FDP-Chef Heuss: Liberaler Opa für die Vitrine

Von Franz Walter

Es gab leichtere Jobs als den des FDP-Chefs: Nach der Wahl herrschte stets Sonnenschein, doch es dauerte nie lang, bis das Fußvolk zu nörgeln, zu schimpfen begann. Das größte Glück hatte noch Theodor Heuss, mit dem die Geschichte anfing.

Der Aufstieg hier ist mitunter atemberaubend; doch der Absturz nicht minder. So in etwa kann man Freuden und Nöte, Anfangseuphorien und Abschiedsdepressionen freidemokratischer Parteivorsitzender nach 1945 recht knapp und gewiss ziemlich flapsig auf eine Kurzformel bringen. Verschwenderischer jedenfalls ist bislang keine andere Alt-Partei der Bundesrepublik mit ihren Parteivorsitzenden umgesprungen, wenngleich die Sozialdemokraten am Ende ihres disziplinierenden Milieus sich seit rund 15 Jahren den liberalen Nonchalancen im Umgang mit den eigenen Parteiführern verblüffend weit angenähert haben.

Theodor Heuss, Deutschlands erster Bundespräsident: Kein Mann der kühnen Machtpolitik
DPA

Theodor Heuss, Deutschlands erster Bundespräsident: Kein Mann der kühnen Machtpolitik

Dennoch: Es gab im politischen Geschäft der deutschen Republik gewiss leichtere Jobs als den des Parteichefs in der FDP. Denn es war nie einfach, die liberalen Bürger von Besitz und Bildung politisch unter einen Hut zu bringen. Die liberalen Bürger waren Individualisten und keine Parteisoldaten, ohne Neigung für kollektive Organisation und disziplinierte Aktion. Mit geduldiger Loyalität oder gar Einordnung durften liberale Parteiführer lange nicht rechnen. Unmittelbar nach ihrer Wahl herrschte meist in der Partei eitel Sonnenschein, doch dann dauerte es in der Regel nicht sonderlich lange, bis das Klima umschlug. Und das Fußvolk im liberalen Bürgertum begann zu murren, zu nörgeln, zu schimpfen.

Das größte Glück hatte noch Theodor Heuss, mit dem die Geschichte anfing. Der erste Parteivorsitzende der Freien Demokraten zog 1949 rechtzeitig in das Bundespräsidialamt, musste daher seine Parteifunktionen niederlagen, brauchte sich folglich in den Niederungen von Bundespolitik und Bundespartei nach Gründung der Bundesrepublik gar nicht erst zu behaupten. Heuss wurde hernach ein großer, das Amt in langer Sicht prägender Bundespräsident. Ein ebenso großer, in vielen Gedenkreden und allerlei Festschriften gepriesener Parteivorsitzender wäre er nach Gründung der Bundesrepublik wohl nicht geworden. Vermutlich hätte er indes ziemlich gelitten im Kabinett von Konrad Adenauer, hätte gegen den alten Fuchs und seine harte, unsentimentale, wenn es sein musste: intrigenhafte Art der politischen Führung wohl chronisch den Kürzeren gezogen. Denn eine Mann der kalten, kühnen und durchsetzungsstarken Machtpolitik war der liberale Schwabe nicht.

In die Politik geriet Heuss, acht Jahre jünger als der Alte von Rhöndorf, im Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert. Er gehörte als junger Mann dem sozialliberalen Kreis um Friedrich Naumann an, redigierte dessen Zeitschrift "Hilfe", schrieb dafür unzählige Artikel, die meisten für das Feuilleton. Eben das war Heuss zuerst: Ein Zeitungsmann, ein Schreiber, bald darauf auch ein Buchautor. 1912 stieg er zum Chefredakteur der heimischen Heilbronner "Neckar-Zeitung" auf, nach 1918 übernahm er die Schriftleitung der Wochenpublikation "Deutsche Politik". Sein zweites biographisches Standbein war die pädagogische Vermittlung, die lehrsame Ansprache. Von 1920 bis 1933 unterrichtete er an der "Hochschule für Politik" in Berlin. Natürlich ging es bei alledem, beim Publizieren und Dozieren, vorrangig um Fragen der Politik. Auch gehörte Heuss rund 6 Jahre als Abgeordneter für die linksliberale DDP bzw. die Staatspartei dem Reichstag an.

