FDP-Chef Lambsdorff Feldherr des Wirtschaftsbürgertums

Führungstalente, Charismatiker oder politische Heroen - daran mangelte es in der FDP stets. Leuchtende Ausnahme war Otto Graf Lambsdorff, ein in vielen Schlachten bewährter Haudegen des bundesdeutschen Wirtschaftsbürgertums.

Von Franz Walter


Den deutschen Liberalen fehlte es in ihrer Geschichte stets an Organisation. Umso mehr kam es daher auf die Autorität origineller, kraftvoller und strahlungsfähiger Persönlichkeiten an. War dieser Typus rar, standen die Zeichen meist nicht gut für die FDP in Deutschland.

Und das kam oft genug vor im 19. und 20. Jahrhundert. Die Liberalen waren nun einmal nicht üppig mit Führungstalenten, gar Charismatikern oder politischen Heroen ausgestattet. Der Typus Eugen Richter, Friedrich Naumann und Gustav Stresemann trat eher selten auf im Club der Honoratioren. Und gerade bei den Freien Demokraten überwogen an der Spitze eher die blassen Moderatoren, die aber immerhin den Vorzug besaßen, den chronischen Streit im Lager des Liberalismus behutsam und integrativ zu schlichten.

Graf Lambsdorff: Streitbarer Liberaler (Archivbild von 2005)
DPA

Graf Lambsdorff: Streitbarer Liberaler (Archivbild von 2005)

Doch von Fall zu Fall reichte der umsichtige, im öffentlichen Disput jedoch blass bleibende Moderator den Freidemokraten nicht mehr aus. Dann verlangte es ihnen nach vorpreschender, zielscharfer, weithin vernehmlicher politischer Führung. Ein solcher Moment stellte sich auch zum Ausgang der 1980er Jahre, gewissermaßen im Winter der alten Bonner Republik ein, als die Freien Demokraten den Grafen Lambsdorff an die Spitze ihrer Parteiorganisation hievten.

Otto Graf Lambsdorff war ein in vielen Schlachten bewährter Haudegen des bundesdeutschen Wirtschaftsbürgertums gegen die Sozialpolitiker aller Volksparteien. Wirtschaftspolitisch war er in der Tat ein ganz anderes Kaliber als die meisten seiner Vorgänger: streng und schneidig in der Sache, mit einer glasklaren, oft harten, argumentativ immer stringenten Rhetorik.

In den Rededuellen des Bundestages, aber auch auf den Konferenzen seiner eigenen Partei trat Lambsdorff als Polarisierer, als Mann einer bestimmten Richtung, eines kohärenten Konzepts auf. Als Integrator hingegen hatte man Lambsdorff nie erlebt. Dazu taugte er schon durch seine Persönlichkeit nicht. Kompromissformulierungen, Beschwichtigungen, säuselnde Schmeicheleien, ausgleichende Versöhnlichkeit – nichts davon lag ihm.

Den Freien Demokraten des Jahres 1988 war das durchaus recht. Denn sie wollten, nachdem sie sich in den ersten Jahren der Ära Kohl fast ängstlich versteckt hatten, nun wieder Richtung und Ziel gewiesen bekommen, sie lechzten geradezu nach kernigen und kämpferischen Parolen. Eben daher erkoren sie, mehrheitlich, Lambsdorff, einen immerhin wegen Steuerhinterziehung verurteilten Politiker.

Dabei gab es durchaus eine Alternative zu ihm. Denn gegen Lambsdorff war seinerzeit die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Irmgard Adam-Schwaetzer, angetreten. Sie gab sich thematisch offener, breiter, aufgeschlossener als Lambsdorff, da sie auch die eine oder andere bürgerrechtliche Fragen aufwarf, ökologische Sensibilitäten bekundete, einige Ergebenheitsadressen an die Frauen- und Friedensbewegten in der Bonner Republik absandte.

