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FDP-Wahlergebnis in NRW: Einfach, niedrig und gerecht

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Einst führte Guido Westerwelle die FDP von Erfolg zu Erfolg. In Nordrhein-Westfalen straften nun die Wähler seine Partei hart ab. Die Liberalen in Düsseldorf sagen: für die "verkorkste Politik in Berlin" - und meinen ihren Parteichef.

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FDP-Chef Westerwelle am Sonntag in Berlin: "Das war ein Warnschuss für die Regierung"

Berlin/Düsseldorf - Ein Witz kursiert unter der spärlichen Schar der Gäste in der FDP-Bundeszentrale. Frage: Was ist das Wahlergebnis von Nordrhein-Westfalen? Antwort: einfach, niedrig und gerecht.

Es ist Galgenhumor der besonderen Art. Denn das ist Guido Westerwelles Steuerslogan, den er immer und immer wieder durchs Land posaunt hat.

Damit ist es nun vorbei. Die Steuerreform wird wohl so nicht kommen. Denn Schwarz-Gelb ist seit diesem Sonntagabend ohne Mehrheit im Bundesrat. Die Luft ist raus. Vor sechs Monaten, im Herbst, hat Westerwelle die FDP großgemacht - 14,6 Prozent im Bund. Jetzt sind sie in Nordrhein-Westfalen bei 6,7 Prozent gelandet, ein bisschen mehr als 2005.

Dabei wollten sie zwischen Rhein und Ruhr nochmals Rekorde feiern. Guido Westerwelle und der NRW-Landeschef Andreas Pinkwart visierten 10 plus X an.

Nun das. Es ist ein Desaster, auch wenn Westerwelle in einem Nebensatz noch einen zaghaften Versuch unternimmt, die Sache schönzureden. "Das ist ein sehr enttäuschender Wahlabend für die Freien Demokraten, auch wenn wir unser Ergebnis mutmaßlich verbessern konnten", sagt er nach der ersten Hochrechnung. Eigene Fehler? "Das war ein Warnschuss für die Regierung." Die Wählerinnen und Wähler könnten sich sicher sein, dass er gehört werde. Es seien nun Schlussfolgerungen für die Regierungskoalition zu ziehen, sagt Westerwelle.

Nur welche? "Es gilt die alte Soldatenregel - einfach mal eine Nacht darüber schlafen", sagt Fraktionsgeschäftsführer und Reservist Jörg van Essen. So und ähnlich reden sie alle in der FDP-Bundeszentrale. Man müsse Geschlossenheit zeigen. Handlungsfähig sein. Was an solch einem Katastrophenabend eben geredet wird. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, den viele als neuen Hoffnungsträger sehen, plaudert mit Journalisten über die Schlafprobleme seiner Zwillingstöchter. Dann gibt er schnell noch ein Interview, in dem die Wörter "Schlussfolgerungen" und "Zeichen für die gesamte Bundesregierung" auftauchen.

Von Jubel bis Enttäuschung

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Die Diskussion über den Parteichef will jetzt niemand führen

Die Wahlparty der FDP wirkt wie Absurdistan. Alle wissen, dass es eigentlich auch um Westerwelle gehen müsste. Um seinen Anteil am Niedergang. Nur der neue Chef der Jungliberalen, Lasse Becker, wagt sich einige Zentimeter aus der Deckung: "Wir müssen alles auf den Prüfstand packen." Das Ziel 10 plus X, die Streitereien in Berlin, das thematische Angebot der Partei. Auch die Rolle des Parteichefs? "Diese Diskussion müssen wir jetzt nicht führen", weicht der Juli-Chef erschrocken zurück.

Noch sitzt Westerwelle fest im Sattel. 39 Jahre alt war er, als er jüngster Parteichef der Bundesrepublik wurde. Das wird an diesem Abend aus seinem Lager gern nebenbei unter den Journalisten gestreut. Um damit indirekt daran zu erinnern, wie alt seine mutmaßlich schärfsten Konkurrenten sind: Generalsekretär Christian Lindner, 31. Bundesminister Philipp Rösler, 37. Im Klartext: zu jung, keinen Mumm.

Man spielt beleidigte Diva

Dabei hat kein Außenminister und Vizekanzler in der Geschichte der Bundesrepublik je so schlechte Umfragewerte erzielt. Als er im Frühjahr die Hartz-IV-Debatte anfachte, von "spätrömischer Dekadenz" sprach, da hatte Westerwelle mit seinem rüden Krawallkurs noch einmal Erfolg. Die Umfragen gingen nach oben - und die Welt des Guido Westerwelle schien wieder im Lot: Seht her, ich zeige euch, wie man Wahlkämpfe macht! Jetzt singen sie in seinen Reihen das andere Lied: Die Partei habe ja diesen Stil nicht mehr gewollt, Westerwelle habe sich stattdessen zurückgehalten. Man spielt ein bisschen beleidigte Diva im Guido-Lager.

Nein, Guido Westerwelle macht natürlich an diesem Abend nicht seinen Generalsekretär Lindner für die Katastrophe verantwortlich, auch nicht Pinkwart. Verantwortlich sind sie alle. Und damit dann irgendwie keiner. "Man gewinnt Wahlen zusammen, man verfehlt auch sein Wahlziel zusammen", ruft er im Thomas-Dehler-Haus in Berlin. Die FDP stehe auch an diesem Abend "zusammen und beieinander".