Doch eine auffällige, exponierte Figur war er im Parlament, im Zentrum der politischen Auseinandersetzungen nicht. Dazu fehlte es ihm an Feuer, an Härte, an unerbittlicher Entschlossenheit, wohl auch an einer festen und attraktiven politischen Doktrin, wonach es den Deutschen in ihrer Mehrheit damals, während der tiefen ökonomischen und politischen Depression, indes verlangte. Heuss war kein Politiker für turbulente Jahre, für aufgewühlte Stimmungen, für radikale Konfrontationen der Lager. Heuss war eine eher kontemplative Persönlichkeit; gebildet, ohne originell zu sein; ein Didaktiker des Politischen, kein Theoretiker der Zukunft; ein Kommunikator und Übersetzter, kein Agitator und Avantgardist. Schon in den Weimarer Jahren fiel auf, wie sehr er geistig und habituell im 19. Jahrhundert wurzelte, wie er der Blütezeit des deutschen Bildungsbürgertums anhing. Mit der literarischen Moderne des 20. Jahrhunderts konnte er hingegen nichts anfangen; Brecht, Kafka, auch Benn - sie alle sagten ihm nichts.

So war Heuss vor 1933; so blieb er auch danach: Ein gemütlicher, eher behäbiger Zigarrenraucher und allabendlicher Rotweintrinker, im Alltag recht unpraktisch und daher auf seine sehr viel lebenstüchtigere Ehefrau angewiesen. Seine Passion gehörte weiterhin der Schriftstellerei; für die Kärrnerarbeit der politischen Organisation taugte er nach wie vor nicht. Im Grunde genommen also prädestinierte ihn wenig für die zentrale Leitung einer Partei, gar für die politische Macht. Und dennoch führte er die Liberalen, zunächst ab Herbst 1946 in der amerikanischen Zone, dann seit dem Frühjahr 1947 gemeinsam mit Wilhelm Külz zonenübergreifend, schließlich - als das nationale Parteiexperiment scheiterte - von Dezember 1948 ab als Chef in den drei Westzonen.

Das hatte unterschiedliche Gründe. In gewöhnlichen Zeiten wird der Typus des nachdenklichen, beschaulichen Bildungsbürgers auch in einer liberalen Partei nicht ganz nach oben kommen. Man offeriert ihm die Leitung der Programmkommission, bedient sich seiner als Festtagsredner, lässt ihn die eine oder andere Broschüre für die anhängigen Jahrestage der Parteigeschichte verfassen. Im übrigen aber nimmt man ihn nicht allzu ernst und wichtig. Doch 1945/46, als die Nation buchstäblich und dazu auch moralisch in Trümmern lag, standen nicht-nazistische Gebildete, die in diesem geistigen Vakuum deuten, erklären und orientieren konnten, hoch im Kurs. Und das drängte Theodor Heuss den Vorsitz der Liberalen nachgerade auf. Auch als der Bedarf nach bildungsbürgerlicher Katharsis nachließ, blieb Heuss im Amt. Er störte die Realpolitiker nicht, eignete sich, im Gegenteil, besonders gut "für die Vitrine", wie es sein Nach-Nachfolger im Amt, Thomas Dehler, Anfang 1949 ein wenig sarkastisch formulierte.

