FDP-Chef Kinkel Untergang im Haifischbecken

Als Außenminister war Klaus Kinkel in der Bevölkerung überaus angesehen. Den Liberalen stand er zur rechten Zeit als Parteichef zur Verfügung. Doch dann wurde er so erbarmungslos demontiert wie kein anderer FDP-Vorsitzender.

Von Franz Walter


1993 war die Führungsreserve der FDP buchstäblich aufgebraucht. Die alten Schlachtrösser der Partei, Genscher und Lambsdorff, hatten das Feld geräumt. Und nahezu brutal wurde in dem Moment deutlich, dass in der Freidemokratischen Partei über Jahre niemand nachgewachsen war, der hinreichend erfahren, strategisch beschlagen und integrativ genug war, um das Zeug zur Führung einer schwierigen, durch innerparteiliche Kabalen waidwunden Partei zu besitzen.

Kinkel: Verheizter Hoffnungsträger
DPA

Kinkel: Verheizter Hoffnungsträger

Natürlich, da bot sich selbst mit großem Eifer und nie versiegenden PR-Einfällen Jürgen Möllemann an, der ohne Zweifel ein Politiker von weit überdurchschnittlicher Begabung und Energie war, vital, ideenreich, dynamisch, gerissen, skrupellos. Aber eben diese Skrupellosigkeit, der nimmermüde Hang zur Kabale, die periodischen selbstdestruktiven Ausfälle, eben all dies bereitete der Partei nicht unberechtigterweise veritable Angst.

Genau das - der Mangel an parteieigenen Nachwuchs und der Überdruss an skandalträchtigen Intrigen - bildete sodann den Humus für den erstaunlichen Aufstieg des Klaus Kinkel. Für ihn sprach vor allem eins: Er war zur Intrige gar nicht fähig. Jedenfalls sagte man das über ihn. Kinkel galt als anständig, redlich, ehrenhaft, geradeaus. Und solcherlei Charakterzüge standen im Jahr 1993 in der FDP hoch im Kurs. Doch nicht nur da: 1993 grassierte republikweit die damals vielzitierte Parteien- und Politikverdrossenheit. Und in dieser Kultur der Anti-Parteienstaatlichkeit war der Nicht-Politiker Kinkel bei den Bürgern außerordentlich populär - weil sie ihn, im Gegensatz zu vielen anderen Funktionären des Politischen, für aufrichtig, integer und glaubwürdig hielten.

Das war die Quelle für den steilen Aufstieg von Kinkel. Man konnte in der individualistischen FDP immer schon erheblich rascher Karriere machen als in einer der beiden Großparteien. Aber die Blitzkarriere von Kinkel bildete selbst bei den Liberalen eine Ausnahme. 1991 erst war Kinkel der FDP beigetreten. 1993 schon hatte er die wichtigsten Funktionen und Ämter inne, die über die Partei zu erhalten waren: Er war Bundesvorsitzender der Liberalen, Vizekanzler im Bundeskabinett und Chef des Auswärtigen Amtes.

Natürlich: Kinkel zeichnete sich nicht allein als guter Mensch aus. Das wäre gewiss auch den bußfertigen Liberalen des Jahres 1993 wohl zu wenig gewesen. Kinkel galt in der politischen Klasse der Bundeshauptstadt durchaus als hochkarätiger Profi. - mit einem ähnlichen Leistungsprofil wie, sagen wir, zwanzig Jahre später Frank-Walter Steinmeier. Für die Eingeweihten war er schon seit Jahren als Graue Eminenz der Extraklasse bekannt. In den frühen siebziger Jahren managte er das Büro von Hans-Dietrich Genscher, dann wurde er Chef des Planungsstabes im Auswärtigen Amt. Von 1979 bis 1982 leitete er den Bundesnachrichtendienst, danach amtierte er für neun Jahre als Staatssekretär im Bundesjustizministerium. Dort stand er im Ruf, der eigentliche Macher der Justizpolitik zu sein, weit bedeutender und mächtiger als der ihm formell übergeordnete Minister.



