Realitätscheck Das brauchen Familien in Deutschland wirklich

Patchwork, Regenbogen, Alleinerzieher: So geht Familie in Deutschland heute, trotzdem setzt die Politik beharrlich auf die Ein-Verdiener-Ehe mit Kind. Was wollen Familien wirklich? Eine Umfrage.

Familie Vogt aus Düsseldorf: Vier Kinder und ein Au-pair-Mädchen

Familie Vogt aus Düsseldorf: Vier Kinder und ein Au-pair-Mädchen

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Die Menschen in Deutschland haben längst Fakten geschaffen. Niemand muss mehr heiraten, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden. Kinder wachsen heute bei ledigen und bei verheirateten Eltern auf, bei der Mutter oder beim Vater, in Patchworkfamilien oder sogar bei zwei Vätern.

Es ist noch gar nicht lange her, da gab es lediglich ein Ideal von Familie: das verheiratete Paar mit Kindern. Er brachte das Geld nach Hause, sie kümmerte sich um Heim und Nachwuchs. Wenn sie arbeiten gehen wollte, benötigte sie die Erlaubnis ihres Mannes. Scheidung war ein schlimmer Makel, alleinerziehende Mütter galten als gefallene Mädchen, und schwule Paare mit Kindern… unvorstellbar.

Dabei ging es auch früher hinter den geschlossenen Wohnungstüren oft nicht so heil und sittsam zu, wie die Nachbarn glauben sollten. Familie in all ihren Formen ist zwar auch heute keine Herberge des garantierten Glücks - aber viele Menschen empfinden die Wahlfreiheit als riesigen Gewinn.

Nach wie vor ist die Ehe mit rund 18 Millionen Paaren die verbreitetste Familienvariante. Aber ihre Bedeutung schrumpft. So gab es etwa 1955 mehr als 617.000 Eheschließungen und rund 74.000 Scheidungen in Deutschland. 50 Jahre später waren es nur noch 388.000 Brautpaare, aber 202.000 zerbrochene Ehen.

Modern wie ein Telefon mit Wählscheibe

Die Gesetze zur Familienpolitik stützen dennoch unverdrossen die Ein-Verdiener-Ehe. Eine von der Bundesregierung selbst in Auftrag gegebene Studie stellte im vergangenen Jahr ein vernichtendes Zeugnis aus. Die mehr als 150 familienpolitischen Leistungen kosten über 200 Milliarden Euro im Jahr - und sind den Gutachtern zufolge wenig zielgerichtet verteilt. Seit Jahren schon kritisieren Fachleute vor allem das Ehegattensplitting und die mangelnde Ganztagsbetreuung für Kinder. Doch vor allem die Union will die Ehe weiter fördern und denkt höchstens darüber nach, dabei Kinder zu berücksichtigen - aber auch um dieses Vorhaben ist es längst wieder still geworden.

Dabei ist gerade das Ehegattensplitting als Instrument der Familienpolitik so modern wie ein Telefon mit Wählscheibe. Es begünstigt das Hausfrauendasein. Dabei möchten nur noch 30 Prozent der Frauen nach der Geburt eines Kindes länger als ein Jahr daheim bleiben. Und selbst die meisten Männer wollen heute keine Hausfrauen mehr. Laut einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung im Auftrag der "Brigitte" wünschen sich 76 Prozent der Männer eine Frau an ihrer Seite, die selbst ihren Lebensunterhalt verdient.

Die Gesellschaft hat die Hausfrau aus dem Blick verloren. Das spürt sie inzwischen spätestens nach der alltäglich gewordenen Scheidung: Die Zeiten, in denen der Ex bis ans Lebensende zahlen musste, sind längst vorbei.

In 70 Prozent der Familien mit minderjährigen Kindern sind die Eltern verheiratet, in 20 Prozent ist ein Elternteil alleinerziehend, und in 10 Prozent der Familien leben die Eltern andere Gemeinschaften. So vielfältig Familie heute ist, so unterschiedlich sind die Wünsche an die Familienpolitik. Und dabei geht es nicht in erster Linie ums Geld. Eher um eine bessere Infrastruktur für Familien. Und darum, auch die Unternehmen stärker in die Pflicht zu nehmen.

  • Jennefer Vogt etwa, Mutter von vier Kindern, wünscht sich qualifizierte und bezahlbare Betreuer für den Notfall.
  • Stefan Krammer, unverheirateter Vater von zwei Kindern, wünscht sich eine Gleichbehandlung aller Familien.
  • Marcus Staiger, Patchworkvater von insgesamt drei Kindern, wünscht sich mehr Unterstützung von den Behörden in schwierigen Familiensituationen.
  • Bastian Fischborn, Ehemann und Vater, wünscht sich qualitativ hochwertige Betreuung in Kitas und Schulen.
  • Christine Finke, alleinstehende Mutter von drei Kindern, wünscht sich eine Alleinerziehenden-Quote für Arbeitgeber.

Wie fühlt sich Familie in ihren verschiedenen Formen heute an? Wo liegen die Probleme? SPIEGEL ONLINE hat bei acht Familien nachgefragt.

insgesamt 295 Beiträge
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Seite 1
M. Michaelis 15.05.2014
1.
Die Frage ist passt man pragmatisch die Politik der Realität an oder folgt die Politik einem beispielhaften Idealbild. Der Zustand der Familien in in vielerlei Hinsicht desolat, die modernen Formen haben leider grösstenteils destruktive Folgen für die Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt. Das wir aber nicht besser wenn man sich weiterhin an einem Ideal festklammer und damit die Probleme noch grösser macht als sie schon sind.
sok1950 15.05.2014
2. wer entscheidet über das was ideal ist?
Die ideale Familie ist noch immer (leiblicher) Vater, (leibliche) Mutter und Kind(er). Ob verheiratet, wer das Geld anschafft usw. ist dabei völlig gleichgültig. Aber so sieht nun mal die ideale Organisationsform der Familie aus.
silberstern 15.05.2014
3.
Das wirkliche Problem ist die Elternfokussierung. Die aufgeführten Äußerungen zeigen dies deutlich. Jede/r will mehr Kohle, Abnahme des Erziehungsaufwand oder persönliche Bevorzugung weil man ein Kind in die Welt gesetzt hat. Nie geht es um das Kind selbst.
wannewupp 15.05.2014
4. Ehegattensplitting
Warum wird nur immer wieder geschrieben, das Ehegattensplitting begünstige das Hausfrauendasein? Man könnte darüber diskutieren, ob es gerecht ist, dass nur verheiratete Paare diesen Steuervorteil haben (neben den Finanziellen Einstandspflichten gegenüber dem Ehepartner), nur Hausfrauendasein fördert es dadurch nicht. Wenn ein Ehepartner durch die Wahl der Steuerklasse nicht zur Arbeit motiviert ist, kann das Paar doch die Kombination wechseln. Das Problem scheint nur zu sein, dass viele nicht verstehen, dass das für die Höhe der Steuerschuld (bei gemeinsam veranlagten Partnern) keinen Unterschied macht.
sok1950 15.05.2014
5. wer entscheidet über das was ideal ist?
Die ideale Familie ist noch immer (leiblicher) Vater, (leibliche) Mutter und Kind(er). Ob verheiratet, wer das Geld anschafft usw. ist dabei völlig gleichgültig. Aber so sieht nun mal die ideale Organisationsform der Familie aus.
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