Von Severin Weiland
Berlin - Bei den Liberalen sind alle Augen auf einen Mann gerichtet: Christian Lindner, 33 Jahre, Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen. Er soll es richten, muss es richten. Für manche in seiner kriselnden Partei ist er schon zu einer Art Heilsbringer geworden. Einer, der vieles vereint - das sympathische Gesicht der FDP, der schlaue Bücher liest, den richtigen Ton trifft und einen Saal mitreißen kann.
Am Sonntag schlägt für ihn die Stunde der Wahrheit: Bringt er die liberale Truppe über die Fünfprozenthürde? Vielleicht sogar auf acht Prozent wie Wolfgang Kubicki am letzten Sonntag in Schleswig-Holstein? Es wird auf jede Stimme ankommen. Manche Umfrage sieht ein knappes Ergebnis voraus. Aber wenn es einer kann, dann dieser Christian Lindner. Schafft er es, könnte es die Trendwende auch für die Bundes-FDP bedeuten.
Eigentlich läuft es darauf hinaus. Seine Veranstaltungen waren gut besucht, die Medien berichteten freundlich, er absolvierte ein enormes Pensum. Lindner sieht jetzt müde und abgekämpft aus. Irgendwie passt das zu seiner FDP. Hier ist kein glatter Strahlemann zu sehen, sondern einer, dessen Gesichtszüge zeigen, dass es diesmal um alles oder nichts geht.
Es hängt schließlich viel ab von dieser Wahl. Scheitert er in NRW, wird in der FDP eine kollektive Depression ausbrechen. Dann wird sich noch in der Wahlnacht die Frage nach einem Schuldigen aufdrängen. Und der wird dann Philipp Rösler heißen, seit einem Jahr glücklos agierender Bundesvorsitzender. Sein Stuhl wackelt, und wenn es in Düsseldorf nicht klappt, dürfte er kippen. Vielleicht nicht sofort, aber über kurz oder lang.
Dann dürfte auch der Name Lindners ins Spiel gebracht werden.
Kommt es zum Linksschwenk?
Zuletzt machten Putschgerüchte in der FDP die Runde. Es ist ein Zeichen, wie nervös manche sind. Vorerst wird Geschlossenheit demonstriert. Lindner und Rösler haben schon einmal vorgesorgt. Am Tag nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen werden beide gemeinsam in der Bundeszentrale in Berlin auftreten. Es ist eine optimistische Planung.
Wird Lindner der neue starke Mann an Rhein und Ruhr? Einer, der irgendwann noch mehr kann? Selbst wenn er gewinnen sollte, auf den Bundesvorsitz haben auch andere ein Auge geworfen. Es gibt wichtige Leute in der Partei, die ein Ziel verfolgen - Lindner zu verhindern. Sie nehmen ihm nicht nur seinen Rücktritt als Generalsekretär übel, sie halten ihn auch nicht dafür geeignet, die 65.000 Mitglieder zählende Partei zu führen, sie fürchten auch unter ihm einen Ruck nach links. Dann dürfte wohl die Stunde für Rainer Brüderle schlagen, der kämpferische Fraktionschef im Bundestag, der Mann für die "Brot und Butter"-Themen, der klassischen Ausrichtung auf wirtschaftliche Kompetenz.
Es ist ein entscheidendes Wochenende für die Liberalen. Gewinnt Lindner, könnte er Rösler an der Spitze stabilisieren, zumindest zeitweise. Rösler wird dafür einen Preis zu zahlen haben, denn Lindners Einfluss wird wachsen, er führt den mächtigen und größten Landesverband. Zusammen mit Wolfgang Kubicki aus dem Norden könnte er die Partei umbauen, öffnen für einen neuen Sound im Bundestagswahlkampf 2013. Das Wahlprogramm auffrischen.
Darauf hoffen manche. Kubicki hat es vorgemacht - mit seiner Forderung, den Spitzensteuersatz zu erhöhen, um im Gegenzug bei der kalten Progression die mittleren Einkommen zu entlasten. Er will eine sozialere FDP, sie wäre auch für SPD und Grüne ein möglicher Koalitionspartner.
Lob von Genscher
Vor zweieinhalb Monaten kehrte Lindner ins große Politikspiel zurück. Er hat in dieser Zeit ein kleines Wunder vollbracht: Kaum jemand redet darüber, dass er mit Rösler die Bundes-FDP erneuern sollte. Dass er daran gescheitert ist, seinen Job als Generalsekretär hinschmiss. Vergessen, verdrängt, für den Moment wenigstens. Jetzt verkörpert er für viele die Hoffnung auf eine andere FDP. Hans-Dietrich Genscher, der von einem operativen Eingriff genesene Ehrenvorsitzende, ließ es sich nicht nehmen, auf dem Landesparteitag für ihn zu werben. Er adelte ihn mit dem Satz: "Ich bin stolz auf Sie."
Lindners möglicher Erfolg könnte am Ende einen unfreiwilligen Verbündeten haben: Norbert Röttgen. Der CDU-Spitzenkandidat ist die Spottfigur des bürgerlichen Lagers. Röttgen machte schwere Fehler, er erklärte die NRW-Wahl zur Entscheidung über Angela Merkels Euro-Kurs, er konnte sich nicht dazu durchringen, sein Ministeramt in Berlin für den Fall einer Niederlage aufzugeben und in den Landtag zu ziehen. Lindner machte es anders: Er will sein Bundestagsmandat abgeben, wenn er mit seiner FDP den Wiedereinzug schafft. Das verschafft ihm Sympathien.
Röttgen, so hat FDP-Entwicklungsminister Dirk Niebel gelästert, sei der "beste Wahlkämpfer" der Liberalen. Lindner hat sich von Niebel, einst Generalsekretär unter Westerwelle, prompt distanziert - das sei nicht seine Wortwahl. Den hämischen Verbalschlag gegen den CDU-Konkurrenten, genau das will Lindner nicht. Seine FDP soll anders sein: sachlich, vertrauenswürdig, keine schrillen Töne wie zu Zeiten von Jürgen Möllemann und Guido Westerwelle. Er will eine "seriöse FDP", wie er das nennt.
Am Sonntag wird sich zeigen, wie weit Christian Lindner damit kommt.
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