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rmsoran 29.07.2007
1.
Ich verdamme äußerst selten jemanden oder etwas pauschal, ohne untermauernden Fakten oder einer nachvollzieharen - wenn auch manchmal emotional gefärbten - Argumentationskette. Beim Redaktionsliebling Walter, der regelmäßig hier publiziert, erlege ich dieser Versuchung: Alles, aber wirklich alles, was dieser Herr im letzten Jahr in SpOn bon sich gegeben hat, ist flach, kernlos, gefüllt von der Banalität des pseudowissenschaftlichen Vorurteils. Ich zwinge mich, seine Artikel zu lesen, in der Hoffnung, ich finde doch etwas, was meinem vernichtenden Urteil widerspricht. Nichts, nichts, nichts. Ich will trotzdem einige Worte über Kinkel verlieren: keineswegs war dieser Herr ein vom Volk hoch geschätzter Politiker. Herr Walter schiebt Dutzende von Umfragen und Hunderte von Kinkel begleitenden politischen Kommentaren aus dem In- und Ausland, die Kinkel belächelten, ihn auf den wirklichen Maß seines Provinzialismus zurück stutzten und seinen mageren moralisch gesunden Politikverständnis aufdeckten. Kinkel hat in der politisch aktiven Bevölkerung mehr Kopfschütteln provoziert und in der internationalen Politik mehr Schäden eingerichtet als jeder andere Außenminister vor und nach ihm. Die FDP hat sich nach der Kündigung der loyalen Zusammenarbeit mit der SPD in Lauf- und Gleichschritt zu einem Hort der Heuchelei, der betrügerischen Wählertäuschung entwickelt. Unter Kinkel und Konsorten wurde die FDP zur Lobbyfestung politischer und wirtschaftlicher Eigeninteressen der FDP-Oberen mißbraucht. Die Banalität des politischen Diskursaes zog ein: "Zwei Aufgaben gilt es parallel zu meistern: Im Inneren müssen wir wieder zu einem Volk werden, nach außen gilt es ... zu einer Rolle zu finden, die unseren Wünschen und unserem Potenzial entspricht. Die Rückkehr zur Normalität im Inneren wie nach außen entspricht einem tiefen Wunsch unserer Bevölkerung seit Kriegsende." Ein Schelm der denkt, er meinte damit absichtlich, dass vor dem Kriegsende Normalität herrschte. Nein, das war nur ewin genetischer Politausschlag. Bis heute hat sich die FDP von der vor exakt 25 Jahren öffentlich vorgeführten politischen Immorallehre Genschers und seiner Musterschüler und Günstlinge Möllemann und Kinkel nicht erholen können. Übrigens, das von Spiegel medial unterstützte Buch von Walter, aus dem sich der Autor bis heute in seiner SpOn-Kolumne ernährt, ist der beste Nachweis, dass es bei Herrn Walter um einen wissenschaftlich und fachlich schwachen Autor handelt, für den es ein hehrer Ziel wäre, Zusammenhang und Stringenz in seinem Denken einzubauen. Zumal er sic politisch längst einzementiert hat. Fehlender Professionalismus greift nicht nur um sich, er wird sogar subventioniert. Wie in diesem Fall
Smartinatore 29.07.2007
2. Erst einmal vor der eigenen Haustür kehren!
Zitat von rmsoranIch verdamme äußerst selten jemanden oder etwas pauschal, ohne untermauernden Fakten oder einer nachvollzieharen - wenn auch manchmal emotional gefärbten - Argumentationskette. Beim Redaktionsliebling Walter, der regelmäßig hier publiziert, erlege ich dieser Versuchung: Alles, aber wirklich alles, was dieser Herr im letzten Jahr in SpOn bon sich gegeben hat, ist flach, kernlos, gefüllt von der Banalität des pseudowissenschaftlichen Vorurteils. Ich zwinge mich, seine Artikel zu lesen, in der Hoffnung, ich finde doch etwas, was meinem vernichtenden Urteil widerspricht. Nichts, nichts, nichts. Ich will trotzdem einige Worte über Kinkel verlieren: keineswegs war dieser Herr ein vom Volk hoch geschätzter Politiker. Herr Walter schiebt Dutzende von Umfragen und