Der Vorsitzende als Ausstellungsobjekt oder Aushängeschild - nach starker, zielstrebiger Führung klang das nicht. Doch war das für die Freien Demokraten in jenen Jahren, war es für die Liberalen vielleicht überhaupt nicht nur von Nachteil. Denn gerade dadurch, dass Heuss nicht energisch führte, nicht klar und dezidierte eine Richtung vorgab, gelang es nach 1945, die fast achtzig Jahre gespaltenen Liberalen im Westen Deutschlands wieder behutsam zusammenzufügen und zusammenzuhalten. Eine leichte Aufgabe war das nicht. In der Trümmergesellschaft nach 1945 präsentierten sich die Liberalen noch lokalistischer, föderaler und regionalisierter als schon zuvor in ihrer Geschichte, mit zahlreichen Eigentraditionen und politischen Separatvorstellungen. Die politische und soziale Spannbreite hatte sich nochmals vergrößert, da auch frühere Deutschnationale, ja Nationalsozialisten zu den klassischen Rechts- und Linksliberalen hinzugestoßen waren. Die einen waren für eine parlamentarische Republik; die anderen präferierten eine harte, autoritäre präsidiale Ordnung. Die einen wollten sich Liberale nennen, die anderen Demokraten, die nächsten Freiheitliche. Und so ging das munter weiter. Wäre hier ein dominanter, brennend ehrgeiziger Parteivorsitzender zu früh, zu schnell, zu apodiktisch vorgeprescht, dann hätte sich die Spaltung der Liberalen in Deutschland wohl ein weiteres Mal wiederholt. Unter dem behäbig moderierenden Stil von Heuss aber konnten die Sonderkulturen und Partialströmungen im liberalen wie nationalen Bürgertum koexistieren und doch allmählich zu einer Partei zusammenfinden, die schließlich bei den Bundestagswahlen 1949 auf 11,9 Prozent der Stimmen kam, immerhin 9 Prozentpunkte mehr als die Links- und Rechtsliberalen zusammen im November 1932.

Insofern war Theodor Heus der rechte Mann zur rechten Zeit am rechten Platz. Einerseits jedenfalls. Doch auf der anderen Seite überließ er denjenigen Kräften den Raum, die über die Energie, Zielstrebigkeit und Skrupellosigkeit verfügten, die Heuss abging. Dadurch verschoben sich die politische Kräfteverhältnisse in der FDP. Darin lag dann doch der Nachteil schwacher, kontemplativer politischer Führung. 1947 traten die Deutschnationalen und Nationalliberalen aus dem Schatten der politischen Verwerflichkeit und gingen mit trotzigem Selbstbewusstsein in die Offensive. Mit ihrem Konzept der "nationalen Sammlung", mit dem die zurückgekehrten Soldaten, die bürgerliche HJ-Generation, die Vertriebenen und Flüchtlinge aggressiv angesprochen werden sollten, eroberte der rechte Parteiflügel Zug um Zug wichtige Landesverbände, hatte bald die Mehrheit in der Freien Demokratischen Partei hinter sich. Theodor Heuss ließen sie weiterhin in der Vitrine stehen, gleichsam als den gemütlichen bildungsbürgerlichen Opa des Altliberalismus, im übrigen aber probten sie - jung die meisten, hart, kalt und dynamisch - den politischen Durchmarsch, der dann erst durch die englischen Besatzungsmacht im Jahr 1953 gestoppt wurde. Heuss hätte sie gewiss nicht aufhalten können. Doch kam es erst gar nicht zur Probe auf das Exempel. Heuss, wie gesagt, hatte Glück, wurde rechtzeitig zum Präsidenten der Deutschen und konnte fortan tun, was ihm am meisten lag: lesen, schreiben, dicke Zigarren rauchen, roten Wein trinken, bedächtige und gebildete Reden halten, durfte nachsichtig, freundlich und mit sanfter Ironie über der verunsicherten Nation thronen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. HEUSS = Glücksfall für Westdeutschland
KRabba 29.06.2010
Zitat von sysopEs gab leichtere Jobs als den des FDP-Chefs: Nach der Wahl herrschte stets Sonnenschein, doch es dauerte nie lang, bis das Fußvolk zu nörgeln, zu schimpfen begann. Das größte Glück hatte noch Theodor Heuss, mit dem die Geschichte anfing. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,490361,00.html
Flapsiger Artikel. Über die NS Zeit kein Wort. Lupenreine Demokraten waren nach dem 2. WK sehr knapp, da z.T. umgekomen oder noch nicht aus der Gefangenschaft zurück. Bundespräsident HEUSS war ein Glücksfall für die junge Republik, da er es schaffte eine überparteiliche Rolle zu representieren. Sein Gepäck aus Bildung, Redlichkeit und Gemütlichkeit lassen bis noch heute keine Kritik aufkommen. Das die Zeiten heute anders sind, schadet seinem Ansehen nicht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar