"Wir wollen ran" FDP-Chef Lindner drängt in die Regierung

Das Jamaika-Bündnis im Bund ließ Christian Lindner platzen. Ein Jahr später zeigt sich der FDP-Chef nun bereit für eine möglichst rasche Regierungsbeteiligung - ohne Kanzlerin Merkel.

Christian Lindner
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Christian Lindner denkt bei Bundesregierung längst nicht mehr an die Kanzlerin. "Angela Merkel ist für mich eine Person der Zeitgeschichte", sagte der FDP-Chef in einem Interview mit dem Magazin "Stern".

"Es ist etwas ins Rollen gekommen", sagte er über das Jahr, das seit dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen für ein Bündnis aus Union, Grünen und FDP auf Bundesebene vergangen ist. Damals sei klar gewesen, dass mit Angela Merkel keine Regierungsbeteiligung möglich gewesen sei. Jetzt ändere sich die Konstellation.

Merkel hatte vor Kurzem ihren Rückzug von der CDU-Spitze bekannt gegeben, auch als Kanzlerin will sie nach dieser Legislaturperiode nicht mehr antreten. Lindner begrüßte auch Horst Seehofers Rückzug als CSU-Chef. "Dass er den Weg freimacht, ist für alle Beteiligten ein guter Schritt."

Linder zum Jamaika-Rückzug "Abwägung zwischen zwei schlechten Alternativen"

Lindner strebt nun eine möglichst rasche Regierungsbeteiligung seiner Partei im Bund an. "Wir wollen ran", sagte er dem "Stern". Der 39-Jährige schlägt damit offiziell den Weg ein, den Beobachter seit Wochen skizzieren.

Auch ein Jamaika-Bündnis, wie es in Schleswig-Holstein seit eineinhalb Jahren erfolgreich regiert, scheint auf Bundesebene wieder denkbar - Abgeordnete von Grünen und FDP treffen sich bereits regelmäßig in einem Gesprächskreis. Die Grünen-Spitze äußerte sich zuletzt jedoch skeptisch.

Die Gesprächsbereitschaft der Liberalen, so Lindner nun im "Stern", hänge davon ab, dass ein echter Aufbruch möglich werde - und die Partner fair miteinander umgehen wollten. Lindner sagte: "Wenn man gut regieren kann, darf man das Land nicht den Falschen überlassen."

Seinen umstrittenen Ausstieg aus den Jamaika-Verhandlungen im November 2017 verteidigt Lindner dennoch. Merkels Taktik sei es gewesen, "die Grünen auf Dauer für das bürgerliche Lager" einzukaufen, sagte er dem "Stern". "Die Zeche sollten wir zahlen."

Eigene liberale Überzeugungen seien zu kurz gekommen, sagte er in einem WDR-Interview. "Es war die Abwägung zwischen zwei schlechten Alternativen. Für die weniger schlechte haben wir uns entschieden" Hätte die Partei dem Bündnis zugestimmt, wäre er heute "ein politischer Zombie".

apr/dpa



insgesamt 75 Beiträge
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Spiegel-Comment 14.11.2018
1. Zum Lachen...
Er merkt wirklich nicht, wie unglaubwürdig diese Argumentation wirkt. Seine Anti-Merkel-Argumentation wird in der CDU nicht auf Sympathie stoßen, außer bei Jens Spahn und seinen Fans. FDP-Inhaltsleere soll mit Machtanspruch überdeckt werden. Da kann man nur wünschen, dass die GroKo noch weiter hält.
spmc-12355639674612 14.11.2018
2. Eigene liberale Überzeugungen
Hat die FDP denn noch "eigene liberale Überzeugungen"? Schade, dass davon so wenig zu sehen ist, sonst könnte man sie - vielleicht - ja mal wählen. Mich würde auch interessieren, wie genau die FDP mit dieser CDU/CSU - auch ohne Merkel - politisch irgendetwas bewirken möchte. Vielleicht wäre es Zeit, sich mal wieder weiter nach links zu orientieren. Eigentlich entspräche ich ja genau der FDP-Zielgruppe, aber außer für Mehrheitsbeschaffungsaktionen sehe ich innerhalb der FDP kaum Potential und ansonsten weder Überzeugungen noch liberale Ansätze und schon gar keine zukunftsträchtigen Ideen. Steuererleichterungen brauche ich nicht, Bildung kann die FDP kaum, die Wirtschaft benötigt im Moment keine hemdsärmlige Unterstützung und Entbürokratisierung sowie Verbesserung der Infrastruktur traue ich der FDP nicht zu.
susie.soho 14.11.2018
3. Mit den Grünen geht das (hoffentlich) nicht...
Zitat von Spiegel-CommentEr merkt wirklich nicht, wie unglaubwürdig diese Argumentation wirkt. Seine Anti-Merkel-Argumentation wird in der CDU nicht auf Sympathie stoßen, außer bei Jens Spahn und seinen Fans. FDP-Inhaltsleere soll mit Machtanspruch überdeckt werden. Da kann man nur wünschen, dass die GroKo noch weiter hält.
...und mit der CSU est recht nicht! Sollten die Grünen dennoch mit CDU/CSU regieren wollen, wird die FDP höchstwahrscheinlich als Koalitionspartner nicht gebraucht.
sven2016 14.11.2018
4. Heiße Luft
Herr Lindner hat sich vor einem Jahr nicht wegen Frau Merkel und den Grünen in die Hose gemacht, sondern wegen seines fehlenden Parteiprogramms und seiner Unfähigkeit, möglicherweise Verantwortung übernehmen zu müssen. Wenn er jetzt glaubt, es seien nur politische Leichtgewicht übrig geblieben, so irrt er. Mit der FDP wird das nichts.
voiceecho 14.11.2018
5. Realitätsverlust!
Sorry, der Lindner hat sich leider als eine Mogelpackung entpuppt, der in erster Linie seine eigene Eitelkeit bedient und sich über die Interessen des Landes und der eigenen Partei stellt! Seine Aussage beweisen, dass er eine mögliche Koalition an Merkel und nicht an Inhalte misst und dabei die FDP zu einem politischen Zombie mutiert! Nun ja, die FDP ist schon länger ein politischer Zombie ohne soziale und gesellschaftliche Kompetenz, die eine ungehemmte Wirtschaft ohne regeln haben möchte. Wer schon Zombie ist, kann es nicht mehr werden!
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