Familienministerin Schröder: Frau Phantom

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Ihre Frauenquote ist umstritten, beim Betreuungsgeld klemmt es: Familienministerin Kristina Schröder bekommt politisch keinen Fuß auf den Boden. Mit ihrer komplizierten Konsenspolitik verstört sie sogar Parteifreunde, oft schweigt sie einfach. Was will diese Frau eigentlich?

Ministerinnen-Zwist: Kampf um die Macht Fotos
dapd

Berlin - Die Herbstsonne taucht das Ministerinnenbüro an weißen Vorhängen vorbei in helles Licht, auf dem Schreibtisch stehen ein Blumenstrauß, zwei Wasserflaschen. An einem großen Tisch sitzt Kristina Schröder, gut gelaunt.

Vor wenigen Monaten ist sie Mutter geworden. Über ihr Privatleben will die junge Familienministerin nichts nach draußen lassen, nicht darüber sprechen, wer etwa nachts aufsteht, um Lotte zu füttern. "Da bin ich wirklich eisern."

In der Pflicht hingegen sehe sie sich, wenn es darum geht, wie Beruf und Familie zu vereinbaren sind. Sie wolle offen sagen, dass ihr ein beruflicher Termin am Sonntag wegen ihrer Tochter schlecht passe, "und nicht verdruckst irgendwelche Ausreden erfinden", sagt Schröder, nimmt einen Schluck aus ihrem Wasserglas und lächelt. Sie wirkt ruhig und gelassen.

Aber politisch liegen brutal harte Wochen hinter der Ministerin.

Bei einem Treffen mit Konzernvorständen zur Frauenquote mobbte ihre Vorgängerin, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, sie öffentlich. "Von der Leyen machte Schröder vor aller Augen fertig. Sie missachtete Regeln des politischen Anstands. Sie stahl Schröder die Schau, versaute deren ganze Veranstaltung, mit Eiseskälte", schrieb der SPIEGEL.

Die nächste Demütigung: Im Koalitionsausschuss am vergangenen Sonntag wurden Schröders Vorstellungen zum Betreuungsgeld zerrieben. Die Ministerin will auch Eltern, die wenige Stunden in der Woche arbeiten, das Geld zahlen. Sie propagiert diese Idee als modern und gerecht, will damit gleichzeitig den Vorwurf ausräumen, mit dem Geld werde Müttern eine "Herdprämie" gezahlt. Aber offenbar hat selbst Kanzlerin Merkel nicht durchdrungen, was Schröder eigentlich will, und den Forderungen der CSU nachgegeben. Das Ganze ist verworren: Die Christsozialen wehren sich dagegen, dass auch Familien, die ihr Kind einige wenige Stunden in der Kita betreuen lassen, die Prämie bekommen. Die "Gruppe der Frauen" in der CDU-Fraktion hingegen geht gegen das CSU-Modell auf die Barrikaden, Familien überhaupt ein Betreuungsgeld zu überweisen, wenn sie ihre Kinder nicht in eine Kita schicken. "Wenn es bei der Barzahlung bleibt, werde ich nicht zustimmen", sagte die Sprecherin der Gruppe, Rita Pawelski, der "Welt". Die Frauen verlangen, dass in solchen Fällen lediglich Gutscheine für Bildungsleistungen ausgegeben werden sollen. Auch die Frauen-Union ist gegen eine Barauszahlung der Prämie. Am Freitag konterte Dorothee Bär von der CSU dagegen noch mal: "Das Betreuungsgeld kommt. Definitiv. Und definitiv auch als Barleistung."

FDP-Generalsekretär Christian Lindner wiederum erklärte, er gehe nicht davon aus, dass teilzeitberufstätige Elternteile Geld bekämen. Es herrscht große Verwirrung, immer noch ist vollkommen unklar, wer das Betreuungsgeld nun eigentlich beziehen wird.

Und die Ministerin bleibt seltsam still.

