat nur gesagt: 'Kinder sind Privatvergnügen.' Das heißt: Kinder kosten, und ich habe weniger Geld zur Verfügung als jemand, der keine Kinder hat.

Je nach Datenquelle sind laut einer Broschüre des Bundesfamilienministeriums etwa 7 bis 13 Prozent der Familien in Deutschland Stief- bzw. Patch­workfamilien.

Großfamilie  

Jennefer Vogt, 39, Kommunikationsmanagerin, Mark, 42, Psychologe, Arun, 5, Uma 3, Junes und Minu, 18 Monate, Au-Pair-Mädchen Tabita

"Zwei Kinder reichen eigentlich", hat mein Mann zu mir gesagt, als wir in der Elternzeit mit einem Bulli durch Europa getourt sind. Die dritte Schwangerschaft war nicht geplant - und dann gleich Zwillinge. Das mussten wir erst mal verdauen. Eine Großfamilie in Deutschland braucht eigentlich auch eine große Familie im Hintergrund.

"Eine Großfamilie in Deutschland braucht eigentlich auch eine große Familie im Hintergrund.

Und die haben wir hier nicht. Für uns, die wir uns eine Kinderbetreuung und eine ökologische Ernährung leisten, sowie den Kindern Schwimmen, Turnen und Theater ermöglichen, ist es finanziell ziemlich eng. Daher: Kindbezogene Mehrkosten sollten vom Staat zumindest anteilig übernommen werden!

Damit wir im Alltag nicht den Überblick verlieren, wenn mal ein Kind krank wird, haben wir zurzeit Tabita, ein Au-pair-Mädchen aus Nepal. Ohne sie wäre es für mich nicht möglich zu arbeiten. Außerdem freunden wir uns gerade mit einer Leih-Oma an - ein wirklich nettes Projekt mit Ehrenamtlichen, die selbst keine Enkel haben.

Mein Mann arbeitet Vollzeit als Psychologe, hat geregelte Arbeitszeiten, ist aber unter der Woche für die Kinder kaum greifbar. Ich habe eine halbe Stelle in Dortmund, kann aber auch mal vom Homeoffice aus arbeiten. Vom Karrieretrip bin ich schon länger runter. Die Kinder müssen eh viel entbehren, und teilen kann ich mich nicht. Mehr als eine halbe Stelle inklusive Arbeit von zu Hause aus ist nicht drin. Wenn wir uns ab und zu einen Babysitter oder eine Putzfrau leisten, bleibt am Ende des Monats nicht viel Geld übrig.

Das Betreuungsgeld ist aber trotzdem auf keinen Fall eine Lösung. Das landet im Zweifel nicht bei den Kindern. Ein Rechtsanspruch auf Kita-Plätze ist viel wertvoller. Auch der Mutterschutz und die Elternzeit inklusive Elterngeld für das erste Jahr sind echte Errungenschaften. Ein bisschen mehr Infrastruktur wäre hilfreich: eine Datenbank mit qualifizierten Notfall-Betreuern für kleines Geld etwa oder Betreuer für den Nachhauseweg nach dem Sporttraining. Dann klappt es auch für berufstätige Eltern.

In Deutschland lebten 2012 rund 283.000 Familien mit vier oder mehr minderjährigen Kindern.

Verheiratet, behindertes Kind  

Foto: Hans D. Beyer

Annette Martinez, 44, Personalberaterin, Axel Martinez, 41, Projektmanager, Luna, 5

Wir sind eigentlich eine klassische Familie: verheiratet, heterosexuell, Mann Hauptverdiener, Frau Teilzeit. Wir haben lediglich die Besonderheit, mit einem behinderten Kind zu leben. Ich arbeite eigentlich sehr gern, kann aber in unserer Situation nicht Vollzeit arbeiten. Eine interessante Stelle in Teilzeit zu finden, ist nach wie vor äußerst schwierig.

Bei Eltern gesunder Kinder prüft niemand deren Qualität.

