Umstrittenes Interview des FDP-Chefs Philipp Rösler, Claudia Roth und die taz

Philipp Rösler gab dem Alternativ-Blatt "taz" ein Interview. Einen Tag nachdem Claudia Roth in der Zeitung über Gartenzwerge reden durfte, wurde ein Gespräch mit dem FDP-Chef zu seiner vietnamesischen Herkunft gedruckt, doch nur die Fragen wurden veröffentlicht, nicht seine Antworten. Was lief da schief?

taz-Ausgabe ohne Antworten: Von der FDP-Pressestelle nicht genehmigt

taz-Ausgabe ohne Antworten: Von der FDP-Pressestelle nicht genehmigt

Von


Berlin - Wer zur linksalternativen "tageszeitung" (taz) geht, ist vor Überraschungen nicht gefeit. Das Blatt aus Berlin schlägt gerne mal quer - das gehört quasi zum journalistischen Markenkonzept. Philipp Rösler hätte also vorgewarnt sein müssen. Nun hat er der "taz" einen kleinen Aufreger geschenkt. Das Blatt druckte ein Interview mit dem FDP-Chef und Vizekanzler - aber in ungewöhnlicher Form. Es erschienen allein die Fragen und das Bild eines entspannt sitzenden Rösler.

Seine Antworten hingegen blieben weiß (Zum Interview geht's hier).

Der Grund: Rösler war von zwei "taz"-Redakteurinnen länglich zum Thema Hass befragt worden, Rösler hatte auch geantwortet. Doch nachdem das Interview, das bereits am 20. August geführt wurde, der FDP zugesandt worden war (ein im deutschen Journalismus üblicher Vorgang), begannen die Probleme. Die Pressestelle der FDP-Zentrale stellte sich quer. Rösler sei durchaus bereit, über Persönliches zu sprechen, allerdings habe sich die Zeitung auf das Thema Hass konzentriert, so FDP-Sprecher Peter Blechschmidt. Daraufhin habe die Parteizentrale entschieden: "In diesem Duktus sind wir mit dem Interview nicht einverstanden und geben es nicht frei."

Nun hat Rösler Trouble mit der "taz". Deren Chefredakteurin Ines Pohl begründete die Veröffentlichung mit dem "Bruch der Spielregeln" - eine Autorisierung solle sicherstellen, dass man die Antworten sachlich richtig und nicht missverständlich wiedergebe. "Sie darf aber nicht dazu führen, dass im Nachhinein unliebsame Antworten oder Einlassungen gestrichen werden." Sie stellte zudem den gesamten Vorgang ins Netz.

Die Zeitung kopiert mit dem jetzigen Rösler-Interview im Grunde sich selbst: Schon 2003 druckte das Blatt ein Interview mit den geschwärzten Antworten des einstigen SPD-Generalsekretärs Olaf Scholz - damals unter der Chefredakteurin Bascha Mika. Auch das sorgte für mediale Aufmerksamkeit.

Leser beschweren sich

Auf Twitter und in Blog-Einträgen der "taz" geht es wegen des Rösler-Interviews munter zu: Manche Leser finden die "taz"-Fragen an Rösler an sich schon eine Frechheit. Manche gar als rassistisch. Der heute 40-Jährige wurde in Vietnam geboren, Anfang der siebziger Jahre als Kriegswaise von deutschen Eltern adoptiert und nach der Trennung von seinem Adoptivvater allein aufgezogen.

Ein "taz"-Leser schrieb: "Ich bin mit 5 Jahren mit meinen Eltern aus Japan nach Deutschland gekommen und verstehe Herrn Rösler sehr gut, dass er auf solche dämlichen Fragen nicht antwortet. Was meinen Sie, wie häufig er sich schon als Kind und Jugendlicher solche Fragen hat anhören müssen? Und dann jetzt bei einem Interview mit der taz! Wirklich niveau- und taktlos!"

Eine der Fragen der "taz"-Redakteurinnen lautete: "Warum werden Sie gehasst?". Eine andere: "In Niedersachsen, wo Sie herkommen, wurden Sie häufig als 'der Chinese' bezeichnet. Ist das aus Ihrer Sicht Ausdruck von Hass oder Ressentiment?" Ein Schreiber im "taz"-Blog empörte sich: "Mann, was für eine widerliche Frageführung! Ich kann Rösler sehr gut verstehen, dass er das nicht autorisiert." Andere verteidigten die Zeitung und forderten zur Selbstbefragung auf: "Jeder Leser ist sein eigener Rösler und beantwortet die Fragen mal selber", so ein Schreiber.

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning (FDP), twitterte privat: "Liebe taz, wie nennt man das, wenn man jemanden auf sein Aussehen und seine Herkunft reduziert?" Und der SPD-Fraktionsgeschäftsführer im Bundestag, Thomas Oppermann, twitterte: "Mit 17 Fragen Rösler auf seine Herkunft reduziert. Unmöglich!"

So entwickelt das weißgelassene Interview am Ende seine eigene Dynamik - wohl mit einer größeren Wucht als im Falle einer Autorisierung.

Röslers doppelte Wirklichkeit

Das Thema Ressentiments ist für den FDP-Chef und Bundeswirtschaftsminister heikel. Zumal im Wahlkampf. Deutsche wie er wissen, was es heißt, mit einem anderen Aussehen in diesem Land zu leben. Welchen Anfeindungen oder auch Verkrampfungen sie mitunter ausgesetzt sind. Dass der Liberale darüber nicht öffentlich in Interviews redet, ist eine andere Sache, von der Journalisten, die öfters mit ihm zu tun haben, wissen. So fragte ihn SPIEGEL ONLINE vor seiner Vietnam-Reise 2012 nach offenem oder verstecktem Rassismus. Seine - veröffentlichte - Antwort: "Nein, im täglichen, normalen Umgang miteinander ist das nicht der Fall."

Doch ist das nur ein Teil der Wirklichkeit, die Rösler erlebt. Kürzlich schrieb die "Süddeutsche Zeitung" über einen Rösler, der mit Überschwang betont, wie wunderbar er dieses Land findet ("Deutschland ist das coolste Land der Welt"). Der aber, wie das Blatt zutreffend feststellte, "Briefe und Mails bekommt, vor denen ihn seine Mitarbeiter schützen, weil sie derart grässlich fremdenfeindliches Gift ausschütten."

Dass die "taz" aus dem Interview für sich einen großen Scoop zu machen versucht, ist aber auch eine Stilfrage. Auch das wird unter "taz"-Lesern heiß diskutiert. "Mit Cem Özdemir" - (einem der beiden Grünen-Chefs) - "hättet Ihr Euch das nie getraut", glaubt ein Nutzer auf dem "taz"-Blog.

Am Tag zuvor hatte das Blatt übrigens ein Gespräch mit der Grünen-Spitzenpolitikerin Claudia Roth veröffentlicht. Da ging es um das Thema "Spießigkeit". Parteichefin Roth durfte sich aufregen und tat das auch ausgiebig ("Quatsch", "Unsinn", "Schmarrn"). Auffallend aber war, was in diesem Interview gänzlich fehlte - ein Thema, das die Partei derzeit sogar wissenschaftlich vom Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter untersuchen lässt: Wie es die Grünen in den achtziger und noch neunziger Jahren mit dem Thema Pädophilie hielten. Da hätte die "taz" beweisen können, wie bissig sie wirklich ist.

Mit dpa

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 227 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ernstmoritzarndt 10.09.2013
1. .
Auch wenn ich Herrn Rösler politisch nicht unbedingt zu meinen Freunden zähle: Ich bin stolz darauf, daß auch eine Person wie er, mit seinem "Migrationshintergrund" in diesem Land leben und eine politische Spitzenposition erlangen kann. Die taz mit ihren Geschichtsklitterungen, u.a. zuletzt wegen der Pädophilen bei den Grünen, sollte sich einmal Gedanken über Pressefreiheit und Freiheit der Rede machen.
trick66 10.09.2013
2.
Die taz ist so etwa die "WELT" der Ökolinken - ziemlich tendenziös und parteipolitisch eindeutig festgelegt.
r.muck 10.09.2013
3. Wozu taz?
Zum Thema, wie Rössler wegen seiner Herkunft verächtlicht gemacht wird, muss man sich nur die Rede des momentanen Spitzenkandidaten der FDP, Herrn Brüderle, am 12.5.2012 auf dem Landesparteitag der FDP in Niedernhausen vergegenwärtigen: „Glaubwürdigkeit gewinnt man, indem man nicht wie Bambusrohre hin und her schwingt, sondern steht wie eine Eiche.“ Wie er sich allerdings selbst, der Herr Brüderle, als Eiche bezeichnen mag, ist auch schon abenteuerlich. Wenn der Spiegel im Blut nicht passt, wohl eher eine Zitterpappel.
doppelpost123 10.09.2013
4. vorne mit dabei
Zitat von sysopPhilipp Rösler gab dem Grünen-Blatt "taz" ein Interview. Einen Tag, nachdem Claudia Roth in der Zeitung über Gartenzwerge reden durfte, wurde ein Gespräch mit dem FDP-Chef zu seiner vietnamesischen Herkunft gedruckt - doch nur die Fragen wurden veröffentlicht, nicht seine Antworten. Was lief da schief? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fdp-chef-roesler-hat-aerger-mit-der-tageszeitung-taz-a-921429.html
"Wie es die Grünen in den achtziger und noch neunziger Jahren mit dem Thema Pädophilie hielten. Da hätte die "taz" beweisen können, wie bissig sie wirklich ist." Ich hoffe, diese Frage war dann aber auch bei Rösler dabei (kanns leider nicht lesen), schließlich war die FDP bzw. ihre Jugenorganisation damals ja genauso mit dabei, wie SPON berichtete. Im übrigen sollte man in Deutschland auch mal eine Debatte über Pädophilie als Krankheit führen und nicht nur in Stigmatisierung und "diese Monster", "alle Zwangskastrieren" etc. verfallen. Das löst das Problem auch nicht.
spiekr 10.09.2013
5. "Mit Cem Özdemir" "hättet Ihr Euch das nie getraut"
Doch, getraut schon, jedoch ging es von vorneherein darum, Rösler negativ darzustellen und ihn persönlich anzugehen, wie es die Linken schon immer machen. Ich wähle die FDP nicht mehr aus inhaltlichen Gründen, jedoch nicht wegen der persönlichen Häme gegen ihre Führungsmitglieder aus Politik und Medien einschliesslich Verächtlichmachung des "Neoliberalen" als übelster Form von Kapitalismus.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.