Hunderte von Kinkel begleitenden politischen Kommentaren aus dem In- und Ausland, die Kinkel belächelten, ihn auf den wirklichen Maß seines Provinzialismus zurück stutzten und seinen mageren moralisch gesunden Politikverständnis aufdeckten. Kinkel hat in der politisch aktiven Bevölkerung mehr Kopfschütteln provoziert und in der internationalen Politik mehr Schäden eingerichtet als jeder andere Außenminister vor und nach ihm. Die FDP hat sich nach der Kündigung der loyalen Zusammenarbeit mit der SPD in Lauf- und Gleichschritt zu einem Hort der Heuchelei, der betrügerischen Wählertäuschung entwickelt. Unter Kinkel und Konsorten wurde die FDP zur Lobbyfestung politischer und wirtschaftlicher Eigeninteressen der FDP-Oberen mißbraucht. Die Banalität des politischen Diskursaes zog ein: "Zwei Aufgaben gilt es parallel zu meistern: Im Inneren müssen wir wieder zu einem Volk werden, nach außen gilt es ... zu einer Rolle zu finden, die unseren Wünschen und unserem Potenzial entspricht. Die Rückkehr zur Normalität im Inneren wie nach außen entspricht einem tiefen Wunsch unserer Bevölkerung seit Kriegsende." Ein Schelm der denkt, er meinte damit absichtlich, dass vor dem Kriegsende Normalität herrschte. Nein, das war nur ewin genetischer Politausschlag. Bis heute hat sich die FDP von der vor exakt 25 Jahren öffentlich vorgeführten politischen Immorallehre Genschers und seiner Musterschüler und Günstlinge Möllemann und Kinkel nicht erholen können. Übrigens, das von Spiegel medial unterstützte Buch von Walter, aus dem sich der Autor bis heute in seiner SpOn-Kolumne ernährt, ist der beste Nachweis, dass es bei Herrn Walter um einen wissenschaftlich und fachlich schwachen Autor handelt, für den es ein hehrer Ziel wäre, Zusammenhang und Stringenz in seinem Denken einzubauen. Zumal er sic politisch längst einzementiert hat. Fehlender Professionalismus greift nicht nur um sich, er wird sogar subventioniert. Wie in diesem Fall
Ich bin nun weder ein Walter-Fan noch ein Walter-Feind (so wie sie). Aber was sie da schreiben, verstehe ich nicht. Sie wissen erstens nicht, was Subventionen sind, und zweitens habe ich das Wort Professionalismus noch nie gehört und hoffe nicht, dass sie damit Professionalität meinen. Was sie schreiben steht in starken Kontrast zu dem, was sie fordern. Zum Thema: Der Herr Walter schreibt gerne lange und etwas schwierig zu lesende Sätze in einer reichlich blumigen Sprache. Das kann man mögen oder auch nicht, aber letztlich geht es um den Inhalt. Ich denke, dass eine Analyse politischer Vorgänge immer stark subjektiv geprägt ist und man die Dinge so oder auch genau umgekehrt interpretieren kann. War Kohl jetzt ein guter oder schlechter Politiker? War der Kinkel beliebt oder nicht? Das ist Ansichtssache, und es wird sicher keinen Politikwissenschaftler geben, der nicht irgendwie seine eigene Meinung mithineinbringt. Ich kann jedenfalls sagen: Meine Meinung vom Kinkel war eine sehr schlechte. Nicht menschlich betrachtet, aber als Politiker hat er auf mich wie eine "Flasche" gewirkt. Nichts gegen den Herrn Steinmeier, der macht glaube ich im Hintergrund einen sehr guten Job und besticht durch seine sachliche, ruhige Art. Eigentlich passt er sogar sehr gut zu Frau Merkel und ihrem Führungsstil. Aber er würde wohl ein ähnliches Schicksal wie Kinkel erleben. Beim besten Willen: dieser Mann taugt nicht als Kanzlerkandidat. Wie tief steckt die SPD eigentlich in der personellen Krise, dass neben Beck (der noch ungeeigneter als KK ist) nur noch Steinmeier ins Gespräch gebracht wird? Ich kann ja sogar nachvollziehen, dass der SPD nach dem Selbstdarsteller Schröder der Sinn eher