Besetzte Fläche in Berlin Cuvry-Brache droht die Räumung

Auf der Cuvry-Brache in Berlin-Kreuzberg leben rund 150 Menschen in Bretterverschlägen und Zelten. Nun will der Investor die Fläche räumen lassen und eine Wohnanlage mit Spreeblick bauen. Die Bewohner begehren auf.

Cuvrystraße in Berlin-Kreuzberg: Auf dem Gelände leben die Bewohner in selbstgebauten Baracken
imago/ Sabine Gudath

Cuvrystraße in Berlin-Kreuzberg: Auf dem Gelände leben die Bewohner in selbstgebauten Baracken

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Berlin - Der Eingang zu der von bunt beklebten Bauzäunen umringten Fläche am Kreuzberger Spreeufer fällt kaum auf. Erst beim zweiten Hinsehen entdeckt man das große Tor, das den Blick auf die Brache freigibt. Sofort wird klar: Hier herrschen andere Verhältnisse, als draußen auf der belebten Cuvrystraße im Szeneviertel Berlins.

Selbstgebaute Baracken aus Sperrmüll und alten Brettern säumen den staubigen Weg, der geradeaus bis zur Spree führt. Neben Müllbergen und alten Matratzen wachsen Sonnenblumen. Entlang des Spreeufers stehen Iglu-Zelte und ein Tipi inmitten von wild wuchernden Büschen. Das bunt zusammengewürfelte Camp wird auch als erste Favela Deutschlands bezeichnet.

Vor etwa drei Jahren bauten die ersten Aussteiger auf der freien Fläche ihre Zelte auf. Inzwischen besetzen etwa 150 Menschen das Gelände, das sich mittlerweile zum Politikum entwickelt hat. Jetzt droht ihnen die Räumung.

Ein drahtiger Mann mit lockigen, schwarzen Haaren und einer ausgebeulten Cordhose steht mit einem Glas voller Kleingeld in der Hand in der Nähe des Eingangs. Sein Name ist Artur. Genau wie der Besitzer des Grundstücks, auf dem er mit seinen schmutzigen, grauen Stiefeln steht: Die besetzte Fläche gehört dem Investor Artur Süsskind.

"Wir sind alle eine Gemeinschaft"

Ob der braungebrannte Mann mit Stoppelbart wirklich Artur heißt, oder ob er sich den Namen nur ausgedacht hat, bleibt ungewiss. Nachprüfen kann man es nicht, denn Artur hat keinen Pass, er ist staatenlos. "Ich bin ein Weltbürger", sagt er. "Ich will keinen Pass, denn ich fühle mich keiner Nation angehörig. Wir sind alle eine Gemeinschaft."

Seit 1995 lebt der gebürtige Albaner in Deutschland, seit acht Monaten auf der Cuvry-Brache. Wenn Artur erzählt, klingt er wie ein Philosoph. Die beiden Arturs, so sagt er, hätten völlig unterschiedliche Vorstellungen vom Leben. Der eine sei reich und wohne wahrscheinlich in einer pompösen Villa. Der andere lebe in einem Bretterverschlag, ohne Strom, Dusche und Toilette, Tür an Tür mit Roma-Familien, Überlebenskünstlern und Obdachlosen. "Ich will hier leben, bis ich sterbe", sagt Artur. "So wie wir hier sollte auch der Rest der Welt leben." Damit meint er: ohne klare Regeln und Gesetze, in einem Freiraum, in dem jeder tun und lassen kann, was er will, einer "Welt ohne Geld". Geld mache die Menschen abhängig und habgierig - "so wie Artur Süsskind."

Sobald der Name des Münchner Investors auf der Cuvry-Brache fällt, verdunkeln sich die Mienen der Bewohner. Süsskinds Firma Nieto hat das rund 10.000 Quadratmeter große Grundstück an der Spree 2011 vom Senat gekauft. Nun will er auf dem Gelände eine Wohnanlage mit Ufergrünzug und Einzelhandel bauen lassen.

Die Bewohner wollen nicht gehen

"Cuvryhöfe" heißt das Projekt, der Bebauungsplan wurde bereits vom Senat bewilligt. Eine Luxus-Wohnanlage mitten in Kreuzberg? "Nach derzeitigem Stand ist ein Anteil von 20 Prozent preisgünstiger Wohnungen geplant", sagt eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Ob die Nieto GmbH über alternative Bebauungspläne nachdenkt und wann eine definitive Räumung geplant ist, bleibt unklar - bis zuletzt hat Süsskind nicht auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE reagiert.

Bekannt ist nur: Im Juni hat die Nieto einen Räumungsantrag gestellt, der momentan von der Polizei geprüft wird. Fest steht auch: Die Bewohner wollen nicht gehen.

"Die Öffentlichkeit ist jetzt wichtig, damit die Leute selbst sehen können, dass wir keine wilden Tiere sind", sagt Artur. Doch was bekommen sie dann zu sehen? Eine Welt ohne Geld? Nicht ganz. Artur sammelt Flaschen und er geht betteln. Nicht alle, die auf der Brache leben, teilen seine Ideologie. Einige leben hier, weil sie keine andere Wahl haben. Die unterschiedlichen Lebensentwürfe auf der Brache haben die Bewohner gespalten. Drogen- und Alkoholprobleme tragen ihren Teil dazu bei.

Besonders deutlich werden die Gegensätze, wenn man die Mittelachse der Brache entlangläuft: Die Roma-Familien haben ihre Kinder mitgebracht, die hier zwischen den Müllhaufen spielen. "Viele der Familien auf dem Gelände wissen einfach nicht, wohin sie sonst sollen", sagt Sascha Langenbach, der Sprecher des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg. Es sei wichtig, alternative Lebensräume zu bewahren, vor allem in Kreuzberg. Aber die soziale Infrastruktur sei ebenso wichtig. "Wenn Kinder von solch einem Elend betroffen sind, muss die Politik reagieren", fordert der Bezirksamtssprecher.

Eine Idee wäre es, so Langenbach, dass der Senat die Fläche zurückkaufe und mit Sozialwohnungen oder einer Kita bebaue. Auf der Brache geht indes das Gerücht um, dass die Hälfte des Geländes verkauft und die andere Hälfte bebaut werden solle. Auch dazu wollte sich der Investor nicht äußern. Viele Ideen, ein Grundstück, keiner weiß so recht, wie es weitergehen soll. Wo 150 Menschen hinsollen, wenn die Polizei auf die Fläche stürmt und sie vertreibt. Wer in die Häuser einzieht, die dorthin gebaut werden sollen, wo seit drei Jahren ein kultureller Freiraum existiert, von denen es nur noch wenige gibt in Berlin, der Stadt, die mit ihrer alternativen Szene wirbt.



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