Fanatismus Unser Reich komme

Was haben Salafisten, die an den Gottesstaat glauben, und die Aktivisten der Tierschutzorganisation Peta gemein? Auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten mehr, als man meinen sollte.

Makaken (Symbolfoto)
REUTERS

Makaken (Symbolfoto)

Eine Kolumne von


Bei der Befreiung von Mossul haben sie vor einigen Wochen eine 16-Jährige aus Pulsnitz aus den Trümmern gezogen. Pulsnitz ist eine Kleinstadt in der Nähe von Dresden. 7.500 Einwohner. Das Aufregendste dort ist der "Pulsnitzer Gesundheitslauf", der einmal im Jahr Ende August stattfindet.

Das Mädchen, Drittbeste ihrer Klasse mit einer Vorliebe für Mathe, Chemie und Physik, hatte sich im Sommer 2016 dem IS angeschlossen. Sie hatte sich mit einer gefälschten Bankvollmacht ein Ticket nach Istanbul gekauft. Dann war sie weiter in den Irak gereist und hatte sich mit einem IS-Kämpfer trauen lassen. In den Zeitungen herrschte großes Rätselraten, wie man als 16-Jährige freiwillig Pulsnitz mit Mossul tauschen kann.

Wenn Sie mich fragen, ist 16 Jahre das perfekte Alter, um verrückte Dinge zu tun. Zu meiner Schulzeit gab es den IS noch nicht. Dafür konnte man sich einer K-Gruppe anschließen, wie die diversen kommunistischen Kleinstparteien hießen, oder nach Poona gehen. Einer landete bei den Scientologen. Da lernt man nicht, Köpfe abzuschlagen, dafür aber seine Seele zu reinigen, indem man zwei Blechdosen in Händen hält, die angeblich die geheimsten Gedanken offenbaren.

Dschihad ist uns viel näher, als wir meinen

Wer sich einmal näher mit dem Innenleben von Sekten beschäftigt hat, der weiß, dass Menschen sich den abenteuerlichsten Ideen verschreiben. Man muss aus meiner Sicht ziemlich schräg darauf sein, um zu glauben, dass ein galaktischer Herrscher namens Xenu vor 75 Millionen Jahren die Menschen in Vulkane gestopft und mit Wasserstoffbomben in die Luft gejagt hat. Das ist nicht so weit weg von der Überzeugung, dass einen als Mann im Jenseits 72 Jungfrauen erwarten. Aber es ist genau das, was Scientologen glauben.

Es ist interessant, wie schwer es uns fällt, die Faszination des Fanatismus zu begreifen. Wenn wieder einmal ein Anhänger des Dschihad zugeschlagen hat, sind alle ganz baff, dass Menschen sich so radikalisieren können. "Warum?", lautet dann die Frage. Aber sie ist nach meinem Dafürhalten falsch gestellt. Die Frage ist nicht, warum es passiert, sondern warum nicht noch öfter. Der Dschihad ist uns viel näher, als wir meinen.

Dass man glaubt, die Welt retten zu müssen, ist offenbar ein Antrieb, der tief in der menschlichen Natur verankert ist. Das Bedürfnis, ein Endreich zu errichten, in dem nur noch die Gerechten regieren, scheint unausrottbar. Solange es bei einer Privatobsession bleibt, entsteht kein größerer Schaden. Problematisch wird es, wenn sich Menschen zusammentun, um ihre Überzeugung Wirklichkeit werden zu lassen.

Keine Nachsicht mit menschlichem Fehlverhalten

In der "Süddeutschen Zeitung" stand dieser Tage eine Geschichte über den Fotografen, der das berühmte Selfie eines indonesischen Schopfmakaken veröffentlicht hat. David Slater, so heißt der Fotograf, hatte 2011 längere Zeit in einem Reservat im indonesischen Dschungel verbracht. Irgendwann wurden die dort lebenden Affen so zutraulich, dass einer die Kamera nahm und auf den Auslöser drückte. Das Selbstporträt zeigt einen Makaken, der breit in die Kamera grinst. Es wurde auf Tassen gedruckt, auf T-Shirts und Magazine, und im Internet hunderttausendfach geteilt.

Dem Fotografen haben die Bilder kein Glück gebracht. Kaum waren sie im Umlauf, tauchte die Frage auf, wer eigentlich das Copyright besitze, der Affe oder der Fotograf. Das war am Anfang noch lustig, eine juristische Spielerei, die durchaus ihren Reiz hatte - bis sich die Tierrechtsorganisation Peta einschaltete und den Mann im Namen des Affen vor Gericht zerrte. Inzwischen ist der Fotograf pleite. "Ich wünschte, ich hätte die verdammten Fotos nie gemacht", zitiert die "SZ" Slater. "Sie haben mich finanziell und emotional ruiniert."

Ein Peta-Anwalt hat auch die Primatologin verklagt, die ursprünglich für den Affen als eine Art Rechtsbeistand bei Gericht fungieren sollten. Als sie ihr Unwohlsein über den Gang des Verfahrens äußerte und das Gespräch mit dem Peta-Anwalt suchte, der die Sache in den USA vorantreibt, rief dieser die Polizei und ließ sie in Handschellen wegen Belästigung und Hausfriedensbruch abführen, so steht es in der "Süddeutschen". Ich fürchte, wenn die Tierschutzgläubigen dereinst ihr Reich errichtet haben, in dem das Tier heilig ist, wird mit menschlichen Abweichungen und Regelübertretungen nicht allzu nachsichtig verfahren werden.

