Von Severin Weiland
Berlin - Die FDP wählt an diesem Wochenende ihre Führungsspitze neu. Parteichef Philipp Rösler, der sich nach dem Erfolg bei der Niedersachsen-Wahl stabilisiert hat, wird am Samstag in seinem Amt bestätigt werden. Spannender dürften wohl die anderen Wahlgänge sein: Auf einem der drei Vizeposten und bei den Beisitzern im Präsidium wird es wohl zu Kampfkandidaturen kommen.
Einer, der für das höchste Gremium antritt, ist Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr. Der 36-Jährige könnte Entwicklungsminister Dirk Niebel aus dem Präsidium verdrängen, der intern zuletzt umstritten war und Rösler als Parteichef lieber durch Fraktionschef Rainer Brüderle ersetzt haben wollte. "Man wünscht sich mehr Auswahl bei den Kandidaten. Und Menschen in der Führung, die das Teamspiel beherrschen", begründet Bahr im Interview mit SPIEGEL ONLINE seine Bewerbung.
Lesen Sie das ganze Interview:
SPIEGEL ONLINE: Herr Bahr, Sie haben sich entschlossen, auf dem Bundesparteitag in Berlin für das Präsidium anzutreten. Warum erst jetzt?
Bahr: Ich habe in den letzten Tagen sehr viele Rückmeldungen aus der Partei bekommen. Man wünscht sich mehr Auswahl bei den Kandidaten. Und Menschen in der Führung, die das Teamspiel beherrschen. Und viele bei uns haben offenbar den Eindruck, dass ich im Team zum Erfolg beitrage.
SPIEGEL ONLINE: Damit kommt es wohl zu einer Kampfkandidatur gegen Entwicklungsminister Dirk Niebel und den schleswig-holsteinischen Fraktionschef Wolfgang Kubicki. Was haben Sie gegen die beiden?
Bahr: Ich trete nicht gegen, sondern für etwas an. Unsere Wähler erwarten, dass wir uns mit dem Gegner und nicht mit uns selbst beschäftigen. Wenn ich den Vorsitzenden kritisieren möchte, dann mache ich das nicht öffentlich, sondern spreche ihn direkt an.
SPIEGEL ONLINE: Warum sollten die Delegierten Sie wählen?
Bahr: Meine Kandidatur ist ein Angebot, nicht mehr und nicht weniger. Ich habe als Gesundheitsminister gegen den Landärztemangel, für Demenzkranke und mit dem Wegfall der Praxisgebühr Erfolge erzielt. Erfolge, mit denen wir vor Ort punkten.
SPIEGEL ONLINE: Es geschehen überraschende Dinge in der FDP. Außenminister Guido Westerwelle will wieder verstärkt im Wahlkampf mitmischen. Hat die FDP vergessen, warum sie ihn einst als Parteichef ablöste, auch mit Ihrer Hilfe?
Bahr: Ich schätze Guido Westerwelle seit Jahren, und wir haben ein gutes Verhältnis. Er hat sich die vergangenen zwei Jahre auf seine Rolle als Außenminister konzentriert und dort Erfolge erzielt. Wir brauchen ihn als starken Wahlkämpfer im Team. Ich habe immer gesagt, dass wir als FDP mit einer Mannschaft in den Bundestagswahlkampf ziehen sollten.
SPIEGEL ONLINE: Derzeit liegt die FDP bei vier, fünf Prozent in den Umfragen. Westerwelle hält neun Prozent für möglich. Ist das neue Hybris?
Bahr: Nein. Wir haben bei den vergangenen drei Landtagswahlen um die 9 Prozent und mehr erreicht. Das ist auch im Bund realistisch. Die Wähler werden sich im Herbst entscheiden müssen - wollen sie Rot-Grün, die für neue Steuererhöhungen und einen riskanten Euro-Kurs und damit für Inflation stehen? Oder wollen sie die FDP stärken, die für mehr Leistungsgerechtigkeit steht. Außerdem geht es um eine Fortsetzung der erfolgreichen schwarz-gelben Koalition mit gesunkener Arbeitslosigkeit und einem stabilen Euro-Kurs. Darauf läuft es am Ende hinaus.
SPIEGEL ONLINE: Philipp Rösler wurde vor fast zwei Jahren mit 95 Prozent der Stimmen zum Parteichef gewählt. Seitdem gab es viel Kritik an ihm. Wird er diesmal ein ähnlich hohes Ergebnis bei seiner Wiederwahl erzielen?
Bahr: Damals hat Philipp Rösler ein überragendes Ergebnis erhalten, das war außergewöhnlich. Diesmal wird er ein gutes Ergebnis bekommen. Er ist unser Parteichef, der mit dem Spitzenmann Rainer Brüderle an vorderster Stelle und mit unserem Team in den Wahlkampf zieht.
SPIEGEL ONLINE: Was hat Rösler erreicht?
Bahr: Die FDP hat gemeinsam unter Röslers Vorsitz viel erreicht - ohne ihn wäre Joachim Gauck nicht Bundespräsident geworden, wären Steuergelder für insolvente Betriebe geflossen, hätten wir auch nicht die Abschaffung der Praxisgebühr durchgesetzt. Und bei der Energie ist es auch die FDP, die auf die Kosten achtet.
SPIEGEL ONLINE: Die FDP ist oft zerstritten. Müssen Sie nach dem Parteitag nicht befürchten, dass es damit weitergeht, wenn Dirk Niebel gegen Sie aus dem Präsidium fliegen sollte?
Bahr: Wettbewerb ist gut, sportlich und fair. Ich stehe dafür, unsere Inhalte selbstbewusst in den Vordergrund zu rücken. Unser Umgang untereinander hat uns Vertrauen gekostet. Das muss besser werden. Die Wähler erwarten, dass die FDP-Führung ordentlich zusammenarbeitet.
Das Interview führte Severin Weiland
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