FDP im Sexismus-Streit: Abtauchen, beschwichtigen, schweigen
Die FDP will die Aufregung um die Vorwürfe einer "Stern"-Reporterin gegen Fraktionschef Rainer Brüderle aussitzen. Die Liberalen üben sich in maximaler Geschlossenheit. Dennoch könnte das Thema langfristig für die Partei zu einem Problem werden.
Berlin - Philipp Rösler schweigt. Öffentlich zumindest hat sich der FDP-Parteichef bislang nicht zum Bericht einer "Stern"-Reporterin geäußert, in der diese unangemessene Bemerkungen des FDP-Fraktionschefs Rainer Brüderle beklagte. Anfragen von Medien hat der 39-Jährige unkommentiert gelassen. Am Dienstag allerdings erklärte er im "Kölner Stadt-Anzeiger": "Die Vorwürfe gegen ihn sind durchsichtig und haltlos. Das ist eine Kampagne gegen die gesamte FDP."
Die FDP, ansonsten oft zerstritten, hat der Artikel des "Stern" zusammengeschweißt. Viele Führungspersonen bis hinauf zur Vize und Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger haben in den vergangenen Tagen, seit das Thema hochkochte und schließlich in eine allgemeine Debatte über Sexismus mündete, wahlweise die Illustrierte angegriffen oder die Reporterin Laura Himmelreich.
Die FDP kann von Brüderle, der gerade erst von Rösler zum "Gesicht der FDP" und "Spitzenmann" erklärt wurde und im Bundestagswahlkampf auf Stimmenfang gehen soll, auch gar nicht abrücken. Sie muss ihn stützen, sie will die Aufschreiwelle, gedruckt, gesendet oder im Internet, über sich ergehen lassen.
Erfahrungen damit hat die Partei zur Genüge: War nicht erst kürzlich Rösler vollends abgeschrieben worden, bis ihn die Niedersachsenwahl mit fast zehn Prozent rettete und ihn ermunterte, die interne Konfrontation mit Brüderle zu suchen? Am Wochenende, beim Neujahrsempfang der FDP in Nordrhein-Westfalen, wurde Brüderle mit großem Applaus bedacht und der frühere Parteichef Guido Westerwelle stellte fest, für den Mann an der Spitze gebe es beim politischen Konkurrenten "und in einigen Redaktionsstuben kein Pardon mehr". Westerwelle mag da auch an seine eigene politische Vita gedacht haben, in der er selbst oft und wiederholt härtesten Angriffen ausgesetzt war.
Brüderle und Rösler haben vereinbart, von der Parteispitze her die Debatte um den Artikel nicht durch weitere Äußerungen zu beleben. Entwicklungsminister Dirk Niebel erklärte am Montag im Präsidium, dass er ein bereits vereinbartes Interview mit der Reporterin diese Woche abgesagt habe. Brüderle wiederum sagte im Präsidium, er werde die Sache nicht kommentieren. Dem folgt die Führung, einhellig, wie Generalsekretär Patrick Döring betonte: "Wir unterstützen ihn darin."
In der FDP haben sie das Dilemma erkannt
Auch wenn die Partei zu ihrem Spitzenkandidaten steht, die Liberalen haben dennoch das Problem, dass die Sexismus-Debatte künftig wohl nicht mehr ohne die Nennung Brüderles geführt wird - unabhängig davon, ob die Vorhaltungen der Reporterin stimmen. Dass die Geschichte nicht eindimensional ist, zeigte am Montag ein Foto, das in "Bild" und "Focus" veröffentlicht wurde und vom 10. Januar dieses Jahres stammt, auf dem die Reporterin neben Brüderle läuft und ihn anlächelt. Für Liberale ist das Bild eine Bestätigung dafür, dass die Reporterin den Vorfall an einer Hotelbar, der ein Jahr zurücklag, nur benutzt hat, um ihrer Geschichte über Brüderle eine entsprechende Richtung zu geben. Döring, nach der Präsidiumssitzung darauf angesprochen, wie er das Bild bewerte, kommentierte es so: "Mein Einfühlungsvermögen reicht nicht aus, um das zu beantworten."
Das Problem dabei: Die Debatte ist weiter, dreht sich nunmehr um die Frage, wie Männer mit Frauen umgehen, vorzugsweise am Arbeitsplatz. In der FDP haben sie das Dilemma durchaus erkannt. Döring selbst stellte fest, er rate allen, die Debatte "weit weg vom Ereignis zu führen". Konkret heißt das wohl: Die FDP soll, wenn sie sich auf die Sexismus-Debatte schon einlassen muss, den Namen Brüderle möglichst nicht nennen. Das dürfte ein schwieriges Unterfangen sein.
Von der Linie der FDP setzte sich lediglich das frühere FDP-Präsidiumsmitglied Silvana Koch-Mehrin ab. Sie attestierte der Reporterin Laura Himmelreich "Mut", das "Thema Anzüglichkeiten so offen zu benennen". Auch anderen war bei der Haltung ihrer Partei nicht so ganz wohl. Der Vorsitzende der Jungen Liberalen, Lasse Becker, schrieb zusammen mit dem niedersächsischen FDP-Landtagsabgeordneten Björn Försterling einen Beitrag, der die ausgewogene Mittellage suchte: Das Leben sei selten schwarz oder weiß, sondern häufig grau, so ihr Kommentar: "Das vergessen diejenigen, die sich als Journalisten in der aktuellen Diskussion auf Rainer Brüderle stürzen ebenso wie mancher, der das Verhalten Brüderles unreflektiert als normales Flirtverhalten bezeichnet."
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