Im Moment beschäftigt uns das Thema Inklusion stark. Da muss man sehr viel Eigeninitiative bringen, schon im Kindergarten. Aber so richtig beginnt das erst jetzt bei der Suche nach einer Schule. Baden-Württemberg ist, was die Inklusion angeht, ganz schlecht aufgestellt. Da merken wir, dass wir deutlich mehr Engagement investieren müssen als Eltern eines gesunden Kindes.

Als Luna noch klein war, haben wir uns beim Blick in den Kinderwagen oft gefragt, ob sie wirklich behindert ist. Für uns war sie ganz normal. Deshalb haben wir uns auch zunächst gar nicht an die Pflegeversicherung wenden wollen. Heute sind wir über die Unterstützung sehr froh. Kritisch sehen wir aber die Ausgestaltung. Ich finde zum Beispiel diese Begutachtung bei der Einstufung nicht okay, auch für das Kind nicht. Es wurde abgefragt, wie viele Minuten wir brauchen, um Lunas Zähne zu putzen oder Haare zu kämmen. Wie viel Zeit wir in die Förderung unseres Kindes investieren, interessierte gar nicht. Dabei ist das der größte Aufwand. Und alle halbe Jahre kommt wieder jemand vom medizinischen Dienst und kontrolliert, ob wir Luna ordentlich pflegen. Bei Eltern gesunder Kinder prüft niemand deren Qualität.

Als im Sommer 2012 ein neuer Bluttest für Schwangere zur Früherkennung des Down-Syndroms eingeführt wurde, waren wir geschockt. Denn dieser Test wurde unter anderem mit Geldern des Forschungsministeriums gefördert. Unserer Meinung nach dient dieser Test lediglich dazu, Menschen mit Down-Syndrom zu töten, um es ganz krass zu sagen. Und das mit Steuergeldern - auch mit unseren. Zur Familienpolitik gehört für uns auch die Frage: Was ist eigentlich lebenswertes Leben?

2011 lebten in Deutschland gut 165.000 schwerbehinderte Kinder und Jugendliche.

Unverheiratet  

Stefan Krammer, 41, Wirt, Christina Ernst, 41, Angestellte, Ferdinand, 3, Valentin, gerade geboren

Wir haben gerade erst unser zweites Kind bekommen. Wenn die Leute uns sehen, gehen sie meistens davon aus, dass wir verheiratet sind. Im Hotel werden wir als "Mann" und "Frau" angesprochen, obwohl wir nicht den gleichen Nachnamen tragen.

Es gibt ja immer noch viele Nachteile.

Den Unterschied spüren wir eigentlich nur, wenn Christina mit den Kindern ins Ausland reist. Dann packt sie immer die Geburtsurkunde von Ferdinand ein und künftig auch die von unserem Jüngsten, damit klar ist, dass es ihre Kinder sind. Man kann da richtig lange aufgehalten werden von den Zollbeamten. Es könnte ja eine Kindesentführung sein.

Auf dem Land werden wir schon komisch angeguckt, vor allem in Bayern. Unser erstes Kind wurde in Traunstein geboren. Die Krankenschwestern waren sehr nett, aber unterschwellig haben wir gespürt, dass sie eine Familie ohne Trauschein komisch finden. Eigentlich darf man gar nicht so richtig über die Situation nachdenken. Es gibt ja immer noch viele Nachteile.

Das habe ich zum Beispiel gemerkt, als wir einmal für kurze Zeit getrennt waren. Da kam plötzlich die Frage auf, ob ich überhaupt das Sorgerecht für meinen Sohn habe. Ob wir inzwischen eine Sorgerechtserklärung haben, weiß ich gar nicht.

Auch, wie es wäre, wenn einer von uns plötzlich schwer krank würde, oder aber, wie die Erbschaftsregeln sind, damit haben wir uns noch gar nicht befasst. Es gibt so viele Dinge, an die man als Familie schon allein im Alltag denken muss. Da hat man für Themen, die nicht gerade aktuell sind, gar keinen Kopf. Deshalb fänden wir es besser, wenn es rechtlich gar keinen Unterschied machen würde, ob man verheiratet ist oder nicht. Viel wichtiger ist es doch, Familien zu fördern, egal ob die zum Standesamt gelaufen sind oder nicht.