Dabei hat die Zeit der versteckten Schuldzuweisungen längst begonnen. In der Partei hat sich das Unbehagen mit seinem Politikstil breitgemacht. Sein neuer Generalsekretär Christian Lindner versuchte in den vergangenen Wochen, mit Aufsätzen und Interviews in renommierten Blättern, mit einem sozialpolitischen Kongress, nach der Hartz-IV-Attacke eine sanftere FDP zu zeichnen. Es ist auch ein Entwurf für eine FDP nach der Ära Guido Westerwelle. In Berlin wird Westerwelle - noch - nicht offen in Frage gestellt. An der Basis sind sie schon so weit.

Im "Schiffchen" hat der Abschied von Westerwelle begonnen

Tief im Westen der Republik, im Restaurant "Zum Schiffchen" in der Düsseldorfer Altstadt, sitzen an diesem Abend gutsituierte Mittelständler, die Haare gescheitelt, randlose Brillen im Gesicht, die Hände vor dem Bauch gefaltet. Hier trinkt die deutsche Gutbürgerlichkeit, zumeist Altbier vom Fass, für 1,95 Euro das Glas. Zwischen den Schlucken machen die Männer ihrer Enttäuschung Luft. "Es ist traurig, aber wir haben es geahnt", sagt Matthias Röhl, Ortsverbandsvorsitzender im Düsseldorfer Norden. "Wir sind für die verkorkste Politik in Berlin abgestraft worden." Er habe im Wahlkampf häufig zu hören bekommen: "Den Guido wähle ich nicht noch mal." Dieser Emotionalität hätten er und seine Mitstreiter kaum etwas entgegensetzen können. "Jetzt sind wir wieder bei unserer Kernklientel angelangt, dem Kerngeschäft", so der 40-jährige Röhl.

Spitzenkandidat Pinkwart, der im "Schiffchen" mit zaghaftem Applaus begrüßt wird, ringt sich zu einer etwas hüftsteifen Kritik an seinem Bundesvorsitzenden durch. "Der Trend stand gegen uns", spricht der FDP-Landeschef. Man habe den NRW-Wahlkampf in einem "außerordentlich schwierigen Umfeld" führen müssen, in dem die landespolitischen Erfolge der Partei nicht hätten vermittelt werden können. Als Guido Westerwelle auf den Bildschirmen der Kneipe gezeigt wird, klatscht niemand. Stattdessen nur stummes Stieren.

Hier hat der Abschied von Westerwelle schon begonnen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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1. schneidiges Ergebnis
Dr_Lecter 10.05.2010
Hier eine interessante Zahl zum FDP-Ergebnis: Vor gut 7 Monaten hat die FDP - allein in NRW - ca. 1,4 Millionen Zweitstimmen erhalten. Nun sind sind davon nur noch gut eine halbe Million übriggeblieben. Das bedeutet eine Verringerung der Wählerschaft um sage und schreibe 62 %! Hat es so etwas schon mal gegeben? Ein Absturz in so kurzer Zeit? Man kann ja nichtmal sagen, dass hier die Länderthemen ausschlaggebend waren. Gerade FDP-Wähler sind ja eher Bund-orientiert. Landesthemen spielen meist eine untergeordnete Rolle!
2. Korrektur
Dr_Lecter 10.05.2010
Sorry, ich muss mich korrigieren: Die FDP hat 71,66 % ihrer Wähler von vor 7 Monaten in NRW verloren!
3. DANKE für diese geniale Überschrift!
kugelsicher99, 10.05.2010
Zitat von sysopEinst führte Guido Westerwelle die FDP von Erfolg zu Erfolg. In Nordrhein-Westfalen straften nun die Wähler seine Partei hart ab. Die Liberalen in Düsseldorf sagen: für die "verkorkste Politik in Berlin" - und meinen ihren Parteichef. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,693880,00.html
Ich muss die SPON Schreiber wirklich loben, was ihr manchmal für Überschriften aus dem Hut zaubert, ist schon großes Kino. Und mit dieser da oben setzt ihr für mich einen wunderbaren Schlusspunkt unter diesen Abend. Wunderbar, wie ihr diese völlig platte FDP Worthülse in einen rhetorischen Boomerang verwandelt habt! Jetzt kann ich schlafen gehen. ;-)
4. Besser mehr als nur die Überschrift lesen
kugelsicher99, 10.05.2010
Sorry, erst nachdem ich den Artikel jetzt gelesen habe, weiß ich, dass die geniale Überschrift nicht aus der Feder der SPON Schreiber stammt. Ansonsten... besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.
5. hyperventilierendes Treiben
toskana2 10.05.2010
Zitat von sysopEinst führte Guido Westerwelle die FDP von Erfolg zu Erfolg. In Nordrhein-Westfalen straften nun die Wähler seine Partei hart ab. Die Liberalen in Düsseldorf sagen: für die "verkorkste Politik in Berlin" - und meinen ihren Parteichef. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,693880,00.html
Darüber habe ich mich richtig gefreut: Und nun hoffe ich, dass Guido-Klappe ab sofort sein "hyperventilierendes"-Ego anderweitig zu Nutzen unseres Volkes zu sublimieren weiss. Mir persönlich wäre Genüge getan, wenn diese Zumutung von Politiker nicht mehr so laut herum lärmen würde!
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