Sich mit Gegensätzen beschäftigen

Der geschätzte Kollege Harald Martenstein hat im "Tagesspiegel" einen Fragebogen veröffentlicht, anhand dessen man erkennen kann, ob man zum Radikalismus neigt. "Glauben Sie, man kann, wenn man die richtigen Maßnahmen trifft und die richtigen Leute am Ruder sind, das Paradies auf Erden schaffen?", lautet eine Frage. Eine andere ist, ob man jemals an seinen Grundüberzeugungen gezweifelt hat und dachte, na, die anderen haben ja irgendwie auch recht.

Weil Martenstein ein praktisch denkender Mensch ist, hat er gleich ein Fünf-Punkte-Programm entwickelt, wie man dem eigenen Radikalismus begegnen kann. Ich fand das eine glänzende Idee. Vor allem Punkt drei hat mir gefallen: Gehen Sie regelmäßig mit einer Person essen, die besonders abscheuliche Ansichten vertritt. Merkwürdigerweise empfiehlt Martenstein, dass man nicht über Politik reden solle. Wahrscheinlich will er einen am Anfang nicht überfordern. Wie auch immer: Sich fremden Überzeugungen auszusetzen, ist der beste Schutz gegen Fanatismus.

Sind wir ideologischer geworden? Dazu würde mich die Meinung der Leser interessieren. Es wird immer behauptet, aber wenn ich mich an meine Schulzeit in den Siebzigerjahren erinnere, kann ich nicht sagen, dass es damals so viel unideologischer zugegangen wäre. Es ist allerdings einfacher geworden, sich nur noch mit Meinungen zu beschäftigen, die einem zusagen. Das scheint mir der Unterschied zu sein. Wer will, kann sich heute ausschließlich aus Quellen bedienen, die einem in dem bestätigen, was man ohnehin schon zu wissen meint.

Ich habe beschlossen, mehr von Peta zu lesen. Man solle mehr Texte lesen, die aus der entgegengesetzten weltanschaulichen Ecke kommen, heißt es im "Tagesspiegel". Es müssten allerdings intelligente Autoren sein.

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marty_gi 10.08.2017
1. Aktienmarkt Glaeubiger....
Und wo ist jetzt der Unterschied zu all den anderen "Glaeubigen"? Wie einem Fleischhauer, der an Kapitalismus und den Aktienmarkt glaubt? Oder die Evangelikalen in den USA? Die auch einen Gottesstaat moechten? Ganz ehrlich, das einzige woran ich noch glaube, ist die uneingeschraenkte Dummheit des Menschen.
skilliard 10.08.2017
2.
Ich bin in einer Facebookgruppe mit einem Gesundheitsthema. Neben echt guten Informationen zum Thema findet man vor allem eine leider gar nicht so kleine Clique, die ständig wiederholt, wie böse "die Pharma" ist, dass man die Menschen ja viel besser mit kollodialem Silber behandeln könnte statt bösen Antibiotika und - natürlich - dass Chemtrails real sind wenn man das Gegenteil behauptet gehört man zu "den Schafen", die sich von "der Pharma" und der Regierung verblöden lassen während sie zur wissenden Klasse gehören und frei denken und eine eigene Meinung bilden können. Ich rede mit denen nicht mehr, ich blocke die nur noch beim ersten auftreten. Ich habe schon so viele Debatten mit solchen Leuten gehabt, es raubt einem einfach nur die Lebenszeit.
Konservativ in Dosen 10.08.2017
3. Mach ich schon längst...
...und lese wöchentlich Ihre Kolumne ;-)
Olaf 10.08.2017
4.
Das mit den intelligenten Autoren wird schwierig. Es wird überhaupt immer schwieriger noch einen Menschen zu finden, mit dem man eine kontroverse und intelligente Diskussion führen kann. Im Moment sind die Ideologen mit ihren einfachen Denkmodellen von gut und böse auf dem Vormarsch.
Leser161 10.08.2017
5. Sind wir ideologischer geworden?
Eine interessante Frage. Zu Mal man im Alter vernünftiger wird. Ich kann nur sagen, dass es zu meiner Schulzeit weniger vielfältig zuging. Es gab eine korrekte Meinung, die wurde einem beigebracht. Nur der Musterschüler wagte mal mit dem LEHRER zu diskutieren, bekam dafür aber auch gleich eine schlechte Note. Schon der CDU-Lehrer war irgendwie so eine Art Aussenseiter. Konkurrierende Jugendgruppen gab es nicht. Ausser vielleicht Schlager gegen Techno. Oh und ein zwei Metaltypen.. Aber da hat man sich halt gegenseitig ignoriert, statt zu streiten. Heutzutage kann ich mir duchs Internet ganz viele Meinungen zuführen, wenn ich möchte. Manche Argumente der Gegenseite sind sogar richtig gut. Schade finde ich es, dass die Politik sich in die entgegengesetzte Richtung entwickelt hat. Fand früher Rot/Grün alles schlecht was schwarz/gelb gemacht hat und umgekehrt, scheinen heute alle Politiker einer Meinung zu sein. Ausser den BÖSEN natürlich. Das frustet mich in Bezug auf die kommende Wahlentscheidung.
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