Debatte um Familiennachzug Flüchtlinge mal x = Panikmache

Wie viele Flüchtlinge werden ihre Angehörigen nachholen? Die Politik streitet über den Familiennachzug. Doch Warnungen vor angeblichen Nachzügler-Massen sind unseriös und gefährlich.

Flüchtlingsfamilie in Berlin: Wer Asyl bekommt, hat Anspruch auf Nachzug der engsten Angehörigen
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Flüchtlingsfamilie in Berlin: Wer Asyl bekommt, hat Anspruch auf Nachzug der engsten Angehörigen

Von und (Grafiken)


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Natürlich können Flüchtlinge, die in Deutschland als solche anerkannt wurden, Familienangehörige nachholen. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Denn der im Grundgesetz verbriefte Schutz von Ehe und Familie gilt für jeden, der hier dauerhaft leben kann. Ganz gleich, ob er oder sie in Deutschland geboren ist oder nicht.

In der gegenwärtigen Flüchtlingskrise jedoch gewinnt dieser Schutz von Ehe und Familie an Brisanz. Wie viele werden nachziehen? Diese Frage stellen sich Bevölkerung und Politiker von der Kommunal- bis zur Bundesebene.

"Wir rechnen damit, dass sehr viele Frauen und Kinder nachkommen", sagte Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) am Dienstag. Und die CSU sieht nicht nur sehr viele, sondern zu viele Menschen anreisen. Ihre Forderung deshalb: Familiennachzug beschränken.

Dabei ist eine Prognose, wie viele Schutzsuchende tatsächlich eine Familie haben, die sie nach Deutschland holen wollen und können, mindestens genauso schwierig wie eine Prognose der Flüchtlingszahlen selbst. Einen Automatismus gibt es nicht.

Um welche Zahlen geht es?

2015 werden mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen als zunächst angenommen. Die Prognose von 800.000 Flüchtlingen hat sich offensichtlich überholt, im September fanden besonders viele Menschen hierzulande Schutz. Warum nicht jeder Flüchtling Anspruch auf Asyl hat und warum eine Vorhersage der Flüchtlingszahlen so schwierig ist, lesen Sie hier.

Laut dem früheren Präsidenten des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf), Manfred Schmidt, machten im Durchschnitt je Flüchtling drei Familienangehörige einen Anspruch auf Nachzug geltend. Allein daraus ergebe sich ein "Nachzugspotenzial" von 600.000 Menschen allein aus Syrien, kalkuliert der CSU-Politiker Johannes Singhammer.

Zudem geht eine angebliche interne Schätzung deutscher Behörden laut "Bild"-Zeitung davon aus, dass jeder Flüchtling, der in Deutschland Asyl erhält, im Durchschnitt vier bis acht Angehörige nachziehen lassen könnte. Heißt: Die Zahl der Flüchtlinge könnte dadurch auf über sieben Millionen wachsen.

Wie seriös sind die Prognosen?

Der Ökonom der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Thomas Liebig, hält solche Schätzungen für unseriös.

Über zwei Drittel der syrischen Flüchtlinge in Deutschland - sie sind die größte Gruppe der Asyl-Erstantragssteller - seien Männer, der weit überwiegende Teil davon Erwachsene. "Es werden sicherlich Frauen und Kinder, die zurückgelassen werden mussten, nachkommen", sagt er.

Allerdings dürfe man nicht einfach die anerkannten Asylbewerber mit einer beliebigen Zahl möglicher Familienmitglieder multiplizieren. "Wer das tut, schürt Panik", sagt Liebig - und erklärt, warum Prognosen zum Familiennachzug so schwierig sind:

  • "Wir haben keine belastbaren Zahlen, wer überhaupt eine Familie hat und wie groß diese ist", sagt er. Tatsächlich wird der Familienstatus von Flüchtlingen bei der Erstregistrierung laut Bamf in der Regel nicht vermerkt - auch wenn es in einigen Bundesländern Ausnahmen geben könne.