nach einem bodenständigen Kanzlerkandidaten steht. Aber wenn mehr als 30 % rausspringen sollen, muss die SPD jemand anderes finden. Aber offensichtlich geht die Identitätskrise der SPD einher mit dem Fehler von echtem Führungspersonal. Der Herr Lafontaine scheint es tatsächlich zu schaffen, die SPD immer weiter an den Abgrund zu treiben. Mitgliederschwund, öffentliche Austritte hochrangiger SPD-Politiker (die dann sofort in die Linkspartei wechseln), Beck wird immer unbekannter und umstrittener... naja, ich hab die SPD sowieso nie gemocht ;)
fchristl, 29.07.2007
3. Ah ja...
Nichts neues gibt es zu lesen, nichts besonders detailliertes. Obwohl ich den Autor durchaus schätze: Dieser Artikel wäre eine nette Einleiung für ein Buch - für sich selbst stehend aber ist er reichlich nichtssagend.
An-Da 29.07.2007
4. Kurze Anmerkung zur SPD-Schelte
"Nichts gegen den Herrn Steinmeier, der macht glaube ich im Hintergrund einen sehr guten Job und besticht durch seine sachliche, ruhige Art. Eigentlich passt er sogar sehr gut zu Frau Merkel und ihrem Führungsstil. Aber er würde wohl ein ähnliches Schicksal wie Kinkel erleben. Beim besten Willen: dieser Mann taugt nicht als Kanzlerkandidat." Okay, hier gebe ich Ihnen uneingeschränkt recht. Und Steinmeier zu verheizen kann sich die SPD tatsächlich nicht leisten. "Wie tief steckt die SPD eigentlich in der personellen Krise, dass neben Beck (der noch ungeeigneter als KK ist) nur noch Steinmeier ins Gespräch gebracht wird?" Tiefer als erwünscht jedenfalls. Aber: Genossen, bitte packt nicht noch als "Geheimwaffe" Andrea Nahles aus! Geht gar nicht! Bitte, sonst laufen Euch auch noch die letzten WählerInnen davon. (Vielleicht eine unberechtigte Sorge: Nahles äußerte doch kürzlich ihren Kinderwunsch. ??? War das ein verstecktes Signal ans Wahlvolk? Sucht sie einen Befruchter? Oder nimmt sie wirklich an, daß diese Info den Planeten irgendwie interessiert???) "Ich kann ja sogar nachvollziehen, dass der SPD nach dem Selbstdarsteller Schröder der Sinn eher nach einem bodenständigen Kanzlerkandidaten steht. Aber wenn mehr als 30 % rausspringen sollen, muss die SPD jemand anderes finden." Möglich, aber bitte trotz allen Schröder-Verrissen, trotz Putin und Gasprom (unverständlich, klar!) nicht vergessen: Trotz Ablehnung aus allen Richtungen hat seine Regierung Reformen angeschubst, an die sich die Kohl-Regierung nicht getraut hat. (Daß diese Reformen in der Ausführung oft handwerklich schlampig waren, ist unbestritten.) Trotzdem greift die "Lorbeeren" (sog. Aufschwung, Arbeitslosenquote,...) jetzt nur Merkel ab. Besonders interessant, weil sie ja überhaupt nicht für z.B. Hartz IV verantwortlich gemacht werden wollte als sie noch Opposition war. Und das obwohl sie vorher in der Kommission zugestimmt hatte. Ebenso wie Stoiber - auch so ein Vergeßlicher... Aber leider ist das Gedächtnis der WählerInnen auch nicht viel besser... (Ach ja, den Artikel fand ich auch nicht besonders fundiert. Liest sich eher wie der Aufsatz eines Zehntklässlers denn als Äußerung eines Politikwissenschaftlers. Eigentlich sind wir da vom SPIEGEL generell eine andere Qualität gewohnt. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel.)
fernsehkind 29.07.2007
5. Politiker-Mensch
Also ich weiss, das man, trotz der allgemeinen Skepsis die man Joschka Fischer anfänglich entgegenbrachte, 1998 im Auswärtigen Amt grösstenteils hoch erfreut war, das die Ära Kinkel ein Ende hatte. Als Politiker für manchen (mich nicht) vielleicht noch annehmbar, aber als Mensch war dieser Mann alles andere als beliebt bei seinen Mitarbeitern.
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