Pädophilie-Vorwürfe: FDP-Politikerin zieht Bundestagskandidatur zurück

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FDP-Politikerin Döring: "Völlig inakzeptabel"

Der parteipolitische Streit über Pädophilie erreicht die Liberalen: Eine FDP-Politikerin aus Hessen zieht ihre Bundestagskandidatur zurück. Hintergrund ist ein nun aufgetauchter Text von 1980, in dem sie über sexuelle Beziehungen zu Kindern schreibt. Er ist ihr heute "unvorstellbar peinlich".

Hamburg - Dagmar Döring wirkt immer noch schockiert, als sie auf den Text angesprochen wird, der vor 33 Jahren erschien. Sagen will sie dazu nichts mehr, sie verweist auf eine Erklärung auf ihrer Homepage. Dort schreibt sie, im Rahmen der Aufarbeitung der Pädophilievorwürfe gegen die Grünen "ist ein Artikel von mir in den Fokus genommen worden". Der Aufsatz sei "in Form eines Erfahrungsberichts geschrieben" und unterstütze die damalige Forderung einiger Gruppen, "vermeintlich einvernehmliche sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern" zu legalisieren.

Die FDP-Politikerin Döring hat schnell reagiert und ihre Kandidatur für den Bundestag zurückgezogen. Die Wiesbadener Liberalen hatten die 53-Jährige Ende 2012 als Nachfolgerin des Ex-Partei- und Fraktionschefs Wolfgang Gerhardt zur Direktkandidatin gekürt. In ihrem Statement begründet Döring ihre Entscheidung damit, sie wolle Schaden von ihrer Familie und der FDP abwenden. Am Freitag habe sie den Kreisvorsitzenden Florian Rentsch über ihren Schritt informiert.

Döring ist seit 2007 Mitglied der FDP. Sie war zunächst Pressesprecherin von Partei und Fraktion, von 2009 bis 2011 leitet sie die Pressearbeit im hessischen Justizministerium.

Der Text, um den es geht, erschien 1980 in dem Sammelband "Pädophilie heute" von Joachim S. Hohmann und trägt den Titel "Soviel Liebe und Zärtlichkeit - Eine Frau liebt Kinder". Er liegt SPIEGEL ONLINE vor. Die Autorin war zum damaligen Zeitpunkt 19 Jahre alt. Döring berichtet in dem Text von einer "längeren, auch sexuell intensiveren Beziehung zu einem Mädchen". Sie habe erlebt, dass "kein Mann und keine Frau, sondern nur ein Kind, insbesondere ein Mädchen, meine Wünsche und Bedürfnisse (…) befriedigen kann".

An anderer Stelle schreibt Döring, sie habe "Angst vor den Gesetzen, die Liebe zwischen Erwachsenen und Kindern immer noch bestraft". Das habe sie bei ihrem Freund erlebt, dessen "Beziehung zu einem 13-Jährigen entdeckt und dann gewaltsam, brutal zerschlagen wurde". Davor habe sie Angst und sie wolle "alles tun, damit sich jene Gesetze ändern".

"Völlig inakzeptabel und ein großer Fehler"

Döring schreibt heute dazu: "Meine Sichtweisen und politischen Aktivitäten in entsprechenden Organisationen sind aus heutiger Sicht völlig inakzeptabel und ein großer Fehler gewesen. Ich distanziere mich in aller Deutlichkeit von allen Schriften und politischen Aktionen aus diesem frühen Kapitel meines Lebens und weise darauf hin, dass ich mir nichts habe zuschulden kommen lassen."

Wie es zu dem Text gekommen sei, könne sie heute, 30 Jahre später, gar nicht mehr im Einzelnen nachvollziehen. Sie beteuert: "Die Ereignisse hatte ich in der Zwischenzeit vollständig verdrängt." Die damaligen, unreifen Gedanken seien ihr heute "unvorstellbar peinlich".

Ans Licht gekommen ist der Aufsatz der Politikerin durch ein Forschungsprojekt des Göttinger Parteienforschers Franz Walter. Dessen Institut für Demokratieforschung untersucht derzeit den Einfluss von Pädophilen-Gruppen bei den Grünen. Die Debatte hatte durch umstrittene Äußerungen des Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit in den siebziger Jahren begonnen. Cohn-Bendit beschrieb damals erotische Spiele mit Kindern. Mittlerweile distanziert er sich von diesen Äußerungen.

"Es geht nicht nur um einen Aufsatz"

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigt Walter, Döring kontaktiert zu haben, nachdem er ihren Aufsatz und ihre Aktivitäten in der organisierten Pädophiliebewegung entdeckt hatte. "Ich habe sie aber nicht direkt auf Passagen ihre Artikels angesprochen oder gar damit konfrontiert, sondern wollte sie als Zeitzeugin befragen."

"Es geht hier nicht nur um einen Buchaufsatz, sondern um Organisationspolitik, die sie schon längerfristig betrieb", sagt Walter. Am Montag soll ein Text in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erscheinen, in dem Walter und sein Mitarbeiter Stephan Klecha ihren bisherigen Forschungsstand zusammenfassen.

Auch die hessische FDP reagierte am Samstag auf den Rückzug der Bundestagskandidatin: Man nehme den Verzicht auf die Kandidatur als "sehr persönliche Entscheidung mit Respekt zur Kenntnis", teilten der Wiesbadener Kreisvorsitzende Rentsch und Landeschef Jörg-Uwe Hahn mit. Sie übernehme damit Verantwortung. "Solche Sachverhalte zeigen, dass junge Menschen leicht zu manipulieren sind." Deshalb seien Strafgesetze zum Schutz von Kindern und Jugendlichen gegenüber Erwachsenen unverzichtbar.

Einen Seitenhieb auf die Grünen kann sich Rentsch nicht verkneifen: Man erwarte "auch von anderen, dass sie Verantwortung übernehmen, auch wenn Geschehnisse lange zurück liegen mögen".

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