Knapp über eine Million minderjährige Kinder wachsen bei Eltern auf, die nicht verheiratet sind.

Alleinerziehend  

Christine Finke, 47, freie Journalistin, Tosca, 5, Titus, 8, Pippilotta, 13 (nicht im Bild)

Dass ich zur Alleinerziehenden wurde, war natürlich so nicht geplant. Nach zehn Jahren Ehe haben mein Mann und ich uns getrennt, und er fühlte sich von heute auf morgen nicht mehr zuständig. Jetzt wohnt er tausend Kilometer von uns entfernt, und ich bin allein mit drei Kindern.

Es wäre wirklich hilfreich, wenn der Gesetzgeber auch mehr Pflichten im Umgangsrecht verankern würde.

Ich kann nicht zum Elternabend, weil ich kein Geld für den Babysitter habe und die Kinder klammern. Ich bin eigentlich immer zu Hause. Dafür habe ich sämtlichen Freiraum in der Erziehung: Ich entscheide, was im Fernsehen läuft, oder kann mit den Kindern kuscheln, wann ich will.

Aber: Da wir das gemeinsame Sorgerecht haben, brauche ich etwa für die Einschulung oder für Kontoeröffnungen die Unterschrift meines Ex-Mannes. Ich könnte auch nicht einfach mit den Kindern weit wegziehen. Insgesamt habe ich weniger Rechte, weil die Kinder bei mir sind. Es wäre wirklich hilfreich, wenn der Gesetzgeber auch mehr Pflichten im Umgangsrecht verankern würde.

Wenn ein Vater sich nicht kümmern will, dann muss er es leider auch nicht. Vorher habe ich sehr viel gearbeitet und Steuern gezahlt. Nun profitiere ich vom Staat, bekomme Kinder- und Wohngeld. Wir leben im sozialen Wohnungsbau und kommen mit 2000 Euro im Monat aus. Es gibt durch das Bildungspaket viele Hilfen, man muss sie nur finden.

Leider sind nur 400 Euro im Monat selbstverdient. Ich arbeite als freie Journalistin und nutze jede auch noch so kleine Lücke zwischen Kindergarten und Arztterminen. Bei vielen, vielen Bewerbungen auf eine Festanstellung bin ich einmal zum Gespräch geladen worden. Zwar ist es durch mein Blog transparent, dass ich alleinerziehend bin. Aber auch so fragen Arbeitgeber nach und sehen ein viel zu großes Risiko, zum Beispiel weil Kinder krank werden. Deswegen wünsche ich mir eine Alleinerziehenden-Quote. Sonst findet eine 47-jährige promovierte Akademikerin wie ich niemals eine Festanstellung.

Knapp 1,6 Millionen Mütter und Väter leben mit ihren Kindern ohne den zweiten Elternteil zusammen.

Regenbogenfamilie  

Thomas Taselmas, 40, Schauspieler, Sven 49, Personalentwickler in einer Bank, Vladislav, 8

Wir haben erst vor einem halben Jahr unsere Hochzeit gefeiert. Das haben wir in Kopenhagen gemacht, anstelle einer "Verpartnerung" in Deutschland. In Dänemark ist alles viel liberaler, da können Schwule und Lesben sogar kirchlich heiraten, wenn sie das möchten. Seit sieben Jahren lebt Vladislav bei uns. Wir sind nicht die biologischen, sondern Pflegeeltern, trotzdem nennt er uns selbstverständlich Papa und Papi.

Dass die Gerichte und Gesetzgeber in Deutschland immer vorranging nach dem "Kindeswohl" sehen, ist leider nur ein Märchen.