  • Liebig geht davon aus, dass nicht jeder anerkannte Flüchtling, der eine Familie zurücklassen musste, diese zeitnah nachholen möchte. "Der überwiegende Teil syrischer Flüchtlinge in der Türkei befindet sich nicht in den Flüchtlingslagern, sondern in den Städten, mit Infrastruktur und einem - wenn auch häufig sehr schwierigen - Alltag." Es sei durchaus denkbar, dass ein Familienmitglied in Europa nach Arbeitsaufnahme die zurückgelassene Familie finanziell unterstütze und man zunächst getrennt lebe.

  • Ein Familiennachzug ginge nicht von heute auf morgen. "Der Prozess ist häufig langwierig und kompliziert." Auf einen Termin in der Botschaft warten Nachzugsberechtigte manchmal bis zu einem Jahr.

Selbst wenn jeder Flüchtling eine Familie zurückgelassen hätte und diese nachziehen würde, wäre die Schätzung von "vier bis acht" Angehörigen immer noch zu hoch angesetzt, betont der Experte. "In der Regel ist der Familiennachzug, von Ausnahmen abgesehen, nur für die engere Familie, also Ehepartner und minderjährige Kinder, vorgesehen". Verglichen mit Geburtenraten in betroffenen Ländern gehe die Rechnung nicht auf.

Wie funktioniert Familiennachzug?

In der Grafik sieht man die Familienzusammenführungen vergangener Jahre, mit einer zuletzt steigenden Tendenz. 2014 wurden etwa 51.000 Visa für Familien-Nachzügler erteilt. Im ersten Halbjahr 2015 waren es 30.000 Visa. Dies betrifft aber nicht nur Flüchtlinge, sondern weltweit alle Nachzüge aus Drittstaaten.

In diesem und im kommenden Jahr dürften es mehr werden, angeblich gehen aktuell in der deutschen Botschaft in Beirut täglich 100 Anträge allein von Syrern auf Familiennachzug ein. Belastbare Zahlen gibt es aber nicht.

Anerkannte Flüchtlinge können ihre Ehepartner und minderjährige Kinder nach Deutschland holen, für andere Verwandte stehen die Chancen schlechter. Alleinreisende Minderjährige, die Asyl bekommen, dürfen ihre Eltern nachholen.

Für Zuwanderer generell gibt es Hürden: Neben einem gültigen Aufenthaltstitel muss ausreichend Wohnraum und ein gesicherter Lebensunterhalt der Familie nachgewiesen werden. Eine Reihe Regeln, wie den Nachweis von Deutschkenntnissen, schlüsselt das Bamf hier auf. Bei Menschen, die einen Familiennachzug innerhalb von drei Monaten nach Erteilung des Asylstatus beantragen, fällt eine Prüfung dieser Voraussetzungen weg.

Die Zusammensetzung der Flüchtlinge bietet nur bedingt Anhaltspunkte für Nachzugspläne. Männer sind klar in der Überzahl, insbesondere bei syrischen Flüchtlingen seien deshalb noch "viele Frauen und Kinder in der Türkei", sagt Liebig.

Zugleich sind jene Frauen, die einen Asylantrag stellen, aber oft noch sehr jung - mehr als die Hälfte ist unter 25 Jahre. Die meisten von ihnen dürften noch keine Familie oder zumindest nicht mehrere Kinder haben.

OECD-Experte Liebig warnt davor, den Familiennachzug vor allem als weitere Belastung in der Flüchtlingskrise zu sehen. "Gerade kleine Kinder anerkannter Flüchtlinge sollten möglichst rasch nach Deutschland hinterherkommen. Je früher ein Kind hier zur Schule gehen kann und die Sprache lernt, desto schneller wird es sich integrieren." Das liege in unser aller Interesse.


Zusammengefasst: 2015 wird ein Rekordjahr der Flüchtlingszahlen in Deutschland, viele Schutzsuchende werden nach einem erfolgreichen Asylantrag ihre Familien nachholen wollen. Hochrechnungen dazu sind allerdings hoch spekulativ, belastbare Zahlengrundlagen fehlen. Millionen-Prognosen ignorieren, dass man Flüchtlinge nicht einfach mit einem Familienfaktor x multiplizieren kann, sagt ein Experte.

mit Material von dpa

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