Schröder sieht sich als Liberale

Als im Frühjahr bekannt wurde, dass Schröder schwanger ist, zitierte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" einen CDU-Politiker mit dem Satz: "Die Schwangerschaft ist das Beste, was ihr passieren kann. Jetzt wird man sie ernster nehmen. Das kann ein Wendepunkt in ihrer Ministerzeit werden."

Doch danach sieht es nicht aus. Seit die 34-Jährige aus der Babypause zurück ist, erweckt sie den Eindruck einer Getriebenen, einer Ministerin, die ihr Thema bei den wichtigsten Projekten nicht im Griff hat. Ein klares Profil ist nicht erkennbar: Ist sie eine Streiterin für Frauenrechte? Oder nicht? Knickt sie bei der Frauenquote vor den Konzernen ein? Was will sie?

Schröder verteidigt ihre stille Politik als Kampf für echte Wahlfreiheit. Sie sieht sich als Liberale, die die Menschen selbst entscheiden lassen möchte, wie sie leben wollen. "Viele treibt es in der Tat zur Verzweiflung, dass ich nicht sage, ich stehe für die 50:50-Arbeitsverteilung in der Familie oder das Modell, bei dem die Frau zu Hause bleibt. Es ärgert viele, dass ich nicht in eine Schublade zu stecken bin", sagt sie etwa. Oder: "Ich bin eine der wenigen Politikerinnen, die Wahlfreiheit wirklich in die Tat umsetzen und sich dagegen wehren, dass der Staat so etwas Privates wie die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau auch nur nahelegt. Es ist etwas anderes, ob ich meiner besten Freundin etwas rate, oder ob ich es als Familienministerin quasi gouvernantenhaft vorschreibe." Es sind Sätze, die vernünftig klingen.

Protegiert von Merkel

Das Problem ist: Eine politische Botschaft, ein politisches Projekt ist daraus nicht zu erkennen. Es wirkt wie eine schöne Verpackung dafür, dass Schröder eigentlich selbst nicht genau weiß, was sie will. Sie versucht, so scheint es, es allen ein bisschen recht zu machen. Und schafft es doch nicht.

Und nun hat sie sich ausgerechnet das Betreuungsgeld ausgesucht, um ihre politische Eigenständigkeit zu demonstrieren - tatsächlich war von Anfang an klar, dass mit dem Thema nichts zu gewinnen ist.

Und tatsächlich: Die Frauen ihrer eigenen Partei wenden sich gegen Schröders Wunsch einer Barauszahlung, auch ihr Selbstverpflichtungsmodell bei der Frauenquote ist umstritten: Die Frauen-Union sprach sich für eine feste gesetzliche Quote in den Aufsichtsräten ab 2018 aus. In den eigenen Reihen wird das Murren über die Familienministerin lauter.

Aus den Koalitionsfraktionen heißt es: "Schröder hat vor allem in der eigenen Partei ein großes Problem." Es sei klar, dass Schröder nicht wegen ihrer politischen Stärke Ministerin wurde, heißt es. Und: "Sie setzt nichts durch", sei zu leise, trete nicht für die Frauen ein. Von der Leyen habe es geschafft, dass Familienpolitik in Deutschland wirklich diskutiert wurde, von Schröder sei das nicht zu erwarten. "Wenn man in der Familienpolitik etwas durchsetzen will, dann geht man immer noch zu von der Leyen", sagt eine Bundestagsabgeordnete.

Es ist ein verheerendes Fazit.

Dabei hat Schröder eigentlich gleich mehrere Trümpfe: Viele Parteikollegen empören sich über das Auftreten von der Leyens gegenüber Schröder. Zugleich ist Schröder für Merkel ein wichtiges Signal: Als erste Ministerin mit Baby verkörpert die Familienministerin die moderne Partei.

Die Kanzlerin hat Schröder bei ihrem Aufstieg immer wieder offensiv unterstützt. Als Merkel Schröder - die damals noch Köhler hieß - vor zwei Jahren fragte, ob sie Ministerin werden wolle, hatten Köhler und ihr Mann Ole Schröder zwei Wochen vorher die Einladungen zur Hochzeit verschickt. "Es war klar: Jetzt wollen wir Kinder. Und wir wollen nicht noch mal vier Jahre warten, deshalb habe ich der Kanzlerin gesagt: Das geht doch nicht. Da hat sie sofort gesagt: Das kann trotzdem funktionieren." Immer wieder habe die Kanzlerin seitdem ihre Unterstützung deutlich gemacht: "Sie hat mir schon mehrmals gesagt: Wenn Lotte krank ist, dann ist das auch nicht schlimm, dann geht die Welt nicht unter, dann schickst du mir 'ne SMS, und wir regeln das", erzählt die Ministerin.

Aber die Kanzlerin ist beschäftigt mit der Rettung des Euros, mit dem Streit um den Mindestlohn. Für ihre in Not geratene Ministerin hat Merkel daher wenig Aufmerksamkeit übrig.

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insgesamt 67 Beiträge
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1. Klare Angelegenheit
Parthenon 12.11.2011
Zitat von sysop*Was will diese Frau eigentlich?
Klare Antwort: Ministergehalt und Privilegien. Je länger desto bester - zumindest aus ihrer Sicht.
2. Wir brauchen ein neues System!
unixv 12.11.2011
Zitat von sysop.*Was will diese Frau eigentlich? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,796511,00.html
Kohle scheffeln, wie all die anderen Nichtsleister auch! Scheint wirklich so dass die Dame ... Koch-Merin da als Vorbild funktioniert! Nicht arbeiten durch nichts glänzen aber vom Steuerzahler übermäßig gut bezahlt, so kann man auch Geld verbrennen! Wir sind ja auch so Dekadent und leisten uns eine ganze Partei, die FDP welche überhaupt nichts leistet gut zu bezahlen! Wirklich pervers das ganze System!
3. -
PZF85J 12.11.2011
Zitat von sysopIhre*Frauenquote ist umstritten, beim Betreuungsgeld klemmt es: Familienministerin Kristina Schröder bekommt*politisch keinen Fuß auf den Boden. Mit ihrer komplizierten Konsenspolitik*verstört sie sogar Parteifreunde, oft schweigt sie einfach.*Was will diese Frau eigentlich?
Der MinisterInnen-Job ist viel zu früh gekommen. Wenn Sie klug gewesen wäre, dann hätte sie ihn abgelehnt. Aber das Geld und die Privilegien haben die Klugheit besiegt.
4. was will die frau eigentlich?
blitzunddonner 12.11.2011
Zitat von sysopIhre*Frauenquote ist umstritten, beim Betreuungsgeld klemmt es: Familienministerin Kristina Schröder bekommt*politisch keinen Fuß auf den Boden. Mit ihrer komplizierten Konsenspolitik*verstört sie sogar Parteifreunde, oft schweigt sie einfach.*Was will diese Frau eigentlich? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,796511,00.html
nicht auffallen. niemandem auf die füße treten, keine kosten verursachen, die periode heil überstehen. eigentlich eine perfekte merkel-nachfolgerin.
5. Noch am sympathischsten ...
Mannskerl 12.11.2011
Zitat von sysopIhre*Frauenquote ist umstritten, beim Betreuungsgeld klemmt es: Familienministerin Kristina Schröder bekommt*politisch keinen Fuß auf den Boden. Mit ihrer komplizierten Konsenspolitik*verstört sie sogar Parteifreunde, oft schweigt sie einfach.*Was will diese Frau eigentlich? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,796511,00.html
Unter all den höchst dubiosen, durch und durch profilneurotischen Frauen des postdemokratischen politischen Betriebs ist die Schröder noch eine der sympathischsten. Freilich schlechte Voraussetzungen für ein Durchkommen im komplett durchgeknallten deutsch-privatisierten Politi-Betrieb.
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