Vieles davon klang ein bisschen beflissen, modisch, zeitgeistig. Kurz: oberflächlich. Aber immerhin, mit der Wahl von Frau Schwaetzer hätten die Liberalen insofern ein Zeichen gesetzt, da sie damals als erste der bundesdeutschen Altparteien den Generationswechsel – die Kandidatin war 43 Jahre und damit fast zwanziger Jahre jünger als ihr männlicher Rivale – vollzogen und überdies erstmals eine Frau an die Spitze gewählt hätten.

Doch dazu fehlte den Freien Demokraten der Mut. Aber darum ging es ihnen in ihrer Mehrheit auch gar nicht. Sie wollten eine andere Flagge hissen, nämlich die der marktwirtschaftlichen Orthodoxie gegen die "verschwenderischen Sozialbeglücker" in den Unionsparteien, in der SPD und nicht zuletzt bei den "Grünen", die mehr und mehr zur entscheidenden Konkurrenz für die FDP wurden. Die Majorität der FDP war gar nicht mehr interessiert an der traditionellen, wohl austarierten Balance von Rechtsstaatsliberalen und Wirtschaftsliberalen. Ihnen stand längst nicht mehr der Sinn nach einem weiten Panorama liberaler Themen.

Sie hatten ihre Zauberformeln längst gefunden, die allesamt im Feld der wirtschaftlichen Liberalität siedelten: Markt, Leistung, Eigenvorsorge, Steuersenkung. Und der Feldherr des entschiedenen Marktliberalismus war Otto Graf Lambsdorff. Mit ihm – der unzweifelhaft auch ein höchst engagierter Menschenrechtler war - wollten die Freien Demokraten jetzt ohne taktisches Geplänkel und defensive Furchtsamkeiten in die Schlacht gegen die Wohlfahrtsstaatsaposteln in der bundesdeutschen Gesellschaft ziehen.

Viel wurde daraus nicht. Bald sang niemand mehr das Heldenepos vom kühnen marktwirtschaftlichen Ritter. Bald machten vielmehr die Spottlieder über den Parteichef die Runde. Die Methode Lambsdorff konnte in einer Koalitionsregierung nicht aufgehen. Sie nährte eher in der öffentlichen Wahrnehmung das negative Image der FDP als opportunistische Umfallerpartei. Denn Lambsdorff forderte noch radikaler und apodiktischer als frühere Parteichefs; aber am Ende musste er dann doch stets kleinlaut einen verwaschenen Kompromiss mit der CDU/CSU schlucken. Lambsdorff blies stets forsch in die Trompete, doch in den entscheidenden Momenten führte er seine kleine Truppe nicht in die stürmische Attacke, sondern in den ungeordneten Rückzug. Seine Kritiker warfen ihm gar einen "Schmusekurs" vor.

So schwand die Autorität des Grafen dahin. Der historische Punkt, an dem es unzweifelhaft bergab ging mit ihm, wurde die Bundestagswahl 1990. Die Freien Demokraten hatten mit elf Prozent der Wählerstimmen einen schönen Wahlsieg errungen. Graf Lambsdorff verkündete nach dem Wahlausgang herrisch, die Liberalen würden Helmut Kohl nur dann zum Kanzler machen, wenn der neue Osten Deutschlands zum Niedrigsteuergebiet werde. Bekanntermaßen blieb Kohl Regierungschef, der Osten aber wurde keine Steuersonderzone. Und so ging das in den folgenden Jahren immerzu weiter.

Lambsdorff warf sich als strenger Marktwirtschaftler ordnungspolitisch in Pose, die Bundesregierung mit einem freidemokratischen Wirtschaftsminister aber sündigte fortwährend gegen die marktorthodoxen Regeln. Das Kabinett erhöhte die Steuern, erweiterte die Subventionen, beschloss die Pflegeversicherung. Es ging reichlich staatsinterventionistisch in der Regierung des bürgerlichen Lagers zu, während Lambsdorff unverdrossen wirtschaftsliberale Dogmen verkündete.



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Seite 1
Peter Sonntag 22.07.2007
1. Neo ?
Zitat von sysopFührungstalente, Charismatiker oder politische Heroen - daran mangelte es in der FDP stets. Leuchtende Ausnahme war Otto Graf Lambsdorff, ein in vielen Schlachten bewährter Haudegen des bundesdeutschen Wirtschaftsbürgertums. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,493369,00.html
Er ist ja auch kein "Neo"liberaler, sondern einer von altem Schrot und Korn, der es auch einmal wagt, gegen den korrekten Zeitgeist anzugehen. Ach, wenn es doch im Bundestag mehr von der Sorte gäbe.....
sam clemens, 22.07.2007
2. Behauptungen
Führungstalent kann Lambsdorff schon nach den Aussagen des Artikels nicht besessen haben, charismatisch war er nur für die, die Charisma mit Besserwisserei und Barschheit verwechseln und um ihn einen Heros zu nennen, müsste man die Flick-Affäre völlig vergessen (was ja Herrn Walter wohl unterlaufen ist). Und ein bewährter Feldherr? Wo bleiben denn die Siege? Angesichts der vielen Ungenauigkeiten und Fehler müsste der SPIEGEL das Autorenhonorar von Walter zurückfordern. Politische Analysen sind nur dann gut, wenn sie wirklich alle Aspekte erfassen, möglichst unaufgeregt und vor allem gelöst von vordergründigen Interessen.
Germanasty 22.07.2007
3. Klischees
Man sollte sich von den gängigen Klischees lösen, die CDU sei rechts, die SPD links und die FDP die Partei der bürgerlichen Mitte. Am Ende der Regierung Kohl bestanden die höchsten persönlichen Steuersätze in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Ohne die aktive Mitwirkung der FDP wäre dieses nicht möglich gewesen. Die unheilvolle Allianz zwischen katholischen Sozialisten und prinzipenlosen, nur ihrem eigenen Machterhalt verpflichteten FDPlern hat das Land in einen Reformstau geschickt, der ohne Beispiel ist. Interessant ist auch die Reaktion, wenn man FDP Funktionäre auf diese These anspricht: "Ich bin dafür nicht verantwortlich. Dieses Mal machen wir alles besser." Das mag zwar stimmen, aber Lambsdorff ist ganz sicher dafür verantwortlich.
David Leon 22.07.2007
4. Lambsdorff soziales Schaffen
Zitat von sysopFührungstalente, Charismatiker oder politische Heroen - daran mangelte es in der FDP stets. Leuchtende Ausnahme war Otto Graf Lambsdorff, ein in vielen Schlachten bewährter Haudegen des bundesdeutschen Wirtschaftsbürgertums. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,493369,00.html
Vergessen werden die sozialen Komponentnte von Lamgsdorff politischem Schaffen. Er hat sich sozial verantwortlich hr stark für diejenigen engagiert, die im Schatten unseres Wirtschaftssystems standen und noch heute stehen.
jothaka 22.07.2007
5. YEPP; mehr solcher Politiker.
Zitat von Peter SonntagEr ist ja auch kein "Neo"liberaler, sondern einer von altem Schrot und Korn, der es auch einmal wagt, gegen den korrekten Zeitgeist anzugehen. Ach, wenn es doch im Bundestag mehr von der Sorte gäbe.....
Stimmt mir fehlen auch die Betrüger, Steuerhinterzieher, mit wenig Erinnerungsvermögen gesegneten Politiker. Möge Kohl\Lambsdorff\Strauß\Scheel als Vorbild für noch viele jetztige und zukünftige Politiker gelten. Wichtig ich die Klientel (auch Lobbyist genannt), die eigene Tasche und die Partei. Der Rest ..... ist egal.
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