Natürlich wollten wir - wie fast alle Pflegeeltern - ursprünglich lieber ein Kind adoptieren. In Deutschland ist es aber nicht möglich, als Homosexueller ein Kind zu adoptieren, von der Möglichkeit einer Pflegschaft wissen jedoch nicht viele.

In Deutschland hätten wir eine "Lebenspartnerschaft" eintragen lassen können, aber das hat eher wenig mit einer romantischen Hochzeitsfeier zu tun. Alles geht hier sehr langsam voran. Man muss sich alles gerichtlich erkämpfen, und die Politiker brüsten sich später mit Erfolgen, gegen die sie vorher vehement eingetreten sind. In Spanien hat man das ganz gut gemacht: Mit einem Schlag wurden alle Menschen gleichgestellt. Deutschland will immer eine Vorreiterrolle in allem und gibt auch Milliarden dafür aus: etwa für das Abschalten der Atomkraftwerke. Doch bei der Gleichstellung der Homosexuellen wehrt man sich und reagiert erst dann, wenn das Oberste Gericht die Änderungen vorgibt. Dabei wären die Kosten für eine Gleichstellung minimal.

Diskriminierungen im Alltag kennen wir nicht. Ja, die Leute sind neugierig, manche gehen auch etwas auf Abstand. Aber Ausgrenzungen haben wir noch nie erlebt. Es hat sehr viel mit der eigenen Einstellung zu tun. In Frankfurt haben wir ein liberales und offenes Jugendamt.

Sven und ich wünschen uns nur eines: dass die Politik mehr auf die Rechte der Pflegekinder achtet. Unsere Familie wurde schon einmal zerrissen. Die leibliche Mutter unseres zweiten Pflegesohnes hat ihn nach über zwei Jahren Pflegschaft per Gerichtsbeschluss wieder zu sich genommen - obwohl sogar das Jugendamt gegen diese Entscheidung war. Dass die Gerichte und Gesetzgeber in Deutschland immer vorranging nach dem "Kindeswohl" sehen, ist leider nur ein Märchen.

2012 gab es rund 73.000 eingetragene gleichgeschlechtliche Partnerschaften. In 6000 davon lebten insgesamt rund 9000 Kinder.

Familie mit Migrationshintergrund  

Consolee Ndayambaje, 40, Altenpflegerin, Jean-Bosco, 46, Koch, Cynthia, 20, Sandra, 15, Sylvie, 12, Cedric, 7 (Kinder nicht im Bild)

Vor 17 Jahren bin ich aus Ruanda nach Deutschland geflohen. Meinen Mann habe ich im Auffanglager für Flüchtlinge in Bayreuth kennengelernt. Leider wurden wir dann getrennt. Er kam nach München in ein Asylbewerberheim, ich wurde nach Augsburg geschickt. Paare zählen nicht als Familie. Nur wenn man verheiratet oder verwandt ist, darf man zusammen bleiben.

Ich würde mir wünschen, dass es Flüchtlingen einfacher gemacht wird, schnell eigenständig für ihre Familie zu sorgen.

In Augsburg bekam ich auch unsere erste Tochter, Sandra. Später lebte auch noch die Tochter meines Mannes aus erster Ehe in Ruanda, Cynthia, mit uns. Zwei Jahre war unsere Familie getrennt, bis wir in das Asylbewerberheim meines Mannes in die Nähe von München ziehen durften.

Cynthia hatte es am schwersten von den Kindern. Sie war genau sechs Jahre alt, als sie nach Deutschland kam, und musste sofort in die Schule - konnte aber überhaupt kein Deutsch. Wir wussten auch nicht, ob es kostenlose Deutschkurse gegeben hätte, wir kannten das System hier gar nicht. Ich selbst hab meine Deutschkurse von einem Verein bezahlt bekommen, der Flüchtlingen hilft. Die vom Sozialamt angebotenen Kurse umfassen nur sehr wenige Stunden, die sich über einen langen Zeitraum erstrecken. Wir wollten aber schnell Deutsch lernen, um bald arbeiten zu können.

Mein Mann war Buchhalter in Ruanda, sein Abschluss wurde hier aber nicht anerkannt, genau wie mein Abitur. Jetzt arbeitet er als Koch, und ich mache eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Mittlerweile haben wir vier Kinder. Ich würde mir wünschen, dass es Flüchtlingen einfacher gemacht wird, schnell eigenständig für ihre Familie zu sorgen.

Außerdem sollte es mehr Informationen über Angebote wie Deutschkurse für Kinder geben. Und schließlich sollten Familien auf keinen Fall getrennt leben müssen.

2012 gab es rund 4,1 Millionen Ehepaare mit Migrationshintergrund in Deutschland. 1,9 Millionen davon haben Kinder unter 18 Jahren.

Klassische Familie  

Bastian Fischborn, 36, Marineoffizier, Nina Fischborn, 34, Augenärztin, Kjell, 2

Als wir unseren Sohn zum ersten Mal auf dem Arm hielten, haben wir nicht an Familienpolitik gedacht. An überhaupt gar keine Politik. Wir waren schon verheiratet, irgendwann kam dann Kjell. Damit sind wir erst zur Familie geworden. Oder? Klar, die Ministerin gäbe uns da bestimmt eine versöhnliche Antwort. Dass nämlich familienpolitische Maßnahmen (so heißt das ja immer) alle angehen und nicht nur die, die Kinder haben. Aber ehrlich: So vom Bauch her fühlt "man" sich mit Kind als Familie. Vorher eher als Paar.

Kinder müssen gleichberechtigt sein, was ihr Aufwachsen, ihre Förderung, ihre Bildung und die Entwicklung ihrer Fähigkeiten angeht.

Im Vorwort zum achten Familienbericht schreibt das Ministerium tatsächlich: Familien wollen in der Regel Familie und Beruf gut miteinander vereinbaren und stehen deshalb im Alltag und im Lebensverlauf vielfältigen Herausforderungen gegenüber, mit nachhaltigen Wirkungen auf Wohlbefinden und Lebensqualität von Familien sowie mit gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Konsequenzen.

Was für ein Satz. "In der Regel" hätte man auch streichen können. Wir wollen es mal ein bisschen weniger verschwurbelt sehen. Natürlich haben sich durch den Nachwuchs der Tag, die Nacht, die Wochen geändert. Zum Praktischen: Wir arbeiten beide, wir teilen die Hausarbeit, gehen beide einkaufen, kümmern uns um dies und das. Das sind eher technische Details, nicht der Rede wert. Weil es nämlich vor allem Freude macht, Kinder zu haben.

Und das große Ganze, die Familienpolitik, kann nicht allein stehen. Sie hat mit Chancen und Integration zu tun, mit vielen Politikfeldern. Paare sollten sich nicht aus ökonomischen Gründen gegen Kinder entscheiden müssen. Eine gute Kinderbetreuung außerhalb des Elternhauses ist immens wichtig. Sie darf wohl als Kernthema unserer "Erwerbsgeneration" (auch das heißt ja immer so) gelten, denn Arbeit und Elternschaft müssen vereinbar sein. Keine Frage, dass Eltern sich daran beteiligen sollen, wie es ihre Finanzen erlauben. Übrigens sollten die Kinder im Mittelpunkt stehen und nicht der Familienstand der Eltern. Da muss sich noch etwas tun.

Politik kann sicher nicht alles regeln. Soll sie auch nicht. Aber, und das ist das Wichtigste: Kinder müssen gleichberechtigt sein, was ihr Aufwachsen, ihre Förderung, ihre Bildung und die Entwicklung ihrer Fähigkeiten angeht.

Dafür muss sie sorgen, die Politik. Das ist ein romantisches Ziel. Aber dahin muss es gehen.

Wie heißt es doch außerdem im Vorwort dieses Ministeriumsberichts: Familie erbringt unverzichtbare Leistungen für unser Gemeinwesen. Das ist doch mal kurz und richtig.


Aufgezeichnet von: Lisa Erdmann, Vera Kämper, Lisa Schnell, Claudia Thaler



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Seite 1
spon-facebook-1421800276 15.05.2014
1. Regenbogenfamilie
Besonders spannend finde ich die Zahlen am Schluss der einzelnen Artikel. Interessant: Warum wird so viel über Regenbogenfamilien gesprochen, geschrieben und gesendet, ob es davon gerade einmal 6000 mit 9000 Kindern gibt? Andere Lebensmodelle spielen sich im Millionen Bereich ab. Wenn man diese Zahlen nimmt, finde ich die mediale Aufmerksamkeit für Regenbogenfamilien viel zu hoch....Kann mir jemand erklären woher dieses Mißverhältnis (absolute Zahlen/mediale Aufmerksamkeit) kommt?
Polyprion 15.05.2014
2.
Außer dem schwulen Paar mit Kinderwunsch kann ich nichts Un- oder Außergewöhnliches an Ihren Beispielfamilien finden. Was die Politik betrifft: Hier muß man auch deutlich unterscheiden zwischen dem, was gewisse Minderheiten und Lobbygruppen wollen und dem, was der Gesetzgeber (und damit leider auch verbundene Lobbygruppen) möchte. Wo ein Wille ist, da geht auch etwas. Es scheint am mangelnden Umsetzungswillen seitens der Regierung zu liegen.
angelobonn 15.05.2014
3. Politik für die breite Mehrheit
Der wichtigste Satz findet sich ganz am Ende des Artikels: "Knapp 5,7 Millionen Ehepaare mit minderjährigen Kindern lebten 2012 in Deutschland." Die klassische Familie stellt somit weiterhin und zum Glück nach wie vor die große Mehrheit dar. Auf diese Mehrheit zielen viele familienpolitische Maßnahmen, zu denen im weiteren Sinne auch das Ehegattensplitting gehört.
weltenbumler 15.05.2014
4. 200.000.000.000
Es ist einfach nicht mehr Zeitgemäß, "Familien" ohne Kinder steuerlich zu begünstigen. Welchen Grund sollte es dafür geben? Wenn man die Befölkerungsgruppe in Deutschland sucht, der es finanziell am besten geht, dann sind das die DINKS (Double income no kids). Das sind Menschen, die sich einen Haushalt teilen (Niedrigere Lebenshaltungskosten), niedrige Steuern zahlen (Ehegattensplitting; Steuerklasse 3 und 5) und trotzdem zwei volle Gehälter bekommen. Im Gegensatz dazu trifft die Alleinerziehenden die volle Wucht des Fiskus (Steuerklasse 1). Familienförderung sollte daher nur dahin fließen, wo Kinder leben. Interessant finde ich die gigantische Summe von 200 Mrd. Euro für Familienpolitische Leistungen.Wieviele Kinder gibt es denn in Deutschland, die von Ihren Eltern abhängig sind? Vielleicht 20 Mio.? Wenn also das Geld für Familien gezielt zur Förderung von Kindern verwendet würde, wären das rund 10.000€ pro Kind und Jahr. Natürlich gehen hiervon große Brocken an Schulen, Kindergärten und andere Kinderbezogene Einrichtungen, aber trotzdem bin ich sicher, dass es mit so viel Geld, in Deuschland keine Kinder geben muss, die Mittags zur Tafel essen gehen.
Urban Spit II. 15.05.2014
5. Weil...
---Zitat--- Es ist einfach nicht mehr Zeitgemäß, "Familien" ohne Kinder steuerlich zu begünstigen. Welchen Grund sollte es dafür geben? ---Zitatende--- Weil "Familien" ohne Kinder im Fall der Fälle auch wirtschaftlich benachteiligt werden. Solange nur Ehepaare im schlechten Fall füreinander einzustehen haben (sie also als wirtschaftliche Gemeinschaft angesehen werden), ist an der steuerlichen Behandlung einer Ehe als eine wirtschaftliche Einheit nur wenig